Haifa

Oberwasser für die Unterstadt

Finstere Spelunken, zwielichtige Gestalten und schmuddelige Ecken: So kannte man Haifas Hafengegend jahrzehntelang. Die Unterstadt, im Hebräischen »Ir Tachtit« genannt, hatte einen üblen Ruf und wurde von Israelis wie Touristen gemieden. Doch vorbei sind die düsteren Zeiten. Die einst heruntergekommene Gegend hat sich zu einem kunterbunten Ausgehviertel gemausert – ohne dabei das originale Hafenflair verloren zu haben.

In die alten Läden und Warenhäuser aus osmanischer Ära und britischer Mandatszeit sind trendige Cafés, durchgestylte Bars oder Restaurants eingezogen, haben Kulturzentren und Kunststudios eröffnet. Einige Boutiquehotels und Hostels für Rucksacktouristen haben sich direkt am Wasser angesiedelt und beherbergen immer mehr Gäste aus aller Welt. Freitags tummelt sich ein gemischtes Völkchen im einstigen türkischen Markt rund um die Stände der einheimischen Kunstgewerbetreibenden.

BUREKAS In den Straßen existiert heute das Neue neben dem Alten: Hier ist die lokale Brauerei Libira, die ihr eigenes Bier braut, dort das Café PLMR, das mit »Matrosen-Drinks« an die Geschichte des Hafens erinnert. Der Friseursalon Barberia bedient nicht mehr nur in Tel Aviv Hipster mit Vollbärten. Genauso ist er in Haifa eingezogen, wo stylische Friseure die Bärte ihrer mindestens ebenso großartig aussehenden Kundschaft schäumen und trimmen. Auch alteingesessene Läden, die die schlechten Jahre überstanden haben, profitieren vom frischen Wind. Wie die Burekas-Bäckerei Bachar Haagala, deren Mitarbeiter an diesem Ort seit einem halben Jahrhundert ihren türkischen Blätterteig in den Ofen schieben.

Manchmal haftet der zweifelhafte Ruf noch heute am Viertel.

Viel hat die Verwaltung in den vergangenen Jahren investiert, um das Stigma der drittgrößten Stadt, lediglich zum Arbeiten gut zu sein, abzuwerfen. Über die Grenzen hinaus ausschließlich für die Bahai-Gärten bekannt, hat sich Haifa in den vergangenen Jahren neu erfunden. Es war der einstige Bürgermeister Yona Yahav, der einen Plan umsetzte, die Stadt wieder an das Wasser anzubinden. »Denn das ist Haifas größter Schatz«, betonte er stets. Die neue Bürgermeisterin Einat Kalisch Rotem will ihren Fokus ebenfalls auf die Entwicklung der Unterstadt legen.

Denn der Wandel funktioniert. Neben der Stadtverwaltung haben die Universitäten einen großen Anteil an der Renaissance. An verschiedenen Stellen der Unterstadt hängen Banner, die ankündigen, dass an dieser Stelle neue Fakultäten der Offenen Universität, der Universität Haifa, des Technions und privater Colleges geplant sind.

Überall ziehen Studenten in die Häuser aus dem 18. und 19. Jahrhundert, deren Mietpreise noch relativ erschwinglich sind. Nicht zu übersehen ist der neueste Komplex der Universität Haifa mit seiner farbenfrohen Fassade, auf der die Konterfeis von Wissenschaftlern prangen: der Campus für Datenwissenschaften Lorry I. Lokey, der erst im Oktober des vergangenen Jahres eingeweiht wurde.

zusammenschluss »Universitäten und Städte profitieren von einer symbiotischen Beziehung. Als Zusammenschluss von Akademie, biomedizinischer Forschung und Hightech wird der Campus Tausende neue Studenten anlocken und ein integraler Teil der Unterstadt Haifas werden«, sagte damals Universitätspräsident Ron Robin.

Der frische Wind ist überall spürbar: Es entsteht ein neuer Uni-Campus, Studenten ziehen in die alten Häuser.

Manchmal jedoch haftet der zweifelhafte Ruf noch heute am Viertel. Dann fragen Leute, ob die Studenten oder jungen Familien nicht Angst hätten, dort einzuziehen und ihre Kinder auf der Straße umherlaufen zu lassen. Die Antwort lautet oft: »Du warst wohl lange nicht mehr dort.«

Die Designstudentin Mor Sivan kann über solche Fragen nur lachen. Mit einigen Kommilitonen sitzt sie im Restaurant Fattoush, das direkt an den Bahnschienen liegt. Im Garten gibt es statt Grün den freien Blick auf die Kräne des Hafens, die noch heute die Ladung der großen Dampfer aus aller Welt löschen. Ob Haifa es mit Tel Avivs Nachtleben aufnehmen kann? »Aber natürlich«, ist Sivan überzeugt.

Doch es sei viel mehr als das. Tel Aviv sei unbeweglich geworden. »Aber unsere Unterstadt ist noch flexibel, wir können sie mitgestalten, damit sie unseren Ansprüchen gerecht wird.« Außerdem würde die Koexistenz in Haifa nicht nur gepriesen, sondern gelebt.

KOEXISTENZ Im Fattoush sieht man es. Die Bedienungen sind jung, hip – und arabisch. Auch dafür steht Ir Tachtit: das Zusammenspiel von Arabern und Juden, Metropole und Kleinstadt, modern und angestaubt. Entsprechend gibt sich die Speisekarte eklektisch: Der namensgebende Salat Fattoush mit gerösteten Pitastücken und Fetakäse steht neben den weißen Bohnen Qudsiyyeh und Patatas Bravas im Barcelona-Stil. Jeden Abend verwandelt sich das Restaurant in eine Bar mit Live-Musik, am Wochenende legen DJs auf. Gleichzeitig ist es Kunstgalerie und Kulturzentrum für Koexistenz.

»Ich hätte es nie gedacht, aber Haifa ist meine absolute Lieblingsstadt geworden«, schwärmt ein Student.

Josh Rose aus New York studiert für zwei Auslandssemester an Haifas Technion. Er wohnt seit einem halben Jahr in einer WG in der Unterstadt. Wie jeden Samstag sitzt er im Café PLMR (gesprochen Palmer) und trinkt Kaffee, während er für seine Prüfungen lernt. »Anfangs meinte ich: Oh je, ich muss wohl ständig nach Tel Aviv fahren, um Spaß zu haben. Doch tatsächlich war ich nur ein einziges Mal da.«

Das Gefühl, etwas zu verpassen, hat er nicht. »Es gibt alles, was man für ein fantastisches Studentenleben braucht: grandiose Strände, nette Leute und diese ultracoole Gegend am Hafen. Ich hätte es nie gedacht, aber Haifa ist meine absolute Lieblingsstadt geworden.«

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