Reportage

»Lieber Gefängnis als Armee«

Avinoam, Assaf, Pinchas und Ran stecken die Köpfe zusammen und diskutieren. Sie sitzen in ihrer Jeschiwa in Jerusalems Stadtteil Beit VeGan mit dem Talmud auf dem Tisch: Sie suchen die richtige Antwort. Eine, die keine Zweifel aufkommen lässt und Gültigkeit besitzt. Das ist wichtig. Täglich elf Stunden lang lesen Jeschiwaschüler wie diese vier Männer den Talmud und streiten um die Bedeutung der Worte darin – etwa, was man an Schabbat tun darf, muss und soll. Die Auseinandersetzung hilft zu verstehen und so Gott zu dienen, erklären sie.

proteste Doch die Fragen, um die es heute geht, sind andere als üblich: Braucht Israel eine Armee? Warum sollen ultraorthodoxe Männer keinen Wehrdienst leisten? Wie sieht die Zukunft des Landes aus? Wer bedroht wen? Es geht um Probleme der säkularen Welt, mit der die Charedim – zu Deutsch »Gottesfürchtige« – in der Regel nichts zu tun haben wollen.

Doch im Laufe der vergangenen Monate sind sie wider Willen immer enger mit diesem Teil der israelischen Gesellschaft in Verbindung gebracht worden: Zum ersten Mal in der 65-jährigen Geschichte des Staates Israel gibt es ein Gesetz, wonach auch Ultraorthodoxe zum Wehrdienst herangezogen werden. Zum einen, um der Forderung von 83 Prozent der israelischen Bevölkerung Rechnung zu tragen, die die bisherige Befreiung der Charedim vom Wehrdienst als ungerecht empfindet. Zum anderen, weil diese Bevölkerungsgruppe stark gewachsen ist und die marode Staatskasse belastet.

Die Pläne der Politiker haben kürzlich Tausende Ultraorthodoxe vor das Rekrutierungsbüro der Armee in Jerusalem getrieben. »Ihr werdet unsere Welt nicht verändern«, skandierten sie und »Die Tora steht über allem«. Das sehen Avinoam und seine Glaubensgenossen genauso. »So ist es von Gott befohlen«, sagt der 29-Jährige. Avinoam ist erst vor drei Jahren ultraorthodox geworden. Davor hat er neun Jahre lang in der Armee gedient und Erziehungswissenschaften studiert. Auch Assaf war als Soldat »fünf Jahre lang bei einer Spezialeinheit«, wie er erklärt, und kennt die säkulare Welt. Aber ihr früheres Leben hat für die beiden keinerlei Bedeutung mehr. Was heute zählt, ist das Torastudium, um Gott bei der Umsetzung seines Planes zu unterstützen. »Wir füllen das Universum mit Leben«, sagt Avinoam. Wahre Gottesfürchtige lebten in einer spirituellen Welt, »daneben existiert nichts«.

welten Haben Raketen der Hamas nichts mit der Realität zu tun? Assaf nickt und bedauert: Leider sei Krieg die Konsequenz aus dem Verhalten der Menschen in der anderen Welt: »Israel braucht eine Armee. Warum? Weil der Staat nicht religiös ist, die Gesetze der Tora nicht achtet.« Mit dem neuen Gesetz werde versucht, die Nation zu spalten und die säkularen Juden gegen die Ultraorthodoxen aufzubringen, »anstatt ihnen die enorme Bedeutung des Glaubens« zu erklären. Die wahren Verteidiger Israels waren und sind die Gottesfürchtigen. »Wir bringen Frieden, und wir bringen Wohlstand.«

Wohlstand auf Kosten der anderen, sagen säkulare Kritiker. Immerhin profitieren die Charedim von den bislang großzügigen finanziellen Hilfen des Staates ohne jede Gegenleistung. »Wir verstehen den Unmut«, sagt Avinoam freundlich. »Aber wir tragen die größere Last auf unseren Schultern, weil wir durch unsere Spiritualität Segen über die Menschen bringen.« Er und seine Mitgläubigen hätten nicht nur das Recht, so zu leben, sondern auch die Pflicht. Es sei eine unveränderbare Tradition in einer jüdischen Gemeinde, dass sich ein Teil der Männer dem Torastudium widme, ergänzt Assaf. Natürlich fühle sich nicht jeder Charedi dazu berufen. Deshalb gebe es auch in der ultraorthodoxen Gemeinschaft Männer, die arbeiten gehen: »Sie zahlen Steuern wie alle anderen.«

rebben In einer ultraorthodoxen Gemeinde sind Denken und Handeln kollektiv – und hierarchisch vorgegeben. Alles wird vom Rebben bestimmt: In welcher Gesellschaft man sich bewegen darf, wie lang die Röcke der Frauen sein sollen und eben auch, ob man zum Militär gehen soll. Die Entscheidungen treffen Oberrabbiner wie Aharon Leib Steinman, der die Litauer Charedim anführt. Steinman rief in der ultraorthodoxen Zeitung Yated Neeman die wehrpflichtigen Männer dazu auf, sich standhaft dem neuen Gesetz zu widersetzen, und bezeichnete den charedikritischen Finanzminister Yair Lapid als »üblen Wicht, der von einem bösen Vater« aufgezogen worden sei.

Solange sich die Vorgaben seines Rabbiners nicht ändern, bleibt auch der 19-jährige Pinchas bei seiner Haltung: »Ich gehe lieber ins Gefängnis als zur Armee.« Kompromisse kommen nicht infrage. Auch nicht das Netzach Jehuda Bataillon, in dem ausschließlich Ultraorthodoxe dienen. »Wer zur Armee geht, verliert seine Spiritualität und seinen Glauben«, erklärt Avinoam. »Und er kehrt vielleicht nicht mehr zurück in die Gemeinschaft.« Denn die Versuchungen der anderen Welt sind groß, ergänzt Assaf: »Der Mensch ist schwach.«

Zwischen dieser Einstellung und der der israelischen Mehrheitsgesellschaft ist es schwer, wenn nicht unmöglich, Brücken zu bauen. Nicht einmal die Tora zeigt Wege auf. Als der Oberste Gerichtshof im Februar 2012 sein Urteil gegen eine Freistellung der Ultraorthodoxen von der Wehrpflicht begründete, zitierte er Moses: »Sollen eure Brüder in den Krieg ziehen, während ihr selbst hier bleibt?« Avinoam, Assaf, Pinchas und Ran stecken die Köpfe zusammen und diskutieren, wie diese Worte richtig zu deuten sind.

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