Krieg

Laubhütte im Stellungskampf

Zigtausend Raketen hat die Hisbollah seit dem 8. Oktober 2023 auf Kiriat Schmona gefeuert. Foto: copyright (c) Flash90 2024

Es sind Sukkotferien in Israel, und die vierköpfige Familie ist in einem Hotel am Kinneret. In normalen Zeiten ein hübsches Szenario. Doch dies sind alles andere als gewöhnliche Zeiten. Die Levys leben seit mehr als acht Monaten im Hotelzimmer. Ihre eigene Wohnung liegt in einer der nördlichsten Städte des Landes, Kiriat Schmona, wenige Kilometer von der Grenze zum Libanon entfernt. »Sukkot dekorieren wir den Balkon des Hotels«, sagt Familienvater Mordi Levy traurig. »Nach Hause können wir nicht.«

In den ersten vier Monaten, nachdem der Beschuss des Nordens durch die Terrormiliz Hisbollah am 8. Oktober 2023 begann, waren sie bei Verwandten im Zentrum des Landes untergekommen. »Wir dachten, es dauert nicht so lang, einige Wochen vielleicht. Doch irgendwann ging es nicht mehr«, sagt Ehefrau Shelly. »Wir waren zu viert plus Hund im Gästezimmer. Das konnten wir nach einigen Monaten weder uns noch unseren Angehörigen zumuten.«

Während Sukkot an die Zeit erinnert, in der die Israeliten auf der Wanderung durch die Wüste temporäre Hütten bauten, hat das Fest in diesem Jahr für die Levys einen bitteren Beigeschmack. »Die Israeliten hatten ein klares Ziel vor Augen: die Heimat. Wir wissen aber nicht, ob wir jemals in unsere Heimat zurückkehren können«, so der 48-Jährige. »Ich bin in Kiriat Schmona geboren, habe mein ganzes Leben dort verbracht und eine Familie gegründet. Und nun ist alles völlig ungewiss.«

Extrem frustrierend

Resignation ist für viele der evakuierten Menschen aus den nördlichen Gemeinden kein neues Gefühl. Für Bürgermeister Avichai Stern ist es extrem frustrierend, dass er nicht weiß, wie lange Kiriat Schmona eine Geisterstadt bleiben wird. »Wir hören nichts von der Regierung. Keiner sagt uns, wie lange es so weitergehen soll.«

Die knapp 25.000 Einwohner sind derzeit im ganzen Land untergebracht, die meisten in rund 230 Hotels in Städten wie dem relativ nahe gelegenen Tiberias, aber auch am anderen Ende des Landes in Eilat am Roten Meer. Laut Stern leben momentan noch etwa 3000 Einwohner in Kiriat Schmona, die meisten von ihnen seien systemrelevante Arbeiter. Der Rest, sagt er, seien ältere und behinderte Menschen, die ihre Häuser nicht verlassen können oder wollen.

Zigtausend Raketen seien aus dem Libanon auf das normalerweise beschauliche Städtchen geschossen worden. »Unsere Vorwarnzeit soll eigentlich zehn Sekunden betragen«, erklärt der Bürgermeister. »Aber in der Praxis kommt es oft vor, dass die Rakete einschlägt und erst danach die Sirene losgeht.« Genau dies ist der Grund, warum die Levys nicht in die Stadt zurückkehren wollen, solange die Hisbollah in der Nähe der Grenze ihre Stellungen hat.

Seit Oktober 2023 wurden rund 60.000 Bewohner des Nordens evakuiert. Die sichere Rückkehr in ihre Häuser und die Wiederherstellung des Nordens sind brisante politische Themen, die Premierminister Benjamin Netanjahu als hauptsächliche Gründe für die seit drei Wochen andauernde israelische Offensive gegen die Hisbollah anführt.

16.000 Schüler

Bürgermeister Stern sorgt sich aber nicht nur um die aktuelle Situation in seiner Stadt, sondern auch darum, was danach kommt. Die »wahre Herausforderung« sei der Wiederaufbau nach der Zerstörung. Laut einer aktuellen Umfrage sagen bis zu 40 Prozent der Bewohner, dass sie nicht in die Stadt zurückkehren werden. Zu den Evakuierten gehören auch 16.000 Schüler aus dem Norden. Mehr als 90 Schulen in der Region seien durch Raketenbeschuss oder militärische Aktivitäten beschädigt worden, so die offiziellen Zahlen aus dem Bildungsministerium.

Das Heimatfrontkommando Pikud Ha’Oref gibt an, dass es im nördlichen Bezirk 268 Bildungseinrichtungen gebe, die zwischen 3,5 und neun Kilometern von der libanesischen Grenze entfernt liegen und über keine angemessenen Luftschutzbunker verfügen. Etwa die Hälfte werde derzeit renoviert. Die Fertigstellung hänge »von den Ereignissen und Sicherheitsbeschränkungen ab«.

Zu Beginn des Krieges evakuierte der Staat Grenzgemeinden im Umkreis von 3,5 Kilometern zum Libanon. »Aber auch der Rest des Nordens ist dauerhaftem Raketenbeschuss ausgesetzt«, erklärt Yoram Ibn Tzur vom Regionalrat Ober­galiläa. »Das hat zu einer schwarz-weißen Situation geführt, in der die Evakuierten alles und die Zurückgebliebenen nichts bekommen.« Bislang, so die Kritik vieler Offizieller im Norden, habe die Regierung in Jerusalem keinerlei Plan zur Sanierung der Region vorgelegt.

Eine im Oktober von der Industrievereinigung der nördlichen Region durchgeführte Untersuchung ergab, dass nur etwa 60 Prozent der Fabriken im Norden normal weiterarbeiteten. 15 Prozent hätten ihre Tore permanent geschlossen. »Die Firmenleiter treffen je nach Situation eine Entscheidung. Je näher sie der Grenze sind und die Gefahr des Beschusses steigt, desto eher vermeiden sie, ihre Mitarbeiter zu gefährden. Oft schließen sie«, sagt Ro’i Israeli, der Gebietsleiter der Vereinigung.

»Ich bin in Kiriat Schmona geboren, habe mein ganzes Leben dort verbracht, und nun ist alles ungewiss«, sagt Mordi Levy.

Das Wirtschaftsministerium hat erst vor wenigen Wochen damit begonnen, Fabriken mit mobilen Sicherheitsräumen auszustatten, die in einem Umkreis von bis zu fünf Kilometern von der Grenze zum Libanon liegen. Ein Tropfen auf den heißen Stein, vor allem vor dem Hintergrund der Ausweitung des Beschuss­radius durch die Hisbollah.

Erel Margalit ist ein israelischer Hightech-Investor und Sozialunternehmer. Ihn schmerzt die Lage im Norden. »Im Herzen Galiläas arbeitet eine Gruppe von Menschen seit fast zehn Jahren zusammen. Sie sind überzeugt, dass die gemeinsame Anstrengung aus Moschawim und Kibbuzim, Städten, Gemeinden und Dörfern, Juden, Arabern, Drusen und Tscherkessen einen revolutionären Wandel in der Wahrnehmung Galiläas und der Förderung des Unternehmertums ausgelöst hat«, sagt er.

Doch während der Kämpfe versinke der Norden mit jedem Monat tiefer in wirtschaftlicher Verzweiflung, so der düstere Ausblick des Unternehmers. »Der Verlust wird nicht nur in finanziellen Zahlen gemessen. Jeden Monat verlieren wir ungefähr zehn Prozent der Bevölkerung Galiläas für immer. Dem blühenden Unternehmergeist droht der Bankrott.«

Erel Margalit will dennoch nach vorn schauen. Allerdings brauche es dafür ein neues Kapitel. »Es ist ein Aufruf, Sicherheitsprobleme anzugehen, die Wirtschaft wiederzubeleben und innovative Führung zu übernehmen. Der Norden steht vielleicht vor Herausforderungen, aber mit der richtigen Vision und dem Geist der Zusammenarbeit können sie überwunden werden – und dann wird eine neue Ära des Wohlstands beginnen«, gibt er sich zuversichtlich.

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