Dokumentation

»Seit zweieinhalb Jahren bebt die Erde«

Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland Foto: picture alliance/dpa

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

ich freue mich über die Gelegenheit, heute Abend zu Ihnen – und später auch mit Ihnen – zu sprechen. Ich will die Gelegenheit, über jüdisches Leben ins Gespräch zu kommen, sehr gerne nutzen.

Dieser Impuls ist eine der letzten Veranstaltungen der jüdisch-israelischen Kulturtage hier in Thüringen. In den letzten zwei Wochen hatten Sie die besondere Gelegenheit, jüdisches Leben und jüdische Kultur in all ihrer Vielfalt und Vitalität kennenzulernen.

In diesem Jahr finden die Kulturtage hier in Thüringen bereits zum 34. Mal statt. Ihre Etablierung, unmittelbar nach der deutschen Wiedervereinigung und während des Zuzugs einer großen Zahl von Jüdinnen und Juden aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion verdient besondere Würdigung. Ich danke Ihnen Herr Schramm, und genauso allen, die diese Tradition begründet haben, und die sie aufrechterhalten.

Vor einem Monat wurde im Städtischen Museum Braunschweig eine Ausstellung über 75 Jahre Wirken des Zentralrats der Juden in Deutschland eröffnet, deren Besuch ich Ihnen sehr empfehlen kann. Diese Ausstellung betont die Vielfalt und Vitalität jüdischen Lebens in Deutschland. Sie reduziert jüdisches Leben weder auf das Menschheitsverbrechen der Schoa und den heute leider erstarkenden Antisemitismus, noch stellt sie es als etwas Exotisches dar.

Sie zeichnet das Wirken des Zentralrats der Juden in Deutschland seit seiner Gründung im Jahr 1950 in großer Detailtiefe nach, und macht dadurch – ironischerweise – deutlich: Eigentlich gehört jüdisches Leben in Deutschland nicht ins Museum.

Denn im Zentrum jeder Beschäftigung mit jüdischem Leben in Deutschland steht die Erkenntnis: Jüdisches Leben ist viel mehr als jüdisches Leiden. Die jüdische Geschichte ist eine Geschichte voller Entbehrungen, doch sie ist keine Geschichte, die Juden den Platz des Opfers zuweist.

Und: Jüdisches Leben in Deutschland ist nicht Vergangenheit, sondern Gegenwart.

75 Jahre Zentralrat der Juden, das ist garantiert kein Schlusspunkt. Es soll für mich heute Abend der Startpunkt sein, über jüdisches Leben heute zu sprechen.

Als der Zentralrat der Juden im Jahr 1950 gegründet wurde, war nicht abzusehen, welche Rolle er in der deutschen Gesellschaft spielen sollte. Wenn jemand 1950 verkündet hätte, dass der Zentralrat 2025 sein Jubiläum feiert, und dort der Bundeskanzler vor über 1000 Gästen sprechen würde, dass der Zentralrat die Stimme einer Gemeinschaft ist, der in Deutschland über 200.000 Jüdinnen und Juden angehören – ernst genommen hätte man diese Person nicht.

Zu Beginn war der Zentralrat eine Vereinigung, die sich in erster Linie um die Ausreise der in Deutschland verbliebenen Juden kümmern sollte.
Doch das änderte sich schnell. Es ist einer verhältnismäßig kleinen Gruppe von Menschen zu verdanken, dass es so gekommen ist. Menschen wie die Politikerin Jeanette Wolf, die selbst einige Jahre stellvertretende Vorsitzende des Zentralrats war und die ich noch persönlich kennenlernen durfte.

Diese Menschen standen nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in den Trümmern ihrer vormaligen Existenz. Hier fassten sie einen Entschluss, dessen Tragkraft auch heute, über 80 Jahre nach dem Menschheitsverbrechen der Schoa, unmöglich überschätzt werden kann. Sie entschlossen sich, an eine Zukunft in Deutschland zu glauben. An eine Zukunft zu glauben, nach den unfassbaren Gräueltaten der Nationalsozialisten. Nach der Ausgrenzung, Entrechtung, Entmenschlichung und dem Schrecken der Konzentrations- und Vernichtungslager.

An diese Zukunft nicht nur zu glauben, sondern sie gestalten zu wollen. Nicht in einem Schattendasein am Rande der Gesellschaft, sondern sichtbar in ihrer Mitte. Mitten im Land der Täter.

Aus den unmenschlichen Verbrechen, die sie erlebt haben, die ihnen selbst angetan wurden, haben Menschen wie Jeanette Wolf den Schluss gezogen: selbst Verantwortung dafür zu übernehmen, dass so etwas nie wieder geschieht. Die Überlebenden der Schoa haben unserer Gesellschaft damit ein ganz und gar außergewöhnliches Geschenk.

Dieses Geschenk war der Grundstein und ist bis heute der Grund, für das Wirken des Zentralrats der Juden. Der Grund, weshalb wir über jüdisches Leben in Deutschland auch heute sprechen können.

Jüdisches Leben in Deutschland ist vielfältig, vital, selbstbewusst – und es ist bedroht. Jüdisches Leben ist keine Erinnerung an das Gestern. Es ist eine Tatsache des Heute. Damit jüdisches Leben auch morgen noch selbstverständlich zu Deutschland gehört, muss sich allerdings einiges ändern.

Ich will direkt beginnen, indem ich den Elefanten im Raum adressiere. Der Antisemitismus war nie weg, und doch ist seit dem 7. Oktober 2023 vieles ganz anders.

Im Jahr 2024 haben wir einen Anstieg antisemitischer Übergriffe von 77 Prozent im Vergleich zum Vorjahr erlebt, heute befinden wir uns auf einem Allzeithoch seit Beginn der systematischen Erfassung. Im Schnitt erleben wir jeden Tag 24 antisemitische Vorfälle.

Menschen fühlen sich in Deutschland wieder ermächtigt, Juden Hausverbot zu erteilen. Juden werden von Veranstaltungen ausgeladen, weil sie Juden sind. Das Internet wird überschwemmt von antisemitischen Verschwörungserzählungen.

All das geschieht nicht heimlich, still und leise. Denn der Antisemitismus im Jahr 2026 schämt sich seiner nicht, er trägt sein Haupt hoch erhoben.

Deshalb will ich Ihnen, meine Damen und Herren, sehr klar sagen: Die Behauptung, Antisemitismus habe »keinen Platz in unserer Gesellschaft«, ist in der Sache falsch.

Nur wer bewusst wegschaut, kann heute auf Deutschland blicken und behaupten, Judenhass habe hier keinen Platz. Wer das tut, leistet keinen Beitrag zur Bekämpfung des Hasses, sondern lässt ihn weiter gedeihen.

Wer behauptet, Judenhass habe keinen Platz, der verleugnet die Realität. Der Hass hat sich diesen Platz längst genommen. Auf unseren Straßen, an unseren Bildungseinrichtungen, in unseren Medien, und in der Kulturszene.

Der Judenhass verbindet Menschen wie Ferat Koçak, Jürgen Elsässer und Greta Thunberg. Er ist Brückenideologie für Rechtsextreme, Linksextreme und Islamisten gleichermaßen. Weil sich das Erstarken all dieser Bedrohungen unserer offenen Gesellschaft am Erstarken des Antisemitismus ablesen lässt, ist er ein Seismograf für den Zustand unserer Gesellschaft. Seit zweieinhalb Jahren bebt die Erde.

Am 7. Oktober mussten wir uns dem Jahrestag des Überfalls der Hamas auf Israel stellen. An diesem Tag hat die Hamas in Israel über 1200 Menschen getötet – Männer, Frauen, Kinder. Sie hat Säuglinge vor den Augen ihrer Eltern getötet, Frauen verstümmelt und vergewaltigt, Überlebende der Schoa ermordet. Über 250 Menschen nahm sie als Geisel.

Keine zweieinhalb Jahre ist das her, und doch hat man als Jude nicht selten das Gefühl, der 7. Oktober sei bereits in Vergessenheit geraten.

Häufig haben Hamas-Offizielle vor und nach dem 7. Oktober kundgetan, was sie bezwecken: Die israelische Gegenreaktion sollte heftig ausfallen. Sie wussten genau, welche Bilder entstehen, welches Leid sie über ihre eigene Bevölkerung in Gaza bringen würden. Dieser Plan ging auf, tausende Palästinenser starben in diesem Krieg, den die Hamas angefacht hat.

An dieser Stelle will ich es deutlich sagen: Ich leugne oder relativiere das Leid der Palästinenser nicht. Ich bin allerdings sehr klar in der Frage, wer für dieses Leid bis heute verantwortlich ist: die Hamas.

Die Hamas mag den Krieg auf dem Schlachtfeld verloren haben. Doch den Propagandakrieg haben die Terroristen gewonnen. Antisemiten haben Israels Vorgehen zwei Jahre lang genutzt, um ihrem Judenhass freien Lauf zu lassen. Das Ende des Kriegs im vergangenen Oktober hat sie nicht daran gehindert, weiterzumachen.

Für die jüdische Gemeinschaft, nicht nur in Deutschland, bedeutet der 7. Oktober bis heute eine Zäsur und teilt die Zeit in ein danach und ein davor, in das es aber kein Zurück mehr gibt.

Während für die Welt um uns herum auf den Siebten der Achte folgte, auf den Oktober der November und auf ein Jahr das nächste, blieb die Zeit für uns stehen. Die Wunden, die am 7. Oktober geschlagen wurden, konnten nicht verheilen – nicht, bis nicht alle Geiseln, die noch in den Terrortunneln der Hamas ausharrten, nach Hause zurückgekehrt wären.

Inzwischen sind alle Geiseln, die in den Terrortunneln der Hamas überlebt haben, wieder mit ihren Familien vereint. Auch die sterblichen Überreste der Ermordeten wurden nach Israel zurückgebracht. Doch die Chance auf Heilung, die sich damit ergibt, bietet uns keinen Rückweg in die Normalität. Wesentlich schlimmer noch: Es gibt eine neue Normalität in Deutschland.

Der Antisemitismus, der seit dem 7. Oktober 2023 explosionsartig gestiegen ist, hat sich mit dem Ende des Krieges nicht in Wohlgefallen aufgelöst. Der Krieg ist vorbei. Der Judenhass dauert an.

Diejenigen, die bis heute von einem andauernden »Völkermord« sprechen, interessiert die Realität nicht. Sie blicken nicht nach Gaza, weil sie einen Völkermord stoppen wollen – dann würde ihr Blick auf dem Sudan ruhen, auf Nigeria oder dem Jemen.

Nein, sie blicken nach Gaza, weil sie Israel hassen, den jüdischen Staat.
Viele von denen, die heute von »Völkermord« und »Apartheid« sprechen, tun das, weil sie selbst Opfer sind. Opfer einer Erzählung, die in links-intellektuellen Milieus entstanden ist und sich den Anschein von Wissenschaftlichkeit gibt. Sie sind einer Erzählung aufgesessen, die dem Umfeld der postkolonialen Studien entstammt.

Nun bin ich als Mediziner ein bekennender Anhänger und Verteidiger von Bildung und Wissenschaft. Ich will hier nicht missverstanden werden und ich will kein Feld der Forschung rundheraus ablehnen. Auch koloniale Studien können Erkenntnisgewinne bieten. Sie haben etwa die Restitution geraubter Artefakte an ihre Herkunftsländer ermöglicht.

Doch ich will eines ganz deutlich sagen: Die sich aus der postkolonialen Denkschule speisende These, Israel sei, und ich zitiere, »ein Kolonialstaat weißer Siedler« ist eine groteske Verzerrung der Realität. Diese Aussage ist so bösartig, wie sie absurd ist – doch sie bereitet den Boden für den Hass und die antisemitischen Übergriffe, die in den letzten Wochen besonders zugenommen haben.

So sind wir gezwungen, uns mit ihr und ihren Vertretern zu beschäftigen. Die Idee, Juden als ein Tätervolk zu betrachten, ist eng verbunden mit der postkolonialen Lesart der Schoa.

Die Schoa, die Ermordung von sechs Millionen Menschen, wird hier in den Zusammenhang kolonialer europäischer Bestrebungen gestellt. So seien es die Briten gewesen, die – als Kolonialmacht – zuerst Konzentrationslager entwickelt hätten, um die indigene Bevölkerung festzusetzen. Es seien die Franzosen – als Kolonialmacht – gewesen, die Indigene zuerst in großem Stil entrechtet und schikaniert hätten. Es seien die Deutschen – als Kolonialmacht – gewesen, die als erste den Völkermord als Instrument der Machtausübung praktiziert hätten.

Wer heute das Leid der Palästinenser für sich reklamieren will, muss eben einen Weg finden, die Schoa zu relativieren oder in seine Erzählung einzubinden.

Und so wird die Schoa zur Fortsetzung kolonialer Praktiken. Diese perfide Argumentation entkleidet den industriellen Massenmord an sechs Millionen Jüdinnen und Juden seiner Singularität. Und sie konstruiert zugleich eine Kontinuität mit dem – vermeintlichen – Handeln Israels. Weil den Juden die Schoa angetan wurde, hätten sie sich in Palästina nun selbst zum Kolonialherren aufgeschwungen, um die indigene Bevölkerung, die arabischen Palästinenser, zu unterdrücken.

Diese Logik ist nicht nur perfide. Einen Staat als kolonialistisch zu bezeichnen, der in direkter Folge des singulären Menschheitsverbrechens der Schoa gegründet wurde, in großen Teilen von den Überlebenden der Schoa, zeugt von gröbster Unkenntnis der Geschichte.

Diese Einordnung blendet nicht nur die biblische Tradition Israels aus. König Salomon, König David. Archäologische Fakten, überprüfbare Geschichtsschreibung, die das Nordreich Israel und das Südreich Juda im 9. Jahrhundert vor Christus genauso belegen wie das babylonische Exil.

Sie blendet tausende Jahre jüdischer Kontinuität im heutigen Israel auch nach Beginn der Diaspora aus. Sie blendet die Gründe der deutlich erhöhten Einwanderung von Juden nach Palästina ab dem neunzehnten und in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts aus.

Dieses Ausblenden ist keiner Unwissenheit geschuldet, sondern einem antizionistischem – man muss klar sagen: einem antisemitischem – Kalkül.

Es ist deshalb so wichtig, überall, wo sie auftaucht, gegen diese postkoloniale Erzählung vorzugehen.

Dieser postkolonialen Erzählung bietet seit geraumer Zeit auch die Linkspartei ein Zuhause. Viele entschlossene Verteidiger des jüdischen Lebens haben, wie Klaus Lederer und Andreas Büttner, die Partei verlassen. Andere werden, wie Petra Pau oder Jan Korte, an den Rand gedrängt, wieder andere, wie Bodo Ramelow und Dietmar Bartsch, sehen sich massiven Anfeindungen ausgesetzt.

Am vorletzten Wochenende hat die Linkspartei in Niedersachsen mit breiter Mehrheit einen Antrag beschlossen. Sie hat den, ich zitiere, »real existierenden Zionismus« zu ihrem Feindbild erklärt. Der real existierende Zionismus, das ist das im Staat Israel verwirklichte Selbstbestimmungsrecht des jüdischen Volkes.

Ein Staat, über den die Antragsteller sagen, sein, und ich zitiere wieder »seit über zwei Jahren stattfindender Genozid« sei nicht dem Handeln einzelner Personen oder Regierungen geschuldet, sondern: »Eine notwendige Konsequenz zionistischer Ideologie.«

Meine Damen und Herren,
wer erklärt, das Selbstbestimmungsrecht des jüdischen Volkes führe notwendigerweise in den Völkermord, der erklärt sich zum erbitterten Feind jüdischen Lebens. In Israel, in Deutschland und auf der ganzen Welt.

Wer diese Behauptung im Angesicht der deutschen Geschichte aufstellt, handelt besonders niederträchtig. Dass eine wachsende Anzahl von Menschen sich dieser Erklärung anschließt, verdeutlicht den Konflikt, der 80 Jahre nach der Schoa um unsere Erinnerungskultur entbrannt ist.
Was bedeutet es heute noch, wenn wir als Gesellschaft sagen, »wir erinnern uns«?

Aktuelle Studien zeigen, dass jeder achte Achtzehn- bis Neunundzwanzigjährig-jährige noch nie von der Schoa gehört hat. Fast jeder dritte junge Mensch in Deutschland kann mit dem Begriff »Auschwitz« nichts anfangen, weil er kein einziges Lager der Nationalsozialisten benennen kann. Jedes Jahr wächst die Zahl derer, die einen Schlussstrich fordern unter unsere Erinnerung. Die vergessen wollen.

Das ist weit mehr als nur ein Versagen unseres Bildungssystems. Es ist ein Symptom der fortschreitenden Entwicklung, die wir in unserem Land beobachten müssen: Die Entkleidung unseres Erinnerns von jeglicher tatsächlichen Bedeutung und die zunehmende Unterhöhlung unseres demokratischen Fundaments gehen Hand in Hand.

Schon jetzt sind die Kräfte beträchtlich, die uns als jüdische Gemeinschaft aus dem öffentlichen Leben verdrängen wollen. Die uns die Sichtbarkeit, welche die Überlebenden des NS-Terrors erstritten hatten, nehmen wollen. Diese Kräfte werden weiter erstarken, wenn wir es als Gesellschaft nicht schaffen, die bedrohlichen Entwicklungen zu stoppen.

Das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland ist der historische Gegenentwurf zum Terror des Nationalsozialismus. Das Grundgesetz prägt unsere demokratische Identität. Es ist jenseits der politischen Couleur identitätsstiftend für die aufrechten Demokraten unseres Landes. Dass unser Grundgesetz Geltung gewinnen konnte, war niemals selbstverständlich. Es war das Verdienst einer Generation von Überlebenden, die nun endgültig von uns geht und große Fußstapfen hinterlässt.

Im Kampf darum, ihr Erbe zu bewahren, stehen der Zentralrat und die jüdische Gemeinschaft nicht alleine, bei weitem nicht. Im letzten November hat die Bundesregierung das neue Gedenkstättenkonzept verabschiedet, 17 Jahre nach der letzten Aktualisierung.

Es beinhaltet wichtige Neuerungen: Einen Fokus auf digitale Inhalte, der nach Wegen sucht, den Verlust der unersetzlichen Zeitzeugen doch aufzufangen. Einen Fokus auf Forschung und Vermittlung, um den gefährlichen Irrlehren etwas entgegenzuhalten. Einen Fokus auf die Vermittlung unserer Erinnerungskultur insbesondere in der modernen Einwanderungsgesellschaft, die Deutschland ist.

Bei allen Neuerungen schreibt das Konzept auch eine Gewissheit fest, an der viele rütteln wollten: Die Singularität des Menschheitsverbrechens Schoa und den Schwerpunkt der Auseinandersetzung mit den Verbrechen des Nationalsozialismus.

Der Staat kommt mit dem neuen Gedenkstättenkonzept seiner Verantwortung nach, Erinnerungsarbeit zu ermöglichen. Doch kann man eine lebendige Erinnerungskultur nicht staatlich verordnen. Sie muss mit Leben gefüllt werden: Durch die Zivilgesellschaft. Durch Menschen wie Sie, meine Damen und Herren.

Ein Blick in die Geschichte lehrt uns: Am 9. November 1938 ließen die Nazis alle Hüllen fallen. Juden, zuvor schon entrechtet und an den Rand gedrängt, wurden Opfer von Übergriffen und Mordanschlägen. Hunderte starben, im ganzen Land brannten die Synagogen.

Es ist nicht 1938. Doch im Jahr 2026 müssen wir verstehen: Das all dies denkbar war, ist den Vernichtungsfantasien der Nationalsozialisten zuzuschreiben. Dass es möglich war, umgesetzt werden konnte, lag an der Untätigkeit der Deutschen. Nicht vergleichsweise wenige Täter allein verantworten die Verbrechen des NS-Staates, sondern auch die Vielen, die es geschehen ließen.

In Zeiten des wachsenden Antisemitismus kommt es deshalb auf die Zivilgesellschaft besonders an. Einer meiner Vorgänger als Präsident des Zentralrats, Paul Spiegel sel. A., hat im Jahr 2000 den »Aufstand der Anständigen« ausgerufen. Wenn ich mich heute in Deutschland umsehe, dann muss ich feststellen: Entweder die Anständigen sind weniger geworden, oder sie haben ihre Zivilcourage verloren.

Viele, zu viele in unserer Gesellschaft, haben es sich bequem gemacht. Sie schlafen den Schlaf der Gerechten, während der Antisemitismus sein hässliches Haupt erhebt. Ja, der Antisemitismus ist so präsent, dass sich in unserer Gesellschaft eine neue Form des Umgangs damit zu verfestigen droht.

Spätestens die Reaktionen auf den grausamen Anschlag auf eine Chanukka-Feier in Sydney haben deutlich gezeigt: Antisemitismus, auch gewaltsame antisemitische Übergriffe, haben über die letzten Jahre leider eine Normalisierung erfahren. Wie automatisch ist die Reaktion auf solche Übergriffe eine Erhöhung der Schutzmaßnahmen für jüdisches Leben.

Ich bin dankbar für den Schutz, den jüdisches Leben hier in Deutschland erhält. Es ist aber unhaltbar, auf Antisemitismus nur mit Schutzmaßnahmen zu reagieren. Diese reine Symptombekämpfung muss enden. Die Normalisierung des Judenhasses dürfen wir nicht hinnehmen.
Der Antisemitismus hat sich seit dem 7. Oktober tief in unserer Gesellschaft eingenistet. Er hat sich auf unseren Straßen breitgemacht. Wenn wir ihn von dort vertreiben wollen, müssen wir uns seinen Ursachen widmen und ihm mit den Mitteln des Rechtsstaats die Stirn bieten.

Meine Damen und Herren, ich begrüße vor diesem Hintergrund ausdrücklich die Reformen, die Familienministerin Prien in ihrem Ressort anstößt.

Um den antisemitischen Hass zu stellen, brauchen wir die vielen engagierten Akteure unserer Zivilgesellschaft. Insbesondere mit dem Programm »Demokratie leben« werden zahlreiche, für unsere offene Gesellschaft bedeutsame Projekte gefördert.

Frau Prien besitzt den Mut, auf die Entwicklungen der letzten Jahre – die Entwicklungen seit dem 7. Oktober – zu reagieren. Wenn der Antisemitismus sich auf einem Höchststand verfestigt, ist es richtig, dass Politik sich hinterfragt.

Ich halte es für richtig, dass Antisemitismus künftig als eigenständiger Schwerpunkt von »Demokratie leben« ausgebaut werden soll. Es ist wichtig, alle Spielarten des Judenhasses in den Blick zu nehmen – genau da, wo sie entstehen und sich verbreiten. Die Bekämpfung des Antisemitismus muss dort geschehen, wo die Menschen sind, die wir erreichen wollen: In Schulen, in Vereinen, beim Sport. Und – ich habe bereits über den Propagandakrieg der Hamasterroristen gesprochen – vor allem im Netz.

Auch in unserem Strafrecht haben die Folgen des 7. Oktober Nachholbedarf aufgedeckt. Regelungslücken, die wir dringend schließen müssen.

Als Antizionismus, vorgeblich nur gegen den israelischen Staat gerichtet, nutzt der Judenhass aus, dass die Straftat der Volksverhetzung nach herrschender rechtlicher Meinung nicht gegen ausländische Staatsbürger begangen werden kann. Immer wieder werden Hassparolen deshalb gezielt gegen Israelis anstatt gegen Juden geäußert. Wer gemeint ist, ist völlig klar. Und doch bestehen gute Chancen, so einer Anklage zu entgehen.

Das gleiche Muster sehen wir im Antidiskriminierungsrecht: »Juden haben Hausverbot« ist unzulässig, aber Israelis kann man aussperren, ohne eine Klage befürchten zu müssen. Erst Anfang des Jahres haben wir es so in Fürth erlebt.

Weder die tausendfachen Solidaritätsbekundungen für die Hamas auf deutschen Straßen, noch der Aufruf zur Vernichtung eines völkerrechtlich anerkannten Staates – für Israel auf deutschen Straßen millionenfach gefordert – sind aktuell strafrechtlich geregelt.

Das müssen wir ändern: Durch eine Änderung des Volksverhetzungsparagrafen im Strafgesetzbuch. Und durch eine Anpassung des AGG, das als Diskriminierungsgrund künftig die Staatsangehörigkeit umfassen muss.
Wenn wir unsere offene Gesellschaft erhalten wollen, dann muss sie sich wehrhaft gegenüber denen zeigen, die sie ausnutzen, um sie abzuschaffen.

Im nächsten Monat jährt sich die Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald. Dann werden auch hier in Thüringen die Stimmen derjenigen laut erklingen, die »Nie wieder!« rufen. Vielen glaube ich dieses »Nie wieder!«. Doch für viele, zu viele andere ist »Nie wieder!« eine Floskel, hinter der sie sich an diesem Tag verstecken, um im restlichen Jahr dem Judenhass doch wieder Vorschub zu leisten.

In diesem Jahr planen linke Aktivisten vor der Gedenkstätte Buchenwald einen Protest. Wo vor 80 Jahren Juden ermordet wurden, werden die Veranstalter von »Kufiyas in Buchenwald« auch »Nie wieder« rufen. »Nie wieder Völkermord«, werden sie sagen, und damit den, ich zitiere die Linkspartei in Niedersachsen, »real existierenden Zionismus« meinen.
Die Parole »Nie wieder«, gewendet gegen den Staat Israel, der in direkter Konsequenz der Schoa gegründet wurde, um eine sichere Heimstätte für das jüdische Volk zu sein. »Nie wieder«, gerichtet gegen den einzigen jüdischen Staat, missbraucht gegen Juden. Das ist eine Perversion der Geschichte.

Deshalb sage ich Ihnen: Wer »Nie wieder« ruft, und jedes Handeln schuldig bleibt, der reiht seine Stimme in Wahrheit in den Kanon derer, die jüdisches Leben aus Deutschland verbannen wollen.

Deshalb appelliere ich an Sie: Seien sie anständig, schweigen Sie nicht, sondern erheben Sie sich gegen Judenhass. In Ihrer Familie, in Ihrem Freundeskreis, an Ihrem Arbeitsplatz. Es braucht jeden Einzelnen von Ihnen, an jedem Tag des Jahres, als Garanten für die Zukunft jüdischen Lebens in Deutschland.

Denn wir sind ein selbstbewusster Teil dieser Gesellschaft. Wir vertreten den Anspruch, als Gleiche unter Gleichen frei leben zu können. Diesen Anspruch füllen wir jeden Tag mit Leben. Mit jüdischem Leben in Deutschland, das in dieser Vielfalt bei Gründung des Zentralrats undenkbar erschien.

Unsere Kinder besuchen jüdische Kindergärten, sie gehen in jüdische Schulen. Über 100 Gemeinden in Deutschland gestalten aktive Teilhabe für ihre Mitglieder. Der Zentralrat bietet hierzu ein Kulturprogramm, das hunderte Angebote umfasst: Lesungen jüdischer Autoren oder aus den klassischen Werken jüdischer Literatur. Ausstellungen jüdischer Künstler, moderne und klassische Konzerte.

Jedes Jahr findet die Jewrovision statt: Ein Wettbewerb für jüdische Kinder und Jugendliche, der Eurovision nachempfunden. Bei ihrem Start vor rund 20 Jahren war die Jewro, wie wir sagen, ein Teil einer Ferienfreizeit. Sie fand damals in Turnhallen statt.

Im letzten Jahr war unsere Jewro im Westfalenstadion in Dortmund zu Gast, weit über 1000 Kinder und Jugendliche haben an dem viertägigen Spektakel teilgenommen. In diesem Jahr geht es nach Stuttgart.

Stolz bin ich auch auf das Projekt »Meet a Jew«, das der Zentralrat entwickelt hat, um die Vielfalt jüdischen Lebens zu vermitteln und Vorurteile abzubauen. Über 750 Freiwillige sind es inzwischen, die dafür deutsche Schulen besuchen. Jedes Jahr werden es mehr.

Und hier in Erfurt existiert – deutschlandweit einzigartig – der Studiengang jüdische soziale Arbeit. Seit 2019 kann man sich an der Fachhochschule Erfurt professionalisieren lassen – für die Arbeit als Sozialarbeiter in Einrichtungen des Sozial- und Gesundheitswesens, in Jugendverbänden, in jüdischen Gemeinden oder in Bildungsinstitutionen. Der Studiengang ist auf Kontinuität angelegt, alle drei Jahre gibt es einen neuen Jahrgang von Studierenden, der sich diesem wichtigen Thema widmet.

Im Januar 2025 wurde der Studiengang neu aufgelegt. 20 % bestehen nun ausschließlich aus jüdischen Themen wie Religion, Geschichte und Kultur. Diese Lehreinheiten gestaltet die Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg, der Kooperationspartner der Fachhochschule Erfurt. Das Studium öffnet Räume, um die Auswirkungen von Krieg und Krisen zu begreifen. Um analysieren zu können, was politische Prozesse konkret für uns Jüdinnen und Juden bedeuten und dann Handlungsmöglichkeiten aufzuzeigen, wo andere sie lange verloren geglaubt haben – dies ist heute wichtiger denn je.

Mit einem Schulterschluss aus Fachwissen und Empathie können die Studierenden nicht zuletzt häufig die eigene jüdische Migrationsbiografie und die durch Verfolgung und Flucht verursachten Brüche im Leben anderer Jüdinnen und Juden besser entschlüsseln. Sie verstehen, wie sich transgenerationales und historisches Trauma nicht nur auf die menschliche Psyche, sondern auf den jüdischen Alltag auswirkt.

Ja, dieses Studium leistet einen wichtigen Beitrag zur nachhaltigen Integration von jüdischen Zuwanderern, zur Entwicklung der jüdischen Gemeinden, zur Stärkung jüdischen Lebens und schließlich zur Stärkung demokratischer Werte. Ich bin stolz, dass es hier in Thüringen angesiedelt ist.

Sie merken, wie vielfältig jüdisches Leben heute in Deutschland ist. Wir sind nicht bereit, uns auf Gedenken und Judenhass reduzieren zu lassen. Wir wollen jüdisches Leben in seiner ganzen Vielfalt und Vitalität gestalten, ohne über diese Dinge nachdenken zu müssen. Doch das ist uns aktuell nicht möglich.

Ich bin dankbar für den Schutz, den wir erhalten. Doch ich will mich nicht an Barrikaden und Sicherheitsdienste vor unseren Synagogen gewöhnen.

Damit jüdisches Leben ohne Schutzschild irgendwann Realität werden kann, muss sich vieles ändern. Es braucht eine engagierte Zivilgesellschaft, die Antisemitismus jeder Färbung entgegentritt. Und es braucht eine Politik, die den Erhalt der offenen Gesellschaft zu ihrer Priorität macht.

Wenn ich deshalb sage, dass der Antisemitismus jeglicher Färbung entschieden bekämpft werden muss, will ich das ausbuchstabieren. Es ist wichtig, dass wir in unserer Gesellschaft Antisemitismus von links nicht verharmlosen. Es ist entscheidend, islamistisch geprägten Antisemitismus weder kleinzureden noch zu relativieren. Doch gerade hier und heute in Thüringen müssen wir über die weiterhin größte Bedrohung für jüdisches Leben in Deutschland sprechen.

Die sogenannte Alternative für Deutschland mag sich in manchen Landesverbänden als eine im Grunde bürgerliche Opposition aufführen. Sie mag Lippenbekenntnisse zum Schutz jüdischen Lebens vorbringen.

Wir kennen die Wahrheit: Die AfD spricht nur dann über Antisemitismus, wenn sie damit Ressentiments gegen Muslime und politisch Andersdenkende schüren kann. Sie will Juden nur dann schützen, wenn ihre Schutzmaßnahmen die offene Gesellschaft untergraben können.

Wieder und wieder haben Vordenker, Netzwerke und Funktionäre der AfD auf jeder politischen Ebene die Maske fallen lassen: Sie fallen auf mit Übergriffen auf orthodoxe Juden, mit Beleidigungen, mit Verschwörungserzählungen.

Den Krieg Israels gegen das Mullah-Regime kritisieren sie ebenso wie die Verteidigung der Ukraine gegen den russischen Aggressor. Ihre Loyalität liegt weder in Erfurt noch in Berlin, sondern in Moskau. Dort, wo zu Sowjetzeiten die Ideologie des Antizionismus entwickelt wurde.

Meine Damen und Herren,

in Thüringen sind Sie täglich mit der AfD konfrontiert. Gespräche über die Brandmauer sind für sie keine theoretische Diskussion. Ich weiß das. Die Brandmauer läuft nicht durch den Schrebergarten in Berlin-Kreuzberg oder das Studentenwohnheim in Heidelberg. Diese Brandmauer gegenüber den Funktionären der AfD und ihren Netzwerken steht hier, in der geografischen Mitte Deutschlands und in der Mitte unserer Gesellschaft.

Und deshalb wende ich mich an die heute hier Anwesenden, insbesondere an Sie, liebe Politikerinnen und Politiker. Ich bitte Sie. Nein, ich fordere Sie auf: Machen Sie eine Politik, die Wähler von der AfD zurückholt, ja. Nehmen Sie die Sorgen der Menschen ernst.

Aber lassen Sie diese Brandmauer nicht einreißen. Erliegen Sie keiner Versuchung. Geben Sie der AfD keine Verantwortung für Deutschland. Niemals und nirgends. Denn diese Partei ist keine Alternative für Deutschland, sie ist eine Gefahr für jüdisches Leben und für unsere Demokratie selbst.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit und freue mich nun auf das gemeinsame Gespräch.

Krieg gegen Iran

Hoffnung auf Verhandlungen

Raketenalarm in Tel Aviv, Angriffe auf Teheran: Trotz neuer Vermittlungsversuche und Forderungen an den Iran bleibt eine schnelle Waffenruhe wohl unwahrscheinlich

 25.03.2026

Berlin

»Ich bin für dich Ron!«

Ali Ertan Toprak, Vorsitzender der Kurdischen Gemeinden Deutschlands, ehrte Israels Botschafter Ron Prosor für dessen Engagement für die kurdischen Gemeinden. Wir dokumentieren die Laudatio im Wortlaut

von Ali Ertan Toprak  25.03.2026

Nachrichten

Flüge, Preis, Kritik

Meldungen aus Israel

von Sabine Brandes  25.03.2026

Krieg

Iran beschießt Israel erneut mit Raketen

Bislang gibt es keine Berichte über Opfer

 25.03.2026

Israel

Regierung stimmt Bau einer permanenten US-Botschaft in Jerusalem zu

Ein Grundstück im sogenannten Allenby-Komplex wird für das Vorhaben bereitgestellt

 25.03.2026

Nachrichten

Vermisst, Einmischung, Deal

Kurzmeldungen aus Israel

von Sabine Brandes  24.03.2026

Israel

Lex Haredim auf Eis

Zustimmung zum Kriegshaushalt erkauft

von Sabine Brandes  24.03.2026

Libanon

Israel will Gebiet bis Litani-Fluss kontrollieren

Der israelische Verteidigungsminister will die Pufferzone zwischen Israel und der Hisbollah vergrößern

 24.03.2026

Tel Aviv

NGO warnt vor Begnadigung Netanjahus

Die Organisation Movement for Quality Government fordert Kulturminister Eliyahu auf, von einer Begnadigungsempfehlung an Staatspräsident Isaac Herzog abzusehen

 24.03.2026