20-Punkte-Plan

Israel steht vor den dramatischsten Stunden

Auf der Militärbasis Re’im werden die freigelassenen Geiseln von ihren Angehörigen empfangen. Zuletzt wurde dort Edan Alexander mit seinen Eltern und Verwandten wiedervereint (Archivfoto) Foto: picture alliance / newscom

Es sind dramatische Stunden in Israel. 737 Tage nach dem Massaker vom 7. Oktober ist das ganze Land zwischen Hoffen und Bangen gefangen. Die Freilassung von 20 lebenden Geiseln aus der Gefangenschaft der Hamas soll in den frühen Morgenstunden des Montags beginnen. Bei zwei weiteren Geiseln herrscht »große Sorge um ihr Wohlbefinden«. Nach fast zwei Jahren der Ungewissheit laufen die Vorbereitungen für die Übernahme der verschleppten Menschen auf Hochtouren.

Immer wieder hatten sich am Sonntag die Zeiten für die anvisierte Übergabe verschoben. Dann, in der Nacht stand fest: Die erste Freilassung lebender Geiseln wird um 7 Uhr stattfinden, die zweite, aus Khan Younis im Gazastreifen, um 9 Uhr (deutscher Zeit).

Gal Hirsch, Israels Koordinator für Geiseln und Vermisste, beschrieb die Atmosphäre als »einen Tag voller Spannung, Vorfreude, Hoffnung, großem Schmerz und Freude«. Gemeinsam mit der IDF und internationalen Partnern wurden die logistischen und medizinischen Maßnahmen abgeschlossen, um die Rückkehr der Geiseln sicherzustellen. »Wir sind bereit«, fasste Hirsch zusammen.

Entsprechend der jüngsten Angaben werde das Rote Kreuz die Geiseln an drei Übergabepunkten im Gazastreifen von der Hamas übernehmen. Die Terrororganisation gab am Sonntagnachmittag an, die Geiseln bereits an die entsprechenden Stellen gebracht zu haben. Der Konvoi des Roten Kreuzes umfasse bis zu zehn Fahrzeuge, darunter Jeeps, einen Minibus und einen Krankenwagen. Nach der Übernahme fahre der in Richtung der israelischen Streitkräfte, die sich innerhalb des Gazastreifens hinter die sogenannte »gelbe Linie« zurückgezogen haben.

Medizinische Teams und Psychologen warten auf Geiseln

Anschließend werden die Geiseln in die Militärbasis Re’im auf israelischem Gebiet gebracht. Dort erwarten sie medizinische Teams und Psychologen, die den ersten Kontakt behutsam herstellen sollen. Hier werden auch kleine Gruppen von Angehörigen warten, um ihre Liebsten in Empfang zu nehmen, wie bereits bei vorherigen Freilassungen der Fall war. Jede Geisel erhält einen separaten Raum für das Wiedersehen.

Hirsch erklärte, dass die Basis in Re’im extra für dieses Szenario erweitert worden sei, um alle 20 Männer gleichzeitig aufnehmen zu können. Nach der Erstversorgung sollen die Freigelassenen mit Hubschraubern auf drei Krankenhäuser verteilt werden: das Sheba Medical Center in Tel Hashomer, das Ichilov-Krankenhaus in Tel Aviv und das Beilinson-Krankenhaus in Petach Tikwa. Jedes Krankenhaus stellt »Sicherheitsräume« für die Familien bereit, um nicht nur die medizinische Betreuung, sondern auch die Privatsphäre zu gewährleisten.

Haggai Levine: »Auch scheinbar stabile Rückkehrer leiden häufig unter Nieren-, Herz- und neurologischen Problemen.«

Premierminister Benjamin Netanjahu verschaffte sich am Sonntag persönlich ein Bild von der Einsatzbereitschaft des Gesundheitssystems. Neben der medizinischen Versorgung wurde ein umfassendes Unterstützungsprogramm für die Familien vorbereitet, das finanzielle Hilfen, psychologische Betreuung und Rehabilitationsmaßnahmen umfasst. Auch Notfallpläne für weitere Kliniken in Beer Schewa und Aschkelon wurden erstellt.

Neben den 20 lebenden Geiseln soll die Hamas auch 28 Tote übergeben. Nach jüngsten israelischen Angaben werden jedoch nur etwa die Hälfte von ihnen am Montag zurückkehren. Sobald die lebenden Geiseln übergeben wurden, wird das Rote Kreuz die Fahrzeuge umrüsten, um die Särge der Verstorbenen zu transportieren. Die Rückführung erfolgt unter militärischen Ehren, erklärte Hirsch. Die Särge werden in israelische Flaggen gehüllt, begleitet von einer Ehrengarde, Gebeten und einem Salut.

Anschließend werden sie zur Identifizierung ins Institut für Rechtsmedizin Abu Kabir gebracht. Die Angehörigen sollen dann so schnell wie möglich informiert werden. Für die noch nicht zurückgekehrten Toten ist eine internationale Task Force aus Vertretern Israels, der USA, Ägyptens, Katars, der Türkei und des Roten Kreuzes geplant, die die Rückführung der verbliebenen Opfer koordinieren soll.

Hirsch fügte hinzu: »Wir haben gefordert, Informationen von der Hamas zu erhalten, um nach dem Verfahren eines speziellen Ermittlungsteams vorgehen zu können. Das Team wird die entsprechenden Orte aufsuchen, Durchsuchungen und Scans durchführen, wo technische Maßnahmen zur Beseitigung der Trümmer erforderlich sind, um die Geiseln zu bergen.«

Psychologische Belastung für Familien und ganze Gesellschaft

Währenddessen warnen Mediziner vor den langfristigen Folgen der Geiselhaft. Hagai Levine, der Leiter des medizinischen Teams des Forums der Familien von Geiseln, bezeichnet die Situation als »gesundheitlichen Notfall von internationaler Tragweite«. Viele der Geiseln litten unter körperlichen Schäden, psychischen Traumata und beschleunigtem Alterungsprozess.

»Je länger sie in Gefangenschaft sind, desto größer sind ihre psychischen und physischen Schäden«, so Levine. Selbst wenn man bei früheren Freilassungen auf den ersten Blick gedacht habe, »sie sehen ganz gesund aus, weil sie auf ihren Beinen gelaufen sind und gesprochen haben, zeige sich, dass scheinbar stabile Rückkehrer häufig unter Nieren-, Herz- und neurologischen Problemen litten. Auch die Angehörigen, die zwei Jahre der extremen Angst durchlebt haben, bräuchten intensive Unterstützung.

Levine beschreibt, wie die freigelassenen Geiseln von der Entmenschlichung durch Terroristen wieder zu Menschen mit Autonomie und Selbstbestimmung werden müssten. «Wir haben einige Erfahrungen aus früheren Freilassungen, aber es ist ein sehr komplexer Prozess.»

Die leitende Rehabilitationspsychologin des Familienforums, Einat Yehene, betont die Bedeutung der Freilassung aller Geiseln zusammen, um das emotionale Leiden zu mindern, «denn wir haben die negativen Auswirkungen aufeinanderfolgender Freilassungen nicht nur auf die Geiseln selbst, sondern auch auf die Familien und ihre Genesungsfähigkeit erfahren».

Die unterschiedlichen Schicksale – überbordende Freude über die Rückkehr auf der einen Seite, Verzweiflung über den Verlust auf der anderen – würden die Familien und die ganze Gesellschaft vor eine enorme psychologische Belastung stellen, so Yehene weiter. «Dies ist ein Moment, der tief in die israelische Seele einschneiden wird.»

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