Nahost

Israel offen für kleinen oder großen Geisel-Deal

Ministerpräsident Benjamin Netanjahu mit Außenminister Antony Blinken in Jerusalem Foto: picture alliance / Anadolu

Die israelische Regierung ist Medienberichten zufolge bereit, einer umfassenden Waffenruhe zuzustimmen, in deren Rahmen die Kampfhandlungen in Gaza und im Libanon, beziehungsweise im Norden-Israels, enden und alle Geiseln der Hamas freigelassen werden. Alternativ ist für den jüdischen Staat weiterhin eine vorübergehende Waffenruhe mit der Freilassung einiger der 97 verbleibenden Geiseln denkbar.

In Jerusalem sprachen Ministerpräsident Benjamin Netanjahu und der amerikanische Außenminister Antony Blinken zweieinhalb Stunden lang über die Situation. Konkret ging es auch um die Frage, ob die Tötung von Hamas-Chef Yahya Sinwar die Chancen für eine Waffenstillstandsvereinbarung erhöht hat und wie diese erlangt werden könnte.

Israelische Zeitungen schreiben, Blinken habe die Notwendigkeit unterstrichen, die Gelegenheit zu nutzen, die der Tod Sinwars biete. Das Problem: Die Terroristen der Hamas haben bisher kein Interesse an einer Vereinbarung erkennen lassen, obwohl die Terrororganisation weitgehend besiegt wurde.

Gespräch mit Vermittlern

Auch ging es bei dem Gespräch um einen angeblichen israelischen Plan, den Norden des Gazastreifens vom Rest des Küstenstreifens zu trennen. Netanjahu soll Blinken gegenüber zugesichert haben, dass Israel einen solchen Plan nicht umsetzen werden, sich aber geweigert haben, dies auch öffentlich kundzutun.

Blinken forderte Israels Regierung nach Angaben seines Sprechers dazu auf, mehr humanitäre Hilfe für die notleidende Zivilbevölkerung im abgeriegelten Gazastreifen durchzulassen. Die israelische Behörde Cogat gab aber bekannt, dass in den vergangenen acht Tagen 237 Lastwagen mit Hilfsgütern allein in den Norden Gazas eingefahren seien.

Seit der Tötung Sinwars, der der Kopf der Massaker des 7. Oktobers in Israel war, sind die seit November stockenden, indirekten Verhandlungen über eine Waffenruhe nicht fortgesetzt worden. Schin Bet-Chef Ronen Bar war allerdings in Kairo, um mit ägyptischen und katarischen Vermittlern zu sprechen.

Dumpfe Explosionen

Zum zweiten Tag in Folge hat es im Stadtzentrum der israelischen Küstenmetropole Tel Aviv Raketenalarm gegeben. Menschen eilten in Schutzräume. Es waren dumpfe Explosionen zu hören. Die israelische Armee teilte mit, es seien zwei Raketen vom Libanon aus auf Israel abgefeuert worden. Sie seien von der Raketenabwehr abgefangen worden.

Der Rettungsdienst Magen David Adom erklärte, einige Menschen hätten sich verletzt, als sie in Schutzräume gelaufen seien. Am Dienstag hatte die libanesische Hisbollah-Miliz bereits fünf Raketen auf den Großraum Tel Aviv abgefeuert.

»Gezielte Operationen«

Israels Streitkräfte (IDF) haben derweil die Tötung des mutmaßlichen Nachfolgers von Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah bestätigt und ihre Angriffe auf die Terrororganisation im Libanon fortgesetzt. Haschim Safi al-Din sei vor rund drei Wochen bei einem Angriff auf das Hauptquartier des Hisbollah-Geheimdienstes in einem Vorort der Hauptstadt Beirut getötet worden, teilte das Militär am Abend mit. Die Terroristen bestätigten seinen Tod bisher nicht.

Der israelische Verteidigungsminister Joav Gallant betonte unterdessen bei einem Treffen mit Blinken am Abend, die Hisbollah werde auch nach Abschluss der »gezielten Operationen« im Libanon so lange weiter bekämpft, bis die Miliz aus dem Grenzgebiet vertrieben sei und die geflohenen Bewohner im Norden Israels sicher zurückkehren könnten.

Safi al-Din sei Mitglied im sogenannten Schura-Rat der Hisbollah gewesen, dem ranghöchsten militärisch-politischen Gremium der Hisbollah, erklärte Israels Armee. Dieses sei für die Entscheidungsfindung und politische Gestaltung der Terrororganisation zuständig. Bei dem Luftangriff in Libanons Hauptstadt vor rund drei Wochen sei neben Safi al-Din auch Ali Hussein Hasima getötet worden, der Befehlshaber des Geheimdienstes der Hisbollah. Er sei für die Leitung zahlreicher Angriffe auf Israels Soldaten verantwortlich gewesen.

»Schwerer Schaden«

Die Hisbollah setzte indessen den Beschuss Israels fort. Etwa 140 Geschosse seien vom Libanon aus abgefeuert worden, teilten die IDF am späten Abend mit. Das israelische Militär griff weitere Terror-Ziele im Libanon an. Die IDF riefen Bewohner erneut zu Evakuierungen in den als Dahija bekannten südlichen Vororten Beiruts auf.

Man habe der Kommandostruktur der Hisbollah »schweren Schaden« zugefügt, sagte der für den Nordabschnitt Israels zuständige Kommandeur, Ori Gordin. »Überall, wo wir in Kämpfe verwickelt waren, haben wir uns durchgesetzt. Wir sind entschlossen, jeden Tunnelschacht, jeden unterirdischen Bereich und jedes Waffenlager zu erreichen - um sie zu zerstören oder zu beschlagnahmen«, wurde Gordin in einer Mitteilung der Armee zitiert.

Nach der Bestätigung des Tods von Safi al-Din sagte Generalstabschef Herzi Halevi, Israel werde alle seine Feinde erreichen. »Wir haben Nasrallah, seinen Nachfolger und den größten Teil der Hisbollah-Führung erreicht. Wir werden wissen, wie wir jeden erreichen können, der die Sicherheit der israelischen Bürger bedroht«, erklärte er. Nach Angaben der Armee hatten sich zum Zeitpunkt des Angriffs auf das Hauptquartier der Miliz vor rund drei Wochen mehr als 25 Mitglieder des Hisbollah-Geheimdienstes dort befunden. dpa/ja

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