Hintergrund

Im Schatten des Terrors

Die meisten Menschen in Israel wünschen sich derzeit »Pessach sameach«, »Ramadan kareem« oder »frohe Ostern«. In diesem Jahr fallen die Feiertage aller drei Weltreligionen zusammen. Doch die Festivitäten werden überschattet von blutigen Auseinandersetzungen, Raketen und Terroranschlägen.

Premierminister Benjamin Netanjahu wies am späten Freitagabend die Polizei und das Militär an, alle Reserve-Grenzpolizisten sowie zusätzliche Reservisten einzuberufen. Kurz zuvor waren bei einem arabischen Terroranschlag auf der Strandpromenade in Tel Aviv der 35-jährige italienische Tourist Alessandro Farini getötet und sieben weitere Menschen verletzt worden. Die anderen Opfer waren laut Krankenhausangaben ebenfalls Besucher aus Italien und Großbritannien.

Der israelische Außenminister Eli Cohen sprach sein Beileid aus. »Im Namen Israels übermittle ich der Familie und den Freunden von Alessandro Farini, dem italienischen Staatsbürger, der bei dem gestrigen Terroranschlag in Tel Aviv ermordet wurde, sowie der Regierung und dem Volk Italiens unser tiefstes Beileid«, schrieb er.

Der Terrorist, ein 45-jähriger Mann aus der überwiegend arabischen Stadt Kfar Kassem im Zentrum des Landes, war mit seinem Auto in eine Gruppe von Menschen gerast, die auf der Promenade entlang spazierten. Das Volkskomitee der Stadt, eine Gruppe lokaler Anführer, erklärte, dass sie »den schweren Angriff, der heute Nacht stattfand, auf das Schärfste verurteilen«. 

Am Morgen desselben Tages war es in der Nähe einer jüdischen Siedlung im Westjordanland ebenfalls zu einem palästinensischen Terroranschlag gekommen. Angreifer beschossen dabei offenbar einen Pkw mit drei israelischen Insassen. Die beiden Schwestern Maia (20) und Rina Dee (16) wurden ermordet, ihre Mutter Leah befindet sich noch immer im Krankenhaus in Lebensgefahr. Die Familie war aus Großbritannien eingewandert. Der oder die Täter sind noch auf der Flucht.

Das US-Außenministerium verurteilte die Taten, ein Sprecher sagte, dass die USA »an der Seite der Regierung und des Volkes Israels stehen«. Polizeikommissar Kobi Shabtai forderte anschließend: »Dies ist ein mörderischer Angriff, der uns daran erinnert, wie relevant die Bedrohung durch Terroristen ist. Jeder Bürger, der eine lizenzierte Waffe besitzt und sie legal bedienen kann, soll sie in diesen Tagen tragen«. 

In den Tagen zuvor hatte die israelische Polizei Einsätze auf dem Tempelberg und in der Al-Aksa-Moschee gegen gewaltbereite Palästinenser durchgeführt. Premier Netanjahu gab an, dass »sich islamistische Extremisten in der Moschee eingeschlossen hatten und andere Gläubige daran hinderten, im Innern zu beten«. Er hob gleichfalls hervor, dass Israel »den Status quo« auf dem Tempelberg bewahre.

Es ist nicht das erste Mal, dass während des muslimischen Fastenmonats Unruhen ausbrechen. 2019 führten gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen israelischen Sicherheitskräften und Palästinensern in diesem umkämpften Gebiet zum Krieg mit Gaza. Um das zu vermeiden, hatten sich Vertreter aus Israel und den Palästinensergebieten mehrfach zu Gesprächen in Ägypten getroffen. 

»In den Monaten vor dem Ramadan haben wir versucht, in Zusammenarbeit mit den USA, Ägypten, den Emiraten und anderen regionalen Partnern, genau diesen Moment zu verhindern«, sagte der jordanische Außenminister Ayman Safadi. 

Doch schon kurz nachdem Bilder aus Al-Aksa die Runde machten, mischte sich die im Gazastreifen regierende Terrororganisation Hamas in den Konflikt ein, und die ersten Raketen wurden auf Israel abgefeuert. Einen Tag darauf wurde das Land auch vom nördlichen Nachbarn Libanon aus angegriffen. 

34 Raketen und Mörsergranaten wurden wahrscheinlich von palästinensischen Terroristen im Süden des Levantestaates auf israelisches Territorium gefeuert, erklärte die IDF. Eine höchst ungewöhnliche Eskalation, da es an der Nordgrenze Israels seit Jahren ruhig war. 

Gleichwohl schätzten israelische Sicherheitsexperten das Raketenfeuer als einen »begrenzten Schachzug« ein. Die Ziele waren Ortschaften im Grenzgebiet und keine strategischen Einrichtungen wie Armeestützpunkte, was eine eindeutige Kriegserklärung gewesen wäre. So aber hielt sich auch die militärische Reaktion Israels bis Freitagabend in Grenzen, obwohl Regierungschef Netanjahu betonte: »Israels Antwort, heute und in der Zukunft, wird einen heftigen Preis verlangen«. Die Luftwaffe habe Vergeltungsangriffe auf »Stellungen der Hamas im Süden Libanons« geflogen, hieß es.

Am Freitag erklärte die Friedensmission der Vereinten Nationen UNIFIL: »Beide Seiten geben an, dass sie keinen Krieg wollen«. Die Gruppe, die die Grenze zwischen Israel und Libanon überwacht, forderte alle Beteiligten auf, die Angriffe zu stoppen.

TV-Tipp

Doku zeigt das Leben arabischer Transpersonen in Israel

Eine Arte-Dokumentation porträtiert Transpersonen aus Gaza, die im Exil in Tel Aviv den Traum ihrer sexuellen Selbstbestimmung zu verwirklichen versuchen

von Manfred Riepe  17.06.2026

Wonderwerk-Höhle

Forscher finden älteste Spuren gezielter Feuernutzung

Auch die israelische Wissenschaftlerin Liora Kolska Horwitz von der Hebräischen Universität Jerusalem ist an der bahnbrechenden Entdeckung beteiligt

 17.06.2026

Jerusalem

Likud verzichtet auf Wahlkampf mit Trump-Nähe als zentralem Thema

Parteistrategen meinen, dass Benjamin Netanjahus Verbindung zum amerikanischen Präsidenten dem Ministerpräsidenten keinen Vorteil verschaffen würde. Hintergrund ist der neue Iran-Deal

 17.06.2026

Tel Aviv

Israelischer Luftwaffenchef: Geplanter Großangriff auf Iran kurz vor Start gestoppt

Generalmajor Omer Tischler sagt, die Einsatzkräfte seien bereits vollständig für die Mission vorbereitet gewesen

 17.06.2026

Kommentar

Der Judenhass hat Platz genommen

Die neuen RIAS-Zahlen sind alarmierend. Und sie zeigen einmal mehr eindrücklich: Antisemitismus ist kein Minderheitenproblem und ganz sicher nicht nur ein Judenproblem. Er ist ein Demokratieproblem

von Nelly Eliasberg  17.06.2026

Dokumentation

Das Abkommen zwischen den USA und dem Iran im Wortlaut

Der saudische Sender »Al Arabiya English« hat das Memorandum of Understanding zwischen Teheran und Washington veröffentlicht

 17.06.2026

Westjordanland

Smotrich will Hebron-Abkommen kündigen – Außenministerium widerspricht

Seit 1997 regelt die Vereinbarung die Teilung der Stadt. Jetzt will der Finanzminister daran rütteln.

von Sara Lemel  16.06.2026

Nahostkonflikt

Donald Trump lobt sich selbst - und tadelt Israel

Beim G7-Gipfel im französischen Evian holte der US-Präsident erneut zu einem rhetorischen Rundumschlag aus. Anstelle von Benjamin Netanjahu lobte er Syriens Präsident Ahmed Al-Scharaa

 16.06.2026

Diplomatie

Somaliland eröffnet Botschaft in Jerusalem

Es handelt sich bereits um die achte diplomatische Vertretung, die in der israelischen Hauptstadt eröffnet wurde

 16.06.2026