Gesellschaft

IDF: Drei Wochen Gefängnis fürs Grillen

BBQ (Symbolfoto) Foto: picture alliance / ZUMAPRESS.com

Was als Randnotiz aus dem militärischen Alltag begann, hat sich binnen weniger Tage zu einer breiten öffentlichen Debatte entwickelt: Mehrere Vorfälle in der israelischen Armee (IDF) werfen die Frage auf, ob religiöse Normen zunehmend Einfluss auf Disziplinarmaßnahmen beim Militär nehmen und ob dabei mit zweierlei Maß gemessen wird.

Auslöser der aktuellen Empörung war ein Fall bei der Grenzpolizei des Militärs gewesen: Vier Sanitäter, die als medizinisches Personal in Kampfeinheiten dienen, wurden zu zwei Wochen Militärgefängnis verurteilt, weil sie auf ihrem Stützpunkt während des Schabbat gegrillt haben. Israelischen Medienberichten zufolge wurden sie von einem religiösen Unteroffizier auf einem weit von den Kasernen entfernten Bereich der Militärbasis entdeckt.

Dieser meldete den Vorfall dem Stützpunktrabbiner, woraufhin ein höherer Offizier zunächst eine Strafe von drei Wochen Militärhaft im Gefängnis Beit Lid verhängte. Nach einer Berufung wurde die Strafe am folgenden Tag auf zwei Wochen reduziert, wie der öffentlich-rechtliche Rundfunk »Kan« berichtete. Der Vorwurf lautete, die Soldaten hätten »Religion und Judentum verletzt«.

Für viele Beobachter steht die Härte der Strafe in keinem Verhältnis zur Tat und gilt als Ausdruck einer möglichen Verschiebung innerhalb der militärischen Disziplinpraxis.

Es formte sich umgehend Protest dagegen

Auch im Umfeld der Betroffenen formierte sich schnell Protest gegen die Entscheidung. Vor dem Militärgefängnis versammelten sich Angehörige und Unterstützer der Soldatinnen und Soldaten. Besonders viel Aufmerksamkeit erhielt eine Szene, in der Pe’er Elazar, der Vater einer der betroffenen Sanitäterinnen, per Megafon direkt zu seiner Tochter sprach: »Alles, was du getan hast, ist Grillen. Aber deine Vorgesetzten haben ein Verbrechen begangen.«

Während des Verfahrens äußerte einer der Sanitäter zwar Bedauern über den Vorfall, betonte jedoch zugleich, die Strafe sei überzogen gewesen. Die vier hätten nicht gewusst, dass auf dem Stützpunkt ein Grillverbot während des Schabbats gelte.

Nur wenige Tage später sorgte ein weiterer Fall für Aufsehen. Shira Kuperman, Mutter einer Soldatin, schilderte in einem viel beachteten Social-Media-Beitrag die Behandlung ihrer Tochter am letzten Tag von deren Wehrdienst. Die Soldatin war gemeinsam mit zwei Freundinnen zu den üblichen Entlassungsformalitäten erschienen, in ziviler Kleidung, wie es gängige Praxis ist. Doch anders als männliche Soldaten, die häufig in ärmellosen Oberteilen erscheinen, wurde ihre Tochter wegen »unzureichender Bedeckung« vor ein Militärgericht gestellt.

Shira Kuperman: »Es war ihr letzter Tag in der Armee. Statt eines Abschlusses blieb ein Gefühl der Demütigung.«

Das Urteil: eine Geldstrafe von umgerechnet rund 1200 Euro – in etwa das Monatsgehalt der jungen Frau. »Es war ihr letzter Tag in der Armee. Statt eines Abschlusses blieb ein Gefühl der Demütigung«, schrieb Kuperman. Der Beitrag verbreitete sich rasch und wurde zum Symbol für das, was viele als generelle Ungleichbehandlung empfinden.

In sozialen Netzwerken machten zahlreiche Nutzer ihrem Ärger Luft. »Seit wann entscheidet religiöse Auslegung über militärische Disziplin?«, fragte jemand. Andere sprachen von »religiösem Zwang in Uniform« oder kritisierten, dass junge Soldaten für geringfügige Verstöße hart bestraft würden, während die Regierungskoalition in Jerusalem seit Jahren versucht, die generelle Befreiung von der Wehrpflicht für ultraorthodoxe Jeschiwa-Studenten als Gesetz festzuschreiben.

Lesen Sie auch

Die Mutter der Soldatin stellte genau diesen Zusammenhang her. In ihrem Beitrag verwies sie auf die Tatsache, dass Charedim nicht in der Armee dienen wollen, aber den dienenden Soldatinnen zum Teil strengreligiöse Vorschriften auferlegt werden.

Die IDF reagierte auf die wachsende Kritik mit einer knappen Stellungnahme. Der Vorfall stelle eine »Abweichung von den Befehlen« dar und werde entsprechend geprüft, hieß es. Zugleich betonte die Armee, dass den betroffenen Soldaten der Weg für Einsprüche offenstehe. Eine inhaltliche Auseinandersetzung mit den Vorwürfen religiöser Einflussnahme blieb jedoch aus.

Soldatinnen sollten lange Hosen beim Marathon tragen

Auch ein dritter Vorfall fügt sich in das Gesamtbild ein: Beim Marathon-Lauf in Jerusalem am vergangenen Freitag sollen Soldatinnen angewiesen worden sein, lange Hosen zu tragen – trotz einer Hitzewelle mit Temperaturen von mehr als 30 Grad – während männliche Soldaten in kurzen Hosen laufen durften. Auch darin sehen Kritiker ein weiteres Beispiel für geschlechtsspezifische und religiös begründete Vorschriften, die zunehmend in den militärischen Alltag eingreifen.

Sämtliche Fälle treffen einen Nerv – weil sie grundlegende Fragen berühren: nach Gleichbehandlung, nach persönlicher Freiheit und nach der Rolle von Religion in der Gesellschaft und im öffentlichen Leben.

Für die Israelis steht die Armee sinnbildlich als gesellschaftlicher Kitt, denn – fast – alle müssen in ihr dienen. Es ist ein Ort, an dem Menschen aus den unterschiedlichsten Gesellschaftsbereichen zusammenkommen. Gerade deshalb reagieren viele äußerst sensibel, wenn sich innerhalb dieser Institution Verschiebungen abzeichnen – ganz besonders, wenn es dabei um Ungleichbehandlung geht.

Eurovision Song Contest

Mehr als 1000 Prominente verteidigen Israels ESC-Teilnahme

Helen Mirren, Amy Schumer und Co: Internationale Persönlichkeiten unterzeichnen einen offenen Brief

von Sabine Brandes  19.04.2026

Nahost

»Der Iran ist sehr geschwächt«

Wie Experten die Entwicklung und Folgen des Krieges derzeit einschätzen

von Sabine Brandes  19.04.2026

Iran

Iran macht Öffnung der Straße von Hormus rückgängig

Keine 24 Stunden nach der Zusage des Iran, die Straße von Hormus zu öffnen, wurde sie wieder zurückgenommen.

 19.04.2026

TV-Tipp

Der Elvis der Violine

Ivri Gitlis ist ein Phantom. Er bespielte mit seiner Geige die großen Bühnen und musizierte mit den Stars der Musikbranche. Seinen Namen kennen heute aber nur die wenigsten. Eine Arte-Doku begibt sich auf Spurensuche

von Manfred Riepe  18.04.2026

Kommentar

Hätte er doch einfach geschwiegen

Michael Schulte ist der erfolgreichste deutsche Teilnehmer des ESC der letzten Jahre. Und Schulte ist ein geschichtsbewusster Künstler. Umso befremdlicher sind seine Einlassungen zu Israel

von Daniel Killy  18.04.2026

Israel

Zeit, Zionist zu sein!

Wir Juden sollten uns nicht verstecken. Wir sollten offen, laut und stolz sein - auch und insbesondere auf den jüdischen Staat

von Daniel Neumann  17.04.2026

Medien

Ex-»Welt«-Chefredakteur Burgard bei Springer künftig für Nahost zuständig

Burgard folgt auf Constantin Schreiber, der ab dem 1. Mai von Deutschland aus arbeitet

 17.04.2026

Herzliya

Studie: Mit diesen Methoden mehr Erfolg auf Dating-Apps

Eine wichtige Erkenntnis der Untersuchung: Es kommt weniger darauf an, was man über sich preisgibt, als wie man es tut

 17.04.2026

Umfrage

Waffenruhen mit Iran und Hisbollah: Israelis pessimistisch

Weniger als 40 Prozent sagen, sie hätten die erfolgten Militäreinsätze unterstützt, wenn ihnen die Entwicklungen im Voraus bekannt gewesen wären

 17.04.2026