Bat Yam

Hotspot am Meer

Bauhaus-Chic hat Bat Yam keinen. Und wer kommt, um hier legendäre Klubnächte zu erleben, wird wohl auch eher enttäuscht werden. Trotzdem stehen an den Falafel-Buden im Stadtzentrum plötzlich auffallend viele junge Leute mit coolen Sonnenbrillen sowie den neuesten Sneakern und lecken sich die Tehina von den Fingern, während sie mit dem Handy TikTok-Videos filmen. Offensichtlich hat sich etwas verändert in der Stadt südlich von Tel Aviv. Bat Yam scheint im Trend zu liegen.

Lange galt die Stadt als graue Schwester der Metropole. Böse Zungen sprachen vom »israelischen Charme der 80er-Jahre«: viel Beton, wenig Glanz, dazwischen die Spuren einer Vergangenheit, die nie richtig aufpoliert wurde. Doch immer mehr Bewohner sagen, dass dieses Bild längst nicht mehr stimmt.

Ein entscheidender Wendepunkt rollt seit zweieinhalb Jahren lautlos durch die Stadt: die Straßenbahn.

Dabei war der Anfang von Bat Yam eher idyllisch. 1926 ließen sich elf jüdische Familien südlich von Jaffa nieder und gründeten eine kleine Siedlung mit dem Namen »Bait veGan«, Hebräisch für »Haus und Garten«. Nach den arabischen Unruhen von 1929 wurde der Ort aufgegeben, später jedoch neu aufgebaut und 1937 in Bat Yam umbenannt, »Tochter des Meeres«. Die Nähe zum Wasser prägt die Stadt bis heute.

Nach der Staatsgründung wuchs die Siedlung rasend schnell. Einwanderer aus dem Jemen und später aus der ehemaligen Sowjetunion fanden hier Wohnraum und Arbeit. 1958 erhielt Bat Yam den Status einer Stadt und entwickelte sich zu einem industriell geprägten Ort mit kleinen Geschäften, Werkstätten und einfachen Wohnblocks.

Drei Kilometer Küste

Bis heute ist die Stadt kompakt geblieben, erstreckt sich über nur rund acht Quadratkilometer, davon fast drei Kilometer Küste. Gerade diese Dichte prägt ihren Charakter. Zahlreiche Viertel bestehen aus niedrigen Häusern, kleinen Plätzen und Nachbarschaftszentren. Schulen und Kindergärten liegen oft nur wenige Gehminuten auseinander. Sozial ist Bat Yam bis heute durchmischt: Alteingesessene Familien leben Tür an Tür mit Neueinwanderern aus der ehemaligen Sowjetunion, junge Paare neben Pensionären.

Heute ist Bat Yam mit rund 130.000 Einwohnern die zwölftgrößte Stadt Israels und Teil der Metropolregion Gusch Dan. Sie grenzt direkt an Tel Aviv und teilt mit der Metropole nicht nur die Küstenlinie, sondern längst auch den Alltag.

Schulen und Kindergärten liegen hier oft nur
wenige Gehminuten auseinander.

Ein entscheidender Wendepunkt rollt seit zweieinhalb Jahren lautlos durch die Stadt: die Straßenbahn. Zwölf Stationen verbinden Bat Yam mit Tel Aviv, die Fahrt ins Zentrum dauert kaum mehr als 15 Minuten. »De facto ist Bat Yam heute ein Teil von Tel Aviv«, sagt Ilana Goren, die in der Hightech-Branche arbeitet. »Ganz ehrlich: Vor ein paar Jahren hätte ich mir niemals träumen lassen, hierher zu ziehen. Ich habe mich sogar über Bat Yam lustig gemacht.«

Heute genießt sie die niedrigere Miete, den weniger hektischen Alltag und – das gibt sie offen zu – »natürlich auch die Nähe zu Tel Aviv«. Morgens fährt sie mit der Bahn in die Großstadt, abends zurück ans Meer. »Man hat plötzlich beides in ein paar Minuten: die Vielfalt von Tel Aviv und die Ruhe von Bat Yam.«

Für viele ist es genau diese Mischung, die den Reiz ausmacht. Eine Wohnung am Meer schien lange etwas, das sich nur Superreiche leisten konnten. Auch für Jeff Fuchs, Marketingmanager aus New York, der vor zehn Jahren Alija machte, schien es ein unerfüllbarer Traum. »Ich hatte das eigentlich abgehakt«, sagt er schmunzelnd. Doch dann entdeckte er eine Anzeige für eine Zweizimmerwohnung mit Blick aufs Wasser. »Für die Hälfte des Preises, die sie in Tel Aviv kosten würde. Ich konnte es kaum glauben.«

Bodenständigkeit und Aufbruchsstimmung.

Heute, zwei Jahre nach dem Umzug, ist Fuchs überzeugter Einwohner von Bat Yam. Er spricht von breiteren Stränden, weniger Gedränge und einem »entspannten Gefühl von Nachbarschaft«, das er in Tel Aviv vermisst habe. »Man lebt am Meer, ist sicher privilegiert – allerdings ohne ständig das Gefühl zu haben, im Wettbewerb mit den schicken Tel Avivis zu stehen.« Es sei eine Mischung aus »Bodenständigkeit und Aufbruchsstimmung«.

Große Teile des Wohnungsbestandes stammen aus den 50er- und 60er-Jahren und werden derzeit im Rahmen von Stadterneuerungs-Programmen ersetzt oder modernisiert. Neue Hochhäuser wachsen neben alten Blöcken, zusehends prägen Kräne das Stadtbild, der Bauboom ist unübersehbar.

Ganz offensichtlich ist Bat Yam dabei, sich neu zu erfinden. Sicher wird die Stadt moderner, dichter, teurer und ist dabei immer noch viel weniger laut, weniger geschniegelt und näher am Alltag als der große Nachbar im Norden. Wer hier eine Bleibe hat, lebt nicht im Schaufenster der Metropole, sondern am Rand davon – mit Blick aufs Meer.

Die Promenade zieht sich ohne Unterbrechung nach Norden, vorbei an Joggern, Anglern, spielenden Kindern. Irgendwann geht Bat Yam fast unmerklich in Jaffa über, später in Tel Aviv. Keine Schranke, kein Schild, nur derselbe Wind, dieselben Wellen, dieselbe Küste. Die Städte sind getrennt auf der Karte, am Meer aber verbunden. Vielleicht ist das das neue Selbstverständnis von Bat Yam: nicht mehr der Ort, den man belächelt oder übersieht, sondern der, den man erreicht, wenn man einfach weitergeht.

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