Gewalt

Hooligans mit Schläfenlocken

Jerusalem: Immer wieder gehen während der orthodoxen Chaostage Müllcontainer in Flammen auf. Foto: Flash 90

Einmal ist es das Öffnen eines Parkplatzes am Schabbat, das nächste Mal ein Unternehmen, das etwas tut, was nicht in ihr Weltbild passt. Schon rasten sie völlig aus, randalieren auf den Straßen, verletzen Ordnungshüter wie Sozialarbeiter mit Stöcken und Steinen und richten Schäden in Millionenhöhe an. Seit fast einer Woche toben vor allem junge ultraorthodoxe Extremisten wieder auf den Straßen. In der Hauptstadt wurden kurzzeitig alle städtischen Leistungen in einigen Vierteln eingestellt. Montag Nacht griffen Chaoten im religiösen Zwirn sogar Innenminister Eli Yischais Entourage an. Verletzt wurde niemand, doch ein Mitarbeiter von Yischai sagte, er wurde mit einem Messer bedroht. Der Minister ist selbst ultraorthodoxer Jude.

Anlass Die Ausschreitungen können viele Ursachen haben, die für Menschen mit mehr oder weniger moderner Weltsicht selten nachvollziehbar sind. Begonnen hatte es dieses Mal mit den Gräbern am Barzilai-Krankenhaus in Aschkelon. Für einen neuen Flügel mit unterirdischem Notfallzentrum, das Schutz vor den palästinensischen Raketen aus Gaza bieten soll, mussten antike Gräber weichen. Aus halachischer Sicht aber dürfen jüdische Gräber nicht verlegt werden. Premier Benjamin Netanjahu entschied jedoch zugunsten des Hospitals. Obwohl die Behörde für Altertümer davon ausging, dass es sich bei den 3.000 Jahre alten Grabstätten nicht um jüdische handelte, rückten mit den Bautrupps auch die gewaltbereiten Demonstranten an. Keine Beschwichtigung schien sie zu beruhigen, nicht die Versicherung der Barzilai-Pressesprecherin Lea Malul, man werde die Gräber mit dem äußersten Respekt behandeln, noch die offizielle Bekanntgabe, die sterblichen Überreste seien heidnischen Ursprungs. Sie wüteten weiter und verlegten ihre Krawalle, nachdem einige von ihnen festgenommen worden waren, prompt in die Hauptstadt.

Ausschreitungen Jerusalem blickt bereits auf eine leidvolle Geschichte von Ausschreitungen dieser Art zurück. Dazu muss die Stadt jedes Mal tief in die Taschen greifen, um Straßen, Laternen, Ampeln reparieren zu lassen und die abgefackelten Mülltonnen zu ersetzen, die nach jedem orthodoxen Chaostag als traurige Reste zurückbleiben. Regelmäßig werden auch Sozialarbeiter in den ultraorthodoxen Wohnvierteln attackiert. Grund genug für den ersten Mann der Stadt, Nir Barkat, bereits zum zweiten Mal dort alle städtischen Dienste einzustellen, wo Gewalt auftrat: »Die städtischen Angestellten unternehmen große Anstrengungen, den Menschen zu helfen. Ich werde nicht zögern, alles zu stoppen, wenn ihr Leben in Gefahr ist. Von der charedischen Führung erwarte ich, die Gemeinde zu beruhigen. Erst dann werden wir die Routine wieder herstellen.«
Das orthodoxe Stadtrat-Mitglied Jossi Deutsch vom Vereinigten Tora-Judentum im Stadtrat kritisierte die Entscheidung: »Es bedarf wahrlich keiner kollektiven Bestrafung dieser Art, nur weil ein paar Demonstranten Mülleimer in Mea Schearim anzünden«.

Widerstand Beim Mülleimer-Anzünden bleibt es indes fast nie. Meistens vornweg im Taumel der zerstörerischen Gewalt: Anhänger der ultrafrommen Sekte Eda Haredit. Die Internetausgabe der Tageszeitung Yedioth Aharonoth schätzt die diesmal verursachten Schäden der Sekte allein in Jerusalem auf eine Million Schekel, knapp 220.000 Euro. Einige Gruppen wollen sich nun weigern, für die wiederkehrenden Verschwendungen von Steuergeldern aufzukommen. Das säkulare »Forum Freies Jerusalem«, zu dem Jugend- und Studentenorganisationen gehören, schrieb dem Bürgermeister: »Wir haben die Nase voll von der Last der charedischen Krawallmacher. In den letzten zwei Jahren hat die Stadt mehrere Millionen aus den öffentlichen Kassen ausgegeben, um das zu reparieren, was sie kaputtmachen. Und dabei zahlen sie gar nichts ein.« Das Forum verlangt, dass die Einwohner dieser Gegenden zukünftig für die Schäden selbst aufkommen müssen.
Neben den säkularen werden zunehmend Stimmen innerhalb der ultraorthodoxen Gemeinde laut, die Gewalt und mutwillige Zerstörung städtischen Eigentums ablehnen. Zwar sind diese noch leise, doch immer stärker zu vernehmen. Das weiß auch Tamar El-Or, Sozialwissenschaftlerin an der Jerusalemer Universität. Zwar herrsche noch überwiegend das Motto »eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus« innerhalb der Gemeinschaft vor, eindeutig versuchten die Menschen jedoch, der Armut zu entkommen. Dazu gehöre es auch, die Leistungen der Stadt in Anspruch zu nehmen, »und es gefällt den meisten gar nicht, wenn auf einmal wegen einiger Randalierer alles mir nichts, dir nichts abgestellt wird«.

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