Zionismus

Gründerzeit in Nahost

Eigentlich war der bewaffnete Konflikt, der im Mai 1948 unmittelbar nach der Gründung des Staates Israel mit seinen arabischen Nachbarn ausbrach, alles an­dere als eine Überraschung. Denn als vor genau 70 Jahren die Unabhängigkeit des jüdischen Staates ausgerufen wurde, befanden sich Juden und Araber bereits längst im Kampf um die Vorherrschaft über das bis dahin britische Mandatsgebiet Palästina.

Und auch, wenn die regulären Armeen Ägyptens, Jordaniens und Syriens erst am Tag darauf offiziell in den Krieg eingriffen, so gab es in dem Land zwischen Mittelmeer und Jordan bereits seit 1947 blutige Auseinandersetzungen zwischen jüdischen und arabischen Milizen, wobei es zu Massakern und Vertreibungen kam.

Damit war genau das Realität geworden, was sich spätestens mit dem arabischen Aufstand zwischen 1936 und 1939 in Konturen abzuzeichnen begann: Die Einstaatenlösung war politisch nicht durchsetzbar. Nie hätte man sich auf ein gemeinsames Parlament, eine Regierung oder vielleicht Polizei einigen können – von einer Fahne oder einer Nationalhymne ganz zu schweigen.

Narrativ Im Kontext des Nahostkonflikts war die Unabhängigkeitserklärung also nicht unbedingt ein Wendepunkt, für das zionistische Projekt hingegen sehr wohl. Aus dem »Medina Schebaderech«, dem Staat im Aufbruch, wurde quasi über Nacht ein Nationalstaat, und aus dem Vorsitzenden des Exekutivrats der Jewish Agency, David Ben Gurion, der Premierminister und der Verteidigungsminister der kommissarischen Regierung.

In der Unabhängigkeitserklärung begegnet uns deshalb auch das klassische zionistische Narrativ von der Vision und ihrer Erfüllung, das diesen Moment prägte. »Im Land Israel entstand das jüdische Volk. Hier wurde sein geistiges, religiöses und politisches Wesen geformt. Hier lebte es in staatlicher Unabhängigkeit, hier schuf es nationale und universelle Kulturgüter und schenkte der gesamten Welt das ewige Buch der Bücher. Nachdem das Volk mit Gewalt aus seinem Land vertrieben wurde, hielt es ihm in allen Ländern der Zerstreuung die Treue und ließ nicht ab vom Gebet und der Hoffnung, in sein Land zurückzukehren und dort seine politische Freiheit zu erneuern.«

Vielleicht kann die »Mamlachtiyut«, die Staatszentriertheit, die in der Unabhängigkeitserklärung gleichfalls zum Ausdruck kommt, nur vor dem Hintergrund der langen jüdischen Geschichte der Staatslosigkeit richtig verstanden werden. Zudem war im Nahen Osten das zionistische Aufbauwerk alles andere als ein Einzelfall. Denn in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen sowie unmittelbar nach 1945 gab es gleich mehrere Staatsprojekte, die von Minderheiten ohne eine Geschichte der staatlichen Selbstbestimmung initiiert worden waren.

So setzte sich bei der Pariser Friedenskonferenz von 1919 eine Delegation assyrisch-chaldäischer Christen – wenn auch vergeblich – für einen assyrischen Nationalstaat im Norden des heutigen Irak ein. Ihr Argument: Ein solcher könne auch für die zahlreichen Nichtchristen auf seinem Territorium wirtschaftliche Vorteile mit sich bringen, und mithilfe einer den Assyrern wohlgesonnenen Mandatsmacht ließe sich gewiss in spätestens 25 Jahren das Ziel der Eigenstaatlichkeit erreichen.

Gemeinwesen Im Norden des heutigen Marokko, im Rif-Gebirge, waren es die Berber, die nach Unabhängigkeit strebten. Abdelkarim al-Khattabi, einer ihrer Anführer, hatte zum Widerstand gegen die europäische Fremdherrschaft aufgerufen und 1921 die Rif-Republik gegründet, der aber 1926 spanische und französische Kolonialtruppen wieder den Garaus bereiteten.

In ihrer Unabhängigkeitserklärung hatten die Berber auf die Eigenständigkeit ihrer Sprache, Kultur und Geschichte verwiesen und deshalb erklärt, »von der Grenze Marokkos bis zum Mittelmeer und vom Fluss Moulouya bis zum Atlantischen Ozean« ein Gemeinwesen gründen zu wollen.

Auch die Kurden pochten auf Eigenstaatlichkeit. Nach der kurzlebigen Ararat-Republik, ausgerufen 1927 von Rebellen im Osten der Türkei, unternahmen sie 1946 mit der Grün­dung der Mahabad-Republik auf dem Gebiet des Iran einen zweiten Anlauf. Die Demokratische Partei Kurdistans, die treibende Kraft hinter dem Vorhaben, beklagte in ihrem Gründungsaufruf die kurdische Verfolgungsgeschichte und sprach von »Kugeln, Bomben, Gefängnis, Vertreibung und Exekution«.

Zugleich forderte man ein Recht auf nationale Selbstbestimmung. »Warum dürfen unsere Kinder nicht auf Kurdisch erzogen werden? Warum sollen wir unser Haus nicht verwalten, wie es uns gefällt?« Das Ziel war die »Rettung der kurdischen Nation vor der Vernichtung« sowie »die Bewahrung ihres Reichtums, ihrer Frauen und ihres Rufs als Nation«.

Keiner dieser Minderheitenstaaten war von Bestand – weder die Rif-Republik noch die kurdische Mahabad-Republik. Die kurze Phase der Gründerzeit von Minderheitenstaaten im Nahen Osten hörte auf, als alle diese Ansätze von Eigenstaatlichkeit wahlweise vom arabischen, türkischen oder iranischen Nationalismus von der Landkarte gefegt wurden. Allein das zionistische Projekt entwickelte sich in bemerkenswert kurzer Zeit zu einem funktionierenden und blühenden Gemeinwesen – nicht zuletzt dank des raschen Aufbaus funktionierender demokratischer und militärischer Strukturen, der Solidarität der Diaspora und der Fokussierung auf Forschung und Wissenschaft.

Erblühen Nach 70 Jahren ist es durchaus legitim, einige Aspekte der israelischen Unabhängigkeitserklärung einer kritischen Überprüfung zu unterziehen. So wird die Wiederbelebung der hebräischen Sprache betont. Dabei wird aber vergessen, mit wie viel politischem Druck die Hebraisierung der vielsprachigen Einwanderergesellschaft einherging. Und wer sich eben noch selbst mühsam sein Jiddisch abgewöhnt hatte, um endlich zum muskelbepackten Hebräer zu werden, zwang nun seinen aus Nordafrika oder dem Irak eingewanderten Nachbarn, das Arabische aufzugeben. Auch ist in der Unabhängigkeitserklärung von den zionistischen Pionieren zu lesen, die die Wüste zum Blühen gebracht hatten – dabei gehörte das Land seit Urzeiten zum Fruchtbaren Halbmond, der Stadtkulturen wie die von Jerusalem, Beirut und Damaskus überhaupt erst möglich gemacht hatte.

Aber nicht nur die arabische Geschichte des Landes wird zwischen all dem Gerede von Pionieren der hebräischen Arbeit und der hebräischen Sprache ausgeblendet. Auch 2000 Jahre jüdischer Geschichte werden verkürzt auf Zionssehnsucht und Verfolgung, fast so, als hätte es wichtige Phasen der jüdischen Geistes-, Religions- und Nationalgeschichte außerhalb von Eretz Israel nie gegeben.

Demokratie Zudem fällt bei kritischer Lektüre der Unabhängigkeitserklärung auf: Die Staatsform wird nicht genannt. Auch das Wort Demokratie taucht kein einziges Mal auf. Und selbst wenn man sich für Religionsfreiheit und die rechtliche Gleichstellung aller Bürger unabhängig von ihrer ethnischen oder religiösen Herkunft verbürgt, so fehlt doch jeder Verweis auf eine Trennung von Staat und Religion. Die Grenzen des Staates bleiben unbestimmt, und auch die Konturen der Staatsnation scheinen zu verschwimmen.

Zwar unterscheidet der Text zwischen dem »hebräischen Volk, welches unabhängig in seinem Land lebt«, und dem »jüdischen Volk in der gesamten Diaspora«, aber die Selbstverpflichtung auf »jüdische Einwanderung und Sammlung der Zerstreuten« deuten an, dass sich hier ein hebräisch-israelischer Nationalstaat konstituiert, der sich als politische Vertretung des gesamten jüdischen Volkes positioniert.

Um all diese Fragen näher zu beleuchten, veranstaltet die Bildungsabteilung im Zentralrat der Juden in Deutschland vom 6. bis 8. Juni eine Tagung unter dem Titel »Wie alles begann – die Staatsgründung Israels im Fokus der Geschichte« in Frankfurt. Als ReferentInnen sind unter anderem Tom Segev, Fania Oz-Salzberger, Motti Golani und Adel Manna eingeladen.

Der Autor ist Juniorprofessor für Israel- und Nahoststudien.

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