Diplomatie

Gemeinsamer Nenner

Neuer Liebling des Westens: Kronprinz Mohammed bin Salman Foto: Getty Images

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Gemeinsamer Nenner

Die Annäherung an Saudi-Arabien könnte auch die Wirtschaft ankurbeln

von Sabine Brandes  27.11.2017 18:22 Uhr

Ein altes arabisches Sprichwort besagt: »Der Feind meines Feindes ist mein Freund«. Viele erklären die Annäherung zwischen Israel und Saudi-Arabien dieser Tage auf diese Weise. Denn in einem stimmen die beiden Nahoststaaten überein: in der kategorischen Ablehnung des fanatischen Regimes im Iran. Das machen Riad wie auch Jerusalem immer wieder deutlich. Doch hinter dieser Übereinstimmung hätten der jüdische Staat und das saudische Königreich noch mehr gemeinsam, sind manche überzeugt.

Die Zeichen stehen definitiv auf Annäherung. Regierungschef Benjamin Netanjahu wird nicht müde, die »neuen Verbindungen« zwischen seinem und »gemäßigten arabischen Staaten« zu betonen – in erster Linie gemeint sind Ägypten und Saudi-Arabien. Vor wenigen Tagen bestätigte auch Energieminister Yuval Steinitz, Mitglied des Sicherheitskabinetts: »Es gibt Kontakte zwischen uns und den Saudis.«

Doch kaum einer glaubt an eine Union aus reiner Zuneigung. Anshel Pfeffer, Kommentator der Tageszeitung Haaretz, schreibt: »Die Bereitschaft, ihre Verbindungen offenzulegen, ist nicht nur Bestätigung dafür, wie sehr sie ihre Taktik koordinieren, sondern auch Beweis für die große Unruhe wegen des Vorstoßes des Irans im Jemen, Irak und Syrien.« Für ihn sieht es eher so aus, als ob sich die zwei ungleichen Partner annähern, weil die USA bislang mit keiner Agenda für den Nahen Osten vorangekommen ist. »Es ist keine Hochzeit aus Bequemlichkeit oder gar, weil sie sich lieben. Sie haben einfach keine andere Wahl.«

Prinz Welche Beweggründe auch immer eine Rolle spielen, die Fakten sprechen eine eindeutige Sprache. Im September, berichteten israelische Medien, habe ein saudischer Prinz Israel einen geheimen Besuch abgestattet. Die Regierung gab keinen Kommentar ab, doch zur selben Zeit lobte Netanjahu die »engen Verbindungen zu arabischen Staaten«. Doch obwohl das Königreich bereits vor 15 Jahren mit einer Friedensinitiative für Israelis und Palästinenser aufwartete, gibt es bis heute keine diplomatische Vertretung und keinerlei Handelsverbindungen. Als Mitglied der Arabischen Liga unterstützt Riad den arabischen Boykott gegen Israel.

Zugleich treffen sich immer mehr saudische Geschäftsleute auf neutralem Boden mit israelischen Vertretern. Zudem verkündete der Großmufti des Landes vor wenigen Tagen, dass »das Kämpfen gegen Israel und das Töten von Juden unethisch für Muslime« ist. Die Hamas bezeichnete er als Terrororganisation. Vor allem aber sind die Hoffnungen nach der De-facto-Machtübernahme des neuen Kronprinzen gestiegen. Mohammed bin Salman machte Schlagzeilen mit seinen Reformen in Sachen Frauenrechte, schickte hochrangige Regierungsmitglieder und Familienangehörige wegen Korruption ins Gefängnis und sagte, an den geistlichen Führer des Irans, Ayatollah Ali Khamenei, gewandt, dass man keinen »neuen Hitler« in Nahost wolle.

In einer aktuellen Umfrage äußern 55 Prozent der Israelis Zuversicht, dass der junge Kronprinz tatsächlich Partner für den Frieden sein kann. Michal Yaari bestätigt das. Die Dozentin an der Tel-Aviv-Universität ist Mitglied des israelischen Expertenteams der Regionalinitiative und Expertin für die Beziehungen mit Saudi-Arabien. »In dieser kurzen Zeit als Kronprinz hat er gezeigt, dass er das Zeug hat, dramatische Aktionen in der Region durchzudrücken. Er ist ein Mann mit Vision, klar in seinen Ansichten und Aussagen. Das zeigt sich vor allem in seiner strikten Haltung gegenüber Terrororganisationen.«

Potenzial Yaari ist zudem überzeugt, dass Israelis und Saudis mehr als einen gemeinsamen Nenner haben. »Die jungen Generationen denken nicht wie ihre Väter oder Großväter. Sie lieben Musik, Mode, Filme, wollen Wohlstand und Frieden – auf beiden Seiten.« Obwohl der Gründer des Königreiches, Abdulaziz Ibn Saud, ein ausgesprochener Judenhasser war, sieht die Expertin das heute nicht mehr als Problem. »Das interessiert kaum noch jemanden.« Immer mehr arabische Staaten würden ihre »Israel-ist-an-allem-schuld-Attitüde« ablegen und den jüdischen Staat zusehends als Vorbild sehen. »Zugegeben, es geschieht sehr langsam und in kleinen Schritten, doch es passiert.«

Höchst relevant sei »das enorme Potenzial der Handelsbeziehungen«. Man solle sich einmal vorstellen, schlägt sie vor, welchen Effekt es auf die israelische Wirtschaft hätte, wenn Beschränkungen wegfielen, in die superreiche Ölnation zu liefern. Besonders im Energie-, Sicherheits- und Hightech-Bereich bestehe dort großer Bedarf an israelischer Qualität. Mindestens 50 Milliarden Dollar könnten durch binationalen Handel jährlich in den jüdischen Staat fließen, glaubt Yaari.

Projekt Den Anfang könnte schon bald die Zukunftsstadt Neom machen, ein Projekt des Kronprinzen. Vor Kurzem betonte der ehemalige israelische Parlamentarier Erel Margalit, dass dies definitiv auf der Agenda von Israels Start-up-Gemeinde stehe. Neom, eine hypermoderne Ansiedlung in der Nähe des Golfs von Akaba – und damit nicht weit von der israelischen Stadt Eilat –, soll mit neuester Technologie für 500 Milliarden Dollar aus dem Boden gestampft werden.

Allerdings dämpft Yaari vorschnelle Hoffnungen: »Es ist klar, dass Israel für die Normalisierung einen Preis zahlen muss. Und der liegt eindeutig in einer Lösung des Konflikts mit den Palästinensern.« Ihrer Meinung nach sei dies derzeit der einzige Hinderungsgrund für eine weitreichende regionale Kooperation. »Doch im Vergleich zu dem, was Israel bekommt, wäre der Preis gering. Die Saudis würden sicher keine extremen Konzessionen von Jerusalem verlangen, wie etwa die Aufgabe der Golanhöhen. Es ginge um die jüdischen Siedlungen auf palästinensischem Gebiet, da würde Riad sicher einen Baustopp fordern.«

Obwohl sie keinen Zweifel hat, dass die Zeit reif ist für Frieden zwischen Israel und Saudi-Arabien, weiß sie nicht, ob Jerusalem dazu bereit ist. »Ich hoffe sehr, dass die Regierung klug genug ist, diese einzigartige Chance zu nutzen. Wenn nicht, wäre es ein Fehler von historischem Ausmaß.« Besonders optimistisch ist die Expertin nicht, »eher realistisch«. Natürlich wisse niemand genau, was hinter den Kulissen verhandelt wird, aber es scheint nicht so, als ob die Netanjahu-Regierung in der nächsten Zeit zu derartigen Konzessionen bereit ist.

Der viel beschworene Status quo jedoch sei nichts als eine Illusion. »Die Lage in Nahost kann sich innerhalb von Minuten ändern. Nichts ist festgeschrieben. Stattdessen sollte sich Israel auf seine Interessen konzentrieren und den besten Deal wählen, den es bekommen kann: normale Beziehungen zu Saudi-Arabien.« Yaair ist überzeugt, dass damit die gesamte Region zum Positiven verändert werden kann – »weil Wohlstand und eine stabile Wirtschaft das Gegenteil von Krieg und Zerstörung sind«.

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