Geiseln

Freude und Schock zugleich

Als er gegen zehn Uhr morgens die Livebilder aus Gaza sieht, mischt sich in seine unbändige Freude ein unfassbarer Schock. Tal Levy sitzt vor einem Bildschirm in einer Militäreinrichtung in Re’im und wartet darauf, seinen jüngeren Bruder Or Levy nach 491 Tagen in der Geiselhaft der Hamas endlich lebend wiederzusehen. Doch als dieser und die beiden anderen Geiseln Eli Sharabi und Ohad Ben Ami aus einem Auto steigen, sind die Männer völlig ausgemergelt und so schwach, dass sie sich kaum auf den Beinen halten können.

»Es ist sehr hart, ihn in diesem Zustand zu sehen, nach allem, was er dort durchgemacht hat«, sagt der ältere Bruder gequält. Doch die Freude überwiegt: »Er kommt zurück, wird sich erholen und wieder mit seinem Sohn Almog vereint sein.« Etwa eine Stunde später fallen sich Or und Tal endlich in die Arme. »Es ist vorbei. Es ist okay«, sagt Tal immer wieder zu seinem schluchzenden Bruder und streichelt ihm über den rasierten Kopf.

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Etwa zwei Stunden zuvor stand der 34-jährige Israeli aus Givataim auf einer Bühne der Hamas in Deir al-Ballah im Zentrum des Gazastreifens. Wie andere Geiseln zuvor musste auch er eine olivgrüne Pseudo-Uniform tragen. Wohl weil die Hamas damit zeigen wollte, dass er Soldat sei. Doch Or Levy war kein Soldat, als die Hamas ihn am 7. Oktober 2023 verschleppte. Er hatte mit seiner Frau Eynav auf dem Nova-Festival getanzt, als das Hamas-Massaker begann. Er wurde entführt, Eynav wurde ermordet. Als Levy freigelassen wird, weiß er das noch nicht.

Er wusste nicht, dass seine Frau und zwei Töchter ermordet wurden

Die drei Männer stehen auf der Bühne, auf der die Terroristen regelmäßig die Geiseln der ersten Phase des Abkommens vorführen. Sharabi und Ben Ami tragen hellbraune Jogginganzüge. Sie sind umringt von vermummten Terroristen mit Sturmgewehren, einer ballt immer wieder die Fäuste. Hinter ihnen steht auf einem riesigen Plastikbanner der Satz »Wir sind die Flut. Wir sind der Tag danach« auf Arabisch, Hebräisch und Englisch, in Anspielung auf die Debatten, vor allem in Israel und den USA, darüber, wer nach dem Krieg in Gaza die Macht haben wird.

Obwohl die drei Geiseln offensichtlich extrem schwach sind, werden sie gezwungen, minutenlang zu sprechen. »Ich wurde gut und mit Respekt behandelt und beschützt«, muss der hohlwangige Ben Ami ins Mikrofon sagen. Er war während der Massaker von den Terroristen aus seinem Bett im Kibbuz Be’eri gezerrt worden.

Eli Sharabi, mit ausgezehrtem Gesicht, sagte vor dem Hamas-Publikum, er hoffe, seine Frau und seine zwei Töchter sehr bald wiederzusehen. In Israel verbreiteten sich diese Worte wie ein Lauffeuer. Die Menschen sind fassungslos, bedeuten sie doch, dass der 52-Jährige nicht weiß, dass seine Frau Lianne und die Töchter Noiya und Yahel am 7. Oktober von der Hamas ermordet wurden. Kurz nach der Veröffentlichung der ersten Bilder schreibt der israelische Präsident Isaac Herzog auf X: »So sieht ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit aus! Wir finden Trost in der Tatsache, dass sie lebend in die Arme ihrer Lieben zurückkehren.«

»So sieht ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit aus!«

Präsident Isaac Herzog

Die Freilassung von Levy, Sharabi und Ben Ami ist Teil der ersten Phase des Abkommens zwischen Israel und der Hamas. Es ist die fünfte Gruppe von Verschleppten. Drei weitere Freilassungen sind vorgesehen, wobei von den 33 dabei freizulassenden Geiseln noch 17 festgehalten werden. Acht von ihnen sind bereits für tot erklärt worden. Insgesamt befinden sich weiterhin 76 Geiseln im Gazastreifen. Am Montag erklärte die Hamas, sie wolle die geplanten Befreiungen wegen angeblicher Verstöße Israels gegen Bedingungen des Abkommens aussetzen.

Daraufhin drohte US-Präsident Donald Trump, dass die Waffenruhe aufgehoben und der Krieg in Gaza wieder aufgenommen würden, sollte die Hamas nicht bis Samstagmittag alle verbleibenden Geiseln freilassen. Premier Benjamin Netanjahu wiederholte die Ansage tags darauf, als er sagte, dass Israel die Kämpfe in Gaza fortsetzen werde, wenn »unsere Geiseln« nicht bis Samstag zurückkommen. Er sagte nicht, ob damit alle Geiseln gemeint sind oder nur die vereinbarten drei.

Am Samstag nach der Übergabe der drei Männer an Vertreter des Internationalen Komitees des Roten Kreuzes (IKRK) ließen die israelischen Sicherheitskräfte mehrere Gruppen palästinensischer Häftlinge frei, insgesamt 183. Von ihnen waren 72 Sicherheitsgefangene. 70 Prozent der israelischen Öffentlichkeit sind für die Fortsetzung der zweiten Phase des Abkommens, ergab eine Umfrage des TV-Senders Channel 12.

»Wenn Maßnahmen ergriffen werden müssen – warum erst jetzt?«

Auch Netanjahu, der sich am Wochenende in Washington aufhielt, um US-Präsident Trump zu treffen, zeigte sich schockiert von den Bildern der Entführten: »Wir werden die schrecklichen Szenen, die wir heute erlebt haben, nicht ignorieren und angemessene Maßnahmen ergreifen«, drohte er. Netanjahu hatte seine Reise verlängert, obwohl bekannt war, dass am Samstag drei Geiseln – zwei von ihnen mit besonders schwerem Schicksal – freikommen würden. Oppositionsführer Yair Lapid antwortete dem Premier: »Haben Sie jetzt erst herausgefunden, dass die Geiseln in schlimmem Zustand sind? Es stand in den Geheimdienstberichten, die Ihnen auf den Tisch gelegt wurden. Sie haben diese Berichte genauso gesehen wie ich. Wenn Maßnahmen ergriffen werden müssen – warum erst jetzt?«

Am Abend äußerte sich das Büro Netanjahus ausführlicher: »Or, Eli und Ohad sind heute nach Hause zurückgekehrt. Sara und ich umarmen sie und ihre lieben Familien.« Man habe bei der Freilassung wieder die »Monster« der Hamas gesehen. »Das sind dieselben Monster, die unsere Bürger abgeschlachtet und unsere Geiseln misshandelt haben. Ich sage noch einmal: Sie werden den Preis dafür zahlen.«

Ella Ben Ami sprach am Abend im öffentlich-rechtlichen Sender Kan von ihrer Erleichterung und Freude über die Freilassung ihres Vaters, Ohad Ben Ami (56). »Ich brauchte eine Sekunde, um zu erkennen, dass es Papa war. Aber er ist stark. Er hat es überlebt!« Und jetzt wolle er »ihn einfach nur umarmen«.

Die Freude des kleinen Almog

Auch der dreijährige Almog wartet sehnsüchtig auf die Umarmung seines Vaters. »All die Zeit musste er ohne Mutter und Vater sein. Jetzt kommt Or endlich zu uns zurück«, sagt dessen Mutter Geula. »Als wir Almog sagten, ›Wir haben Papa gefunden‹, sprang er vor Freude auf dem Bett herum.« Dann malte er zwei Bilder: eins von einem Regenbogen, eins mit einem Strichmännchen, das Papa zeigen soll. Tal Levy legte es später neben die frische Kleidung und die neuen Schuhe, die für seinen Bruder Or bestimmt waren.

Or und Eynav hatten sich als Teenager in der Schule kennengelernt. Sie waren Seelenverwandte, sagen Familie und Freunde. 2021 kam Almog auf die Welt, ihr Glück schien perfekt. Am Abend des 6. Oktober wollten sie tanzen gehen. Almog blieb bei den Großeltern, die als Babysitter aushalfen. Seine Mutter wird der kleine Almog nie wiedersehen, aber seinen Aba hat er nach 16 endlosen Monaten endlich wieder.

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