Geiseln

»Es wird nicht leicht werden«

Das Sheba-Krankenhaus ist vorbereitet. »Es ist so gut, dass Ihr nach Hause gekommen seid«, steht auf dem Schild an der Tür. Foto: Sheba Krankenhaus

Mehr als 470 Tage. Mehr als 15 Monate. Mehr als ein Jahr. Die Zeit, die die Entführten, die in einem zweiten Geisel-Deal befreit werden sollen, in der Gewalt der Hamas verbringen mussten, ist viel zu lange. Darüber sind sich alle einig. Mediziner und Psychologen in Israel sind sicher, dass die Rückkehrer nach einer derart langen Zeit wahrscheinlich unter schweren und sogar lebensbedrohlichen Gesundheitsproblemen leiden.

Hamas-Terroristen veranstalteten in südlichen israelischen Gemeinden am 7. Oktober 2023 ein Blutbad. Mehr als 1200 Menschen wurden dabei ermordet, 251 Menschen in den Gazastreifen verschleppt. Derzeit werden noch 98 Geiseln festgehalten, obwohl Israel davon ausgeht, dass mindestens ein Drittel von ihnen nicht mehr am Leben ist. Der Krieg, der auf den Angriff folgte, habe nach Angaben der von der Hamas geleiteten Gesundheitsbehörde in Gaza mittlerweile mehr als 46.000 Palästinenser getötet. Allerdings unterscheidet die Terrororganisation nicht zwischen Zivilisten und Kämpfern.

Während im November 2023 Bilder von relativ gesund aussehenden Geiseln um die Welt gingen, die ekstatisch in die Arme ihrer Liebsten rannten, gelöst in Kameras lächelten und mit Angehörigen für Fotos posierten, gehen Experten davon aus, dass die jetzigen Befreiungsaktionen anderes verlaufen könnten. Mediziner sind sicher, dass die freikommenden Menschen längere und komplexere medizinische und psychische Behandlungen benötigen werden.

Einige könnten Hilfe bei der Mobilität benötigen

Dr. Einat Yehene, leitende Rehabilitationspsychologin des Forums für die Familien von Geiseln und Vermissten, meint, es sollten keine freudigen Wiedersehen wie beim letzten Mal erwartet werden. »Angesichts der körperlichen und psychischen Verfassung erwarten wir emotionale Entzugserscheinungen, wie möglicherweise Erschöpfung und extreme Müdigkeit. Einige werden wohl zudem Hilfe bei ihrer Mobilität benötigen«, gibt sie zu bedenken.

Es könnte sogar zu Sprachschwierigkeiten kommen, wie Yehene erklärt. »Es ist möglich, dass zurückkehrende Geiseln eine Sprachtherapie benötigen, insbesondere wenn sie isoliert wurden. Und vielleicht sind einige so traumatisiert oder geschockt darüber, dass sie endlich in Freiheit kommen, dass sie überhaupt nicht sprechen können.«

Auch Professor Hagai Levine, Leiter des Gesundheitsteams des Familienforums, erwartet, dass sie eine andere medizinische Betreuung benötigen als jene, die nach rund 50 Tagen zurück nach Hause kamen. Obwohl niemand die Bedingungen kennt, unter denen die in Gaza verbleibenden 98 Geiseln festgehalten werden, bereiten sich das israelische Gesundheitsministerium, Krankenhäuser und das Familienforum seit langer Zeit auf verschiedene Szenarien vor, basierend auf Informationen, die von zuvor freigelassenen oder geretteten Geiseln gesammelt wurden.

»Manche Menschen könnten auch Knochenbrüche oder Wunden haben, die nicht richtig versorgt wurden. Das haben wir schon beim letzten Mal gesehen.«

Levine sorgt sich, dass die Geiseln aufgrund der mangelnden Frischluft in den Tunneln der Hamas unter dem Gazastreifen mit Herz-Kreislauf- und Atemproblemen zurückkehren könnten. Aufgrund von Sonnenlichtmangel könnte es zu Sehstörungen kommen. »Manche Menschen könnten auch Knochenbrüche oder Wunden haben, die nicht richtig versorgt wurden. Das haben wir schon beim letzten Mal gesehen.« Darüber hinaus erwartet er Vitaminmangel, Auswirkungen durch schwierige Hygienezustände und andauernden Hunger, dramatischen Gewichtsverlust, und kognitive Beeinträchtigungen sowie psychische Traumata. Klar sei: »Es wird nicht leicht werden.«

Die Ärzte sind sich der vielen Herausforderungen bewusst, denen sie bei der Behandlung der überlebenden Geiseln gegenüberstehen. Eines davon ist das sogenannte »Refeeding-Syndrom«. Beim Kontakt mit bestimmten Nahrungsmitteln oder zu viel Essen kann es zu schwerwiegenden gesundheitlichen Komplikationen und sogar zum Tod führen bei Menschen mit anhaltendem Vitamin- und Nährstoffmangel«, erläutert Levine.

Daher sind das Team des Roten Kreuzes, das die Geiseln von Gaza nach Ägypten bringt, sowie die Gruppe von israelischen Militärmedizinern angewiesen, die an der Grenze zu Israel wartet, den Geiseln in den ersten Stunden nur bestimmte Lebensmittel zu geben, obwohl sie sicher unter extremem Hunger gelitten haben.

Das Scheba-Krankenhaus ist vorbereitet, die Geiseln aufzunehmen

Um das Trauma der Geiseln zu minimieren und ihnen die Möglichkeit zu geben, sich an ihre neue Realität zu gewöhnen, wird versucht, die Zahl der Menschen, die mit ihnen anfangs interagieren, zu begrenzen. Das gesamte medizinische Establishment bittet Medien und Öffentlichkeit, den Geiseln und ihren Familien trotz des großen Interesses an ihrem Schicksal die nötige Privatsphäre zu gewähren.

Das Scheba-Krankenhaus in Ramat Gan bei Tel Aviv ist darauf vorbereitet, die am Sonntag voraussichtlich ankommenden Geiseln Doron Steinbrecher, Emily Damari und Romi Gonen aufzunehmen. Dort warten ihre Angehörigen auf sie. In einer abgeschotteten Abteilung sind es keine gewöhnlichen Krankenzimmer, die vorbereitet wurden, sondern Räume, in denen Sessel und Sofas mit bunten Kissen stehen, farbenfrohe Bilder hängen an den Wänden.

»Sie werden nicht nur von Medizinern umsorgt, sondern auch von einem Team von verschiedenen Expertinnen und Experten, die rund um die Uhr für das Wohlbefinden der befreiten Geiseln sie da ist«, so der Sprecher des Krankenhauses, Steve Walz. »Wir haben neue Kleidung, Hygieneartikel und Schminkutensilien besorgt und bereiten ihre Lieblingsgerichte zu.« An der Eingangstür der Abteilung hängt ein lilafarbenes Poster mit einem gelben Herz. Daneben steht: »Wie gut, dass Ihr Zuhause seid.«

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