Interview

»Es ist ein gerechter Krieg«

Yair Lapid in Beit Schemesch, wo am 1. März eine iranische Rakete neun Menschen tötete Foto: picture alliance / REUTERS

Herr Lapid, wie geht es Ihnen in diesen Tagen – und wo suchen Sie Schutz bei den Raketenalarmen?
Ich bin ständig in Schutzräumen und wieder draußen, manchmal sogar während Fernsehinterviews und Besuchen an Orten, die von iranischen Raketen getroffen wurden. Das ist unsere Realität im Moment, aber wir sind stark und entschlossen. Unsere Aufgabe ist es, dem israelischen Volk Führung zu zeigen. Was mich antreibt, ist dasselbe, was das Land antreibt – das Wissen: Wir haben uns das nicht ausgesucht und schützen unser Volk und unsere Zukunft.

Sie sind Israels Oppositionsführer und ehemaliger Premierminister. Wie beurteilen Sie die Präventivschläge Israels und der Vereinigten Staaten gegen den Iran?
Ich habe diese Schläge unterstützt, weil Irans Raketen- und Atomprogramm eine existenzielle Bedrohung darstellen. Israel hat die Pflicht sicherzustellen, dass der weltweit führende Unterstützer des Terrorismus nicht die Fähigkeit erlangt, die Region unter einem nuklearen Schirm einzuschüchtern. Ich bin Premierminister Netanjahus größter politischer Rivale und ein scharfer Kritiker von ihm in vielen Fragen, aber wenn es um unsere berechtigten nationalen Sicherheitsbedürfnisse geht, spielt die Politik keine Rolle. In dieser Frage ist das Land geeint.

Wie sieht Ihre Arbeit derzeit aus?
Meine Zeit teilt sich zwischen Inlands- und Auslandsarbeit auf. Im Inland unterstütze ich die Menschen vor Ort, spende Familien Trost und stehe hinter unseren unglaublichen Sicherheitskräften. Auf diplomatischer Ebene habe ich Dutzende von Interviews gegeben, um sicherzustellen, dass Israels Botschaft in die Welt hinausgetragen wird. Damit selbst diejenigen, die unserer Regierung kritisch gegenüberstehen, wissen, dass sie diese Operation unterstützen können, da sie breite Rückendeckung im gesamten politischen Spektrum Israels genießt.

Glauben Sie, dass dieser Krieg notwendig war?
Ja. Wir wurden zu diesem Krieg gezwungen. Ein Regime, das offen Terrorismus in der gesamten Region finanziert und lenkt, während es Tausende von Raketen baut und nach nuklearen Fähigkeiten strebt, ist nicht etwas, was Israel auf Dauer »beherrschen« kann. Nach dem 7. Oktober 2023 wird Israel Bedrohungen nicht länger nur in Grenzen halten oder ignorieren. Wir wissen, wohin das führt, und mussten daher gemeinsam mit unseren Freunden in den Vereinigten Staaten handeln.

Diese Militäroperation wird als »historisch« bezeichnet. Warum?
Es ist eine direkte Konfrontation mit dem Treiber regionaler Instabilität und islamischen Terrorismus. Wenn es uns gelingt, die iranische Raketenbedrohung zurückzudrängen und das Atomprogramm zu zerstören, verändert dies die strategische Realität für Israel, den Nahen Osten und auch Europa. Eines der Hauptziele ist es, die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass das iranische Volk das Regime stürzt und das Land auf einen neuen Weg führt. Wir alle sollten hoffen, dass es gelingt.

Die Strategie in diesem Krieg ähnelt Israels Vorgehen gegen Terrorgruppen wie Hamas und Hisbollah. Betrachtet Israel das Regime in Teheran als terroristische Organisation?
Das iranische Regime ist keine Regierung, wie man sie sich in Deutschland vielleicht vorstellt. Es ist eine terroristische Organisation, die die Kontrolle über ein Land übernommen hat. Es hat ein einst großartiges Land und eine historische Zivilisation gekapert.

Welche Folgen hat Ihrer Meinung nach die Tötung von Ajatollah Chamenei?
Chamenei war der Hauptarchitekt eines Systems, das Terror ins Ausland exportierte und Repression im Inland ausübte. Seine Absetzung kann eine Chance eröffnen, aber nichts ist garantiert. Die Zukunft des Iran liegt in den Händen des iranischen Volkes.

Wie reagieren Sie auf den Aufruf von Premierminister Netanjahu an die iranische Bevölkerung, auf den Straßen gegen das Regime zu protestieren?
Das iranische Volk ist nicht unser Feind. Es hat unter diesem Regime mehr gelitten als alle anderen. Ich befürworte es, direkt und respektvoll mit ihnen zu sprechen: Dieser Krieg richtet sich gegen das Regime, nicht gegen die iranischen Bürger. Wenn das iranische Volk seine Zukunft ändern will, sollte Israel ihm die Hand zum Frieden reichen. In den ersten Kriegsstunden habe ich auf Farsi eine Nachricht getwittert: »An das iranische Volk: Ihr seid nicht unsere Feinde. Wir haben eure Proteste mit Bewunderung und Respekt verfolgt. Wir stehen an eurer Seite gegen dieses verabscheuungswürdige Regime, das nichts als Tod und Zerstörung über euer Land und die gesamte Region gebracht hat. Wenn dieser Krieg endet und dieses Regime gestürzt ist, werden wir für Frieden zwischen unseren historischen Nationen und für den Beginn einer neuen Ära im Nahen Osten beten.«

Verändern Irans Angriffe auf arabische Staaten in der Region die strategische Dynamik?
Sie verdeutlichen die Dynamik: Es gibt Länder, die eine Zukunft in Frieden, Wohlstand und Stabilität anstreben, und solche, die die Region in Chaos und Zerstörung stürzen wollen. Die arabische Welt weiß seit Jahren, dass der Iran nicht nur Israels Problem ist, sondern eine regionale Bedrohung darstellt. Wenn der Iran sie direkt angreift, unterstreicht dies das gemeinsame Interesse pragmatischer Staaten an der Eindämmung der iranischen Raketenaggression und Destabilisierung der Region.

Sehen Sie größere internationale Unterstützung für diesen Krieg gegen den Iran im Vergleich zur Konfrontation im vergangenen Sommer und zum Krieg im Gazastreifen gegen die Hamas?
Ich wünsche mir, dass die ganze Welt unmissverständlich an der Seite Israels und der Vereinigten Staaten steht. Ein gerechter Krieg ist im 21. Jahrhundert etwas Ungewöhnliches. Es ist klar, welche Seite gut und welche böse ist, wer im Recht und wer im Unrecht ist.

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Könnte dies der entscheidende Krieg werden, der zu einem dauerhaften Frieden im Nahen Osten führt?
Ein Naher Osten, in dem die iranischen Raketen- und Atombedrohungen beseitigt sind, ist ein Naher Osten, in dem die regionale Zusammenarbeit vertieft werden kann: Sicherheitskoordination, wirtschaftliche Beziehungen, Normalisierung und eine stabilere Architektur. Frieden entsteht nicht allein durch militärische Macht. Er entsteht, wenn militärischen Erfolgen eine kluge Diplomatie, starke Bündnisse und die glaubwürdige Vision einer sichereren Region folgen.

Die Fragen an den Vorsitzenden der Partei »Yesh Atid« stellte Sabine Brandes

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