Uganda

Entebbe-Entführung 1976: Debatten um Linksterror und Antisemitismus

Eine alte Dame umarmt ihren Enkelsohn, der das Geiseldrama in Entebbe überlebt hat am Flughafen Ben Gurion Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS

Flug 139 der Air France, aus Tel Aviv kommend, hat gerade von der Startbahn in Athen abgehoben und Kurs auf Paris genommen, als vier Passagiere aufspringen. Wilfried Böse und Brigitte Kuhlmann sowie zwei Palästinenser ziehen Pistolen und Handgranaten, sie bringen den Airbus A300 in ihre Gewalt. Es ist der 27. Juni 1976.

Böse und Kuhlmann sind Mitglieder der linken Terrorgruppe »Revolutionäre Zellen« (RZ). Die Entführung soll den Terror der »Volksfront für die Befreiung Palästinas« gegen Israel unterstützen und die Freilassung von in Deutschland inhaftierten Linksterroristinnen und -terroristen erzwingen.

Über Zwischenstationen nach Uganda

Die Verbindung zwischen deutschen und palästinensischen Terroristen ist zu jener Zeit nicht nur eine ideologische, sondern auch eine instrumentelle, wie der Linksextremismus-Experte Robert Wolff von der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung in Wiesbaden erklärt: »Die Palästinenser hatten einfach die größte Erfahrung bei Flugzeugentführungen.«

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Über Zwischenstationen lassen die Entführer den Airbus nach Entebbe in Uganda fliegen. Das Regime des Diktators Idi Amin in dem ostafrikanischen Land hat zuvor zu Israel eine feindliche Haltung eingenommen. In den folgenden Tagen lassen die Entführer dort insgesamt 145 Geiseln frei. 105 Passagiere und Crewmitglieder des Airbus bleiben allerdings in der Gewalt der Terroristen.

Welche Geiseln freigelassen wurden

Fraglich ist bis heute, nach welchen Kriterien die Entführer auswählten, wen sie freiließen und wen sie festhielten. Einige der Geiseln berichteten später, die beiden Deutschen hätten anhand der Pässe ihrer Geiseln entschieden, wer gehen konnte und wer nicht.

Israelische Staatsbürger hätten sie in ihrer Gewalt behalten. Andere Augenzeugen sagten aus, Kuhlmann und Böse hätten alle Juden - oder solche, die sie dafür hielten - in ihrer Gewalt behalten, unabhängig von deren Staatsbürgerschaft. Damals wie heute gilt: Wer alle Juden für Handlungen des Staats Israel verantwortlich macht, handelt antisemitisch. Unbestritten ist, dass sie mindestens sechs Nicht-Israelis weiter gefangen hielten.

Unter den Festgehaltenen sind auch Überlebende der Schoa, die sich an die »Selektion« der Nazis an der Rampe von Auschwitz-Birkenau erinnert fühlen. Einer von ihnen zeigt Böse sogar seine eintätowierte Häftlingsnummer aus dem Konzentrationslager.

Antisemitismus oder nicht?

Extremismusforscher Wolff verweist auf den Ablauf von Geiselnahmen durch palästinensische Terroristen: »Auffällig daran ist, dass es immer Aufteilungen der Geiseln gibt.«

Wer in welche Geiselgruppe gekommen und wer freigelassen worden sei, habe oft wenig mit der Identität zu tun gehabt, sondern mit dem Wunsch, so wenige Verhandlungspartner wie möglich zu haben, um die Erfolgschancen zu erhöhen, erklärt der Forscher weiter. Neben Israel hätten die Terroristen Frankreich und Deutschland mit am Tisch haben wollen. Die Frage »Antisemitismus oder nicht?« lasse daher den Aspekt außer Acht, dass man die Menschen als bloße Verhandlungsmasse behandelte. »Was es nicht weniger unmenschlich macht«, bemerkt Wolff.

Diskussionen unter Linken

In der Nacht vom 3. auf den 4. Juli machen heimlich eingeflogene israelische Spezialkräfte der Entführung ein blutiges Ende. Während der Geiselbefreiung sterben 20 Ugander, drei Geiseln und der Leiter des israelischen Spezialkräfte-Kommandos. Auch die Geiselnehmer werden getötet.

Entebbe verschwindet bald wieder aus dem öffentlichen Bewusstsein. Nicht aber aus den Debatten der deutschen Linken, die den antisemitischen Aspekt der Terrorattacke diskutieren. In den 1970er Jahren ist unter ihnen die Frage, ob Gewalt als Mittel der Auseinandersetzung legitim sei, Gegenstand vieler Diskussionen. Viele Linke rechtfertigten sie. Aber Deutsche, die im Namen einer linken Ideologie mit vorgehaltener Waffe Juden »selektieren« - das ist für viele inakzeptabel.

Aber eben nicht für alle. Der ehemalige Bundesaußenminister Joschka Fischer, der vor seiner politischen Karriere bei den Grünen in Frankfurts linker Szene aktiv war, sagte in einem »Spiegel«-Interview im Jahr 2001: »Damals sind fast die Fäuste geflogen am Frühstückstisch in der WG.« Für ihn und andere sei klar gewesen: »Wir erkannten allmählich, dass diejenigen, die mit der Abkehr von der Elterngeneration als Antifaschisten begonnen hatten, bei den Taten und der Sprache des Nationalsozialismus gelandet waren.«

Ursache oder Katalysator?

Böse und Kuhlmann haben vor der Flugzeugentführung in Frankfurt am Main einen Freundeskreis gehabt. Viele ihrer Freunde stehen nun fassungslos vor der Tat der beiden. Entebbe habe das Unbehagen vieler Linker angesichts der zunehmenden Gewalt befeuert, erläutert der Experte Wolff.

Ob Entebbe die Ursache dafür gewesen sei, dass viele von ihnen der Gewalt abschworen, könne er nicht sagen. Vielleicht sei es mehr ein Katalysator gewesen, überlegt er: »Entebbe war sicher auch einfach nur ein gutes Argument, um sich von der Militanz loszusagen.«

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