Humanitäre Hilfe

Einsatz in Miyagi

Die Tage, in denen die Welt pausenlos auf die geschundene Erdbebenregion Japans schaute, sind vorüber. Dort aber, wo am 11. März erst ein Beben wütete und anschließend der Tsunami alles und jeden fortriss, geht das Leiden weiter. In der am härtesten betroffenen Provinz Miyagi traf vor einigen Tagen ein Team der israelischen Armee ein, um humanitäre Hilfe zu leisten. Sie sind die einzigen Ausländer am Ort.

Schon unmittelbar nach dem Desaster hatte die Regierung Israels Tokio Unterstützung angeboten. Doch erst vor Kurzem sagten die Japaner zu. Die reiche Nation mit ihren 127 Millionen Menschen ist nicht daran gewöhnt, das Ausland um Hilfe zu bitten. Nach einem 20-Stunden-Flug mit anschließender siebenstündiger Busfahrt erreichte die 50 Mann starke IDF-Delegation das Katastrophengebiet und machte sich sofort an den Aufbau einer Feldklinik. Mittlerweile steht das Krankenhaus in einer fast komplett zerstörten Kleinstadt der Miyagi-Provinz im Nordos-ten des Landes.

Vertreter verschiedener Armee-Einheiten, darunter des Heimatfrontkommandos und des medizinischen Korps, sind mit dabei. 14 Ärzte und zehn Krankenschwestern bringen »einen riesigen Erfahrungsschatz mit«, wie sie selbst sagen. Unter ihnen sind Chirurgen, Orthopäden, Dermatologen, Gynäkologen, Urologen, Ärzte für Nuklearmedizin und andere. Im Gepäck haben sie zudem 80 Tonnen Ausrüstung. Das Krankenhaus ist mit modernster Technik ausgestattet, behandelt wird in vier separaten Räumen.

Bevölkerung Außer in den Notunterkünften haben die Einwohner meist kein Dach mehr über dem Kopf, keine Fahrzeuge, kein Benzin oder Zugang zu medizinischer Versorgung. »Es geht hier nicht um einen lebensrettenden Einsatz, wie in Haiti etwa«, erklärt der leitende medizinische Offizier Nachman Esch. »Es ist eine vergleichsweise unkomplizierte Mission. Wir bauen eine Klinik und behandeln darin die Bevölkerung der Gegend. Sie ist aber nicht minder bedeutend, denn die Versorgung in dieser Region ist essenziell«. Der Chef des Medizinkorps, Ofir Cohen-Marom, beschreibt den Einsatz mit eigenen Worten: »Wir sind hier, weil wir es nicht ertragen können, Menschen leiden zu sehen.«

Tatsächlich sind die Frauen und Männer aus Israel ob des Ausmaßes der Zerstörung geschockt. Der 57-jährige Spezialist für Infektionskrankheiten, David Raveh, konnte anfangs kaum glauben, was er sah: »Obwohl wir uns vor der Reise viel informiert hatten, Bilder sahen, ist es live noch sehr viel schlimmer, als wir es uns jemals hätten vorstellen können, einfach schrecklich. Von den meisten Strukturen in der Stadt ist nichts mehr übrig.«

Empfangen wurde das Team aus Nahost mit einer Mischung aus Herzlichkeit und Zurückhaltung. Raveh erzählt: »Zwei Tage lang beobachteten sie uns nur, wussten nicht so recht, uns einzuordnen. Langsam aber entstand Vertrauen, und heute arbeiten wir gemeinsam mit den jungen japanischen Ärzten, die von der Regierung mobilisiert wurden, glücklich und selbstver-
ständlich zusammen«. Jegliche Art von medizinischen Problemen tauchen auf: ein Bürgermeister mit gebrochenen Rippen, ein Baby mit einer schwerwiegenden Augenentzündung, Infektionen und andere Krankheiten.

Jegliche gesundheitliche Gefahr für das Team selbst ist im Voraus genau abgewägt worden, bestätigen die Leiter der Mission. Die Israelis seien viele Kilometer von dem beschädigten Reaktor in Fukuschima entfernt, zudem mit Messgeräten für Radioaktivität und einer Notfallausrüstung ausgestattet. »Doch natürlich wird das Team im Falle einer Gefährdung sofort aus der Region abgezogen.«

Kommunikation Eine der größten Herausforderungen ist die Verständigung. Vor allem ältere Menschen sprechen kein Wort Englisch und dazu einen ausgeprägten Dialekt, der das Verstehen sogar den drei mitgereisten Dolmetschern schwermacht. Mit dabei ist deshalb auch Schai Pinto, Internist und Japan-Experte. Er fungiert als Botschafter der Gruppe, studierte fernöstliche Medizin. »Ich habe die medizinische Ausrüstung dabei, die typisch für diese Region ist«, sagt Pinto in Hoffnung auf das Vertrauen potenzieller Patienten.

Dass die Kulturen der beiden Nationen »grundverschieden« sind, bestätigt Raveh. »Es gibt einen riesengroßen Unterschied zwischen der westlichen, zu der Israel sicher zählt, und der japanischen Kultur. Die Menschen hier leiden still im Innern, zeigen es nicht. Meine Vorstellungskraft reicht nicht, um mir auszumalen, wie mein Land im Zuge einer solchen Katastrophe reagieren würde. Und ich muss sagen, ich schaue mit Bewunderung auf die Japaner.«

Ein Ereignis ist dem erfahrenen Mediziner für immer ins Gedächtnis gebrannt. Es war sein erstes Zusammentreffen mit einer jungen einheimischen Ärztin. Man brachte eine ältere Patientin mit einer Infektion zu ihm, Behandlungen mit anderen Medikationen waren fehlgeschlagen. »Die Ärztin bat mich sehr höflich, neben mir sitzen zu dürfen, um für die Verständigung zu sorgen. In diesem Moment wurden mir die Unterschiede zwischen uns schlagartig klar«, so Raveh.

Er fragte seine japanische Kollegin, ob das von ihm vorgeschlagene Medikament akzeptabel sei. »Daraufhin zog sie ein Smartphone aus ihrer Tasche und checkte meine Angaben. Dann sagte sie ›No‹. Also suchten wir gemeinsam in ihrem Handy. Auf einmal schauten wir uns an, riefen ›Yes‹ und lachten. Wir hatten eine passende Arznei gefunden. Dieser Moment war magisch. Und genau das, was wir brauchten, um das Eis zu brechen – einfach wundervoll.«

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