Porträts

Dies sind die freigelassenen Geiseln

Israel ist in diesen Tagen angespannt aber auch voller Hoffnung. Zum sechsten Mal sind Israelis aus der Geiselhaft in Gaza freigelassen worden. Das zweite Waffenstillstands- und Geiselbefreiungs-Abkommen nach dem Massaker der Hamas am 7. Oktober 2023 beinhaltet die Freilassung von kleinen Gruppen von Verschleppten im Abstand von einer Woche.

Die auf der Liste stehenden Personen, die innerhalb von 42 Tagen zurückgeführt werden sollen, sind sogenannte »humanitäre« Fälle: Frauen, Kinder, ältere Menschen und Kranke. Die Angehörigen haben zusammen mit israelischen Behörden Rucksäcke mit Lieblingsgegenständen der verschleppten Menschen vorbereitet, die sie unmittelbar nach ihrer Freilassung erhalten.

Nachdem sie im Gazastreifen von der Hamas an das Rote Kreuz übergeben werden, fliegt die israelische Armee sie in ein Krankenhaus im Zentrum des Landes, wo sie ihre Familienangehörigen treffen und mindestens einige Tage für medizinische Tests und zur Beobachtung bleiben.

Sagui Dekel-Chen hat sein Baby noch nie gesehen

Sagui Dekel-Chen war einer der Ersten, die am verheerenden Morgen des 7. Oktober 2023 das Eindringen von Hamas-Terroristen in den Kibbuz meldeten und sich dem Sicherheitsteam anschlossen. Doch die Gruppe aus weniger als einem Dutzend Freiwilligen war nie dafür vorgesehen, den Kibbuz gegen einen Angriff dieses Ausmaßes zu verteidigen.

Der heute 36-Jährige wurde von befreiten Geiseln in den Terrortunneln in Gaza gesehen. Es war bis zum Schluss das einzige Lebenszeichen, das seine Angehörigen erhielten. Die Familie lebte in Nir Oz, wo die Terroristen 51 Menschen massakrierten und Dutzende verschleppten. Saguis Frau Avital war im siebten Monat schwanger, als die Hamas den Kibbuz angriff.

Avital Dekel-Chen: »Ich muss funktionieren, doch mein Herz ist zerrissen.«

Sie hatte sich mit den gemeinsamen zwei kleinen Töchtern im Schutzraum ihres Hauses versteckt. Zwei Monate nach seiner Geiselnahme wurde Sagui zum dritten Mal Vater. Die älteste Tochter fragte jeden Tag nach ihrem Aba und wann er zurückkommen werde, erzählte Avital Dekel-Chen im israelischen Fernsehen. Sie müsse funktionieren, »aber mein Herz ist zerrissen«, so die junge Frau.

Saguis Vater Jonathan Dekel-Chen, der an der Hebräischen Universität in Jerusalem Geschichte lehrt und in den USA aufwuchs, forderte immer ein Abkommen mit der Hamas »um jeden Preis«. Selbst wenn dies bedeute, dass die Terrororganisation nicht besiegt wird und weiter besteht.

Er war sicher, dass die Geiseln nur von einem Augenblick zum nächsten lebten, so der Vater. »Es ist eine unmögliche, schreckliche Situation, wenn ein Mensch, den man liebt, in der Hölle ist.« Ehemalige Geiseln berichteten nach der Befreiung von Folter und sexualisierter Gewalt, Demütigung und Gehirnwäsche. Der Vater will nur, dass sein Sohn endlich zurückkehrt. Doch er wisse auch: »Durch die andauernde Folter wird es ein sehr schwerer und langer Weg zurück ins Leben.«

Iair Horn war im Kibbuz für den Spaß zuständig

Iair Horn war im Kibbuz für den Spaß zuständig. Er organisierte Partys, kümmerte sich um die Kneipe in Nir Oz und fuhr besonders gern mit seinen Neffen zu den Spielen des Fußballklubs Hapoel Beer Sheva im ganzen Land.

Doch weit über ein Jahr war das Leben des 46-Jährigen die Hölle. Er wurde von der Hamas als Geisel im Gazastreifen festgehalten. Die Terroristen kidnappten ihn zusammen mit seinem jüngeren Bruder Eitan, als sie den Kibbuz überfielen und jeden vierten Bewohner der Kooperative töteten oder entführten. Eitan, der in Kfar Saba im Zentrum des Landes wohnte, hatte seinen Bruder über die Feiertage im Kibbuz besucht. 2014 hatte der damals 36-Jährige Iair Horn Alija gemacht.

Damit folgte er seiner Mutter Ruty Strum und den Brüdern Eitan und Amos, die bereits mehr als zehn Jahre zuvor aus Argentinien eingewandert waren. »Plötzlich rief er mich an und sagte einfach so: ›Ich komme nach Israel‹«, erinnert sich seine Mutter. Zunächst habe sie gedacht, er komme nur zu Besuch, doch dann machte auch er Alija, ließ sich im Kibbuz nieder und begann, im Baugewerbe zu arbeiten.

»Plötzlich war die ganze Familie wieder vereint – ich, meine Jungs, mein Bruder, meine Eltern, die Nichten und Neffen«, erinnert sich Ruty Strum. »Es war wundervoll. Wir lebten den zionistischen Traum.« Sie habe ihre Söhne »zu starkem Zusammenhalt erzogen«, erzählt die alleinerziehende Mutter weiter. Ob es die gemeinsame Liebe zum Fußball oder zu den Rolling Stones war oder ihre vielen Auslandsreisen, die Brüder seien immer zusammen gewesen.

Doch am 7. Oktober 2023 wurde der Familienzusammenhalt auf brutalste Weise zerstört. Mutter, Vater und Bruder Amos warten nun jeden Tag darauf, dass auch Eitan wieder nach Hause kommt – und dass sie ihren Traum endlich weiterleben können.

Sasha Trupanov wurde mit seiner Familie gekidnappt

Am 11. November wurde Alexander Sasha Trupanov 30 Jahre alt. Schon den 29. Geburtstag musste er in der Gewalt des Islamischen Dschihad in Gaza verbringen. Seine Freunde von der Universität, an der er ein Jahr zuvor sein Studium der Elektrotechnik abgeschlossen hatte, standen damals zusammen mit dem Sänger Shai Gabso auf der Bühne, sangen »Hajom Jom Huledet« und weinten.

Der junge Mann wurde bei dem verheerenden Überfall der Hamas auf die südlichen Gemeinden Israels am 7. Oktober 2023 zusammen mit seiner Mutter Lena, seiner Großmutter Irena Tati und seiner Freundin Sapir Cohen von den Terroristen verschleppt. Die drei Frauen kamen Ende November durch ein Abkommen zwischen Israel und der Hamas frei. Der junge Mann ist noch immer Geisel.

Sashas Freunde sangen »Hajom jom huledet« und weinten.

Im Mai veröffentlichte die Terrorgruppe Palästinensischer Islamischer Dschihad zwei Propagandavideos von Trupanov. In einem wendet er sich an seine Eltern, Mutter Lena und Vater Vitaly. Er weiß offenbar nicht, dass Vitaly am 7. Oktober von den Terroristen ermordet wurde.

Sasha und seine Freundin Sapir waren erst vor Kurzem in Ramat Gan zusammengezogen. Über die Feiertage hatten sie Sashas Familie im Kibbuz Nir Oz besucht, als der Horror über sie hereinbrach. Sashas Eltern und Großmutter waren in ihrem Haus mit Sicherheitsraum, während Sasha und Sapir in einem anderen Haus ohne Schutzraum schliefen. Trupanov ist Ingenieur bei Annapurna Labs, einem israelischen Mikroelektronikunternehmen, das von Amazon aufgekauft wurde.

Mehrfach haben seine Freunde versucht, Amazon dazu zu bringen, eine Stellungnahme zu Sasha abzugeben, aber bislang ohne Erfolg. Um auf die Geiselnahme aufmerksam zu machen und eine Reaktion von Amazon zu bewirken, besuchten sie unter anderem eine Amazon-Konferenz in Las Vegas, mieteten Lastwagen, auf denen sie Bilder von Sasha platzierten, und trugen T-Shirts mit seinem Bild. Darunter stand in fetten Lettern: »Ich wünschte, ich wäre hier.«

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