Analyse

Die Uhr tickt

Wurde im Kontext der Spannungen zwischen den USA und dem Iran in die Mittelmeerregion verlegt: Flugzeugträger USS Gerald R. Ford Foto: picture alliance / ZUMAPRESS.com

Israel befindet sich im Fadenkreuz. Obwohl die Konfrontation zwischen Washington und Teheran stattfindet, ist der jüdische Staat als engster Verbündeter der USA potenzielles Hauptziel iranischer Vergeltung. Die aktuelle Lage trägt alle Merkmale klassischer Eskalationsdynamik: militärische Aufrüstung und aggressive Rhetorik, während im Hintergrund diplomatische Kanäle heißlaufen.

Für Israel ist die Lage unmittelbarer als für jedes andere Land. Ministerpräsident Benjamin Netanjahu warnte Teheran offen: »Ein Angriff auf Israel wäre der vielleicht schwerste Fehler in ihrer Geschichte.« Man werde »mit einer Kraft reagieren, die Sie sich nicht vorstellen können«. Israel sei militärisch so stark wie nie zuvor und die Zusammenarbeit mit den USA enger denn je, betonte er.

Innenpolitisch weitgehende Einigkeit

Parallel dazu laufen praktische Vorbereitungen. Krankenhäuser erhöhen Notfallkapazitäten, Warnsysteme werden auf ihre Funktionsfähigkeit geprüft, öffentliche Schutzräume vorbereitet und Raketenabwehrsysteme in Stellung gebracht. Innenpolitisch zeigt sich weitgehend Einigkeit. Oppositionsführer Yair Lapid unterstützt grundsätzlich eine harte Linie: »Iran darf keine nukleare Schwelle erreichen. Darüber gibt es in Israel keinen politischen Streit«, sagte er und sandte eine Botschaft an die Koalition, dass die »Zusammenarbeit mit den USA strategisch und diskret« sein müsse.

Am Dienstagabend informierte das Auswärtige Amt Bundesbürger in Israel über Sicherheitsmaßnahmen. Für den Fall, dass der Luftraum gesperrt wird, sollen sie sich darauf vorbereiten, einige Zeit an ihrem Aufenthaltsort bleiben zu müssen, heißt es in einer Mitteilung der Deutschen Botschaft in Tel Aviv.

Zeitgleich wurde eine Flotte von Kampfflugzeugen, strategischen Bombern und Transportflugzeugen in die Region verlegt, nach Einschätzung von Beobachtern so umfangreich wie seit der Invasion des Irak 2003 nicht mehr. Auf dem Flughafen Ben Gurion in der Nähe von Tel Aviv landeten amerikanische Maschinen, darunter Luftbetankungsflugzeuge.

Quellen: Trump zieht größeren Angriff in Erwägung

Vor diesem Hintergrund berichtete die »New York Times« unter Berufung auf Regierungskreise, US-Präsident Donald Trump habe seinen Beratern mitgeteilt, dass er, falls Diplomatie oder ein gezielter US-Angriff den Iran nicht dazu bewege, seine Forderungen zu erfüllen und das Atomprogramm aufzugeben, in den kommenden Monaten einen deutlich größeren Angriff in Erwägung ziehen werde, um die iranische Führung zu stürzen, einen möglichen »Zwei-Phasen-Krieg«.

Doch selbst in Washington bestehen Zweifel, ob dieses Ziel mit Luftangriffen allein erreicht werden kann. Hinter den Kulissen werde von beiden Seiten ein neuer Vorschlag erwogen, schreibt die »New York Times« weiter: ein stark begrenztes Urananreicherungsprogramm, das der Iran ausschließlich für medizinische Forschung und Behandlungen durchführen könnte. Es könnte ein gesichtswahrender Kompromiss für beide Seiten sein.

Auch öffentlich verfolgt der US-Präsident eine Doppelstrategie. »Ich möchte ein Abkommen mit dem Iran und bevorzuge Diplomatie«, sagte er zuletzt und warnte dann: »Wenn sie keinen Deal machen, wird das ein sehr schlechter Tag für sie.« Hinter den Kulissen soll die Stimmung angespannt sein. Trump habe sich über die »Grenzen militärischer Hebelwirkung« frustriert gezeigt, berichten amerikanische Medien unter Berufung auf Regierungsvertreter.

Hinter den Kulissen soll die Stimmung angespannt sein

Hinzu kommt ein organisatorischer Faktor. Nimrod Novik, einst Berater von Schimon Peres, heute Mitglied der Führungsriege von Commanders for Israel’s Security, beschreibt Washington als politisch überlastet: »Im Endeffekt ist es eine kleine Gruppe von Menschen, die alle Krisen weltweit steuert – Ukraine, Venezuela, Gaza, Iran, China. Und das, was sie gleichzeitig bewältigen können, ist begrenzt. Bei einer Hochspannungskrise bleiben alle anderen Brandherde auf der Strecke.«

Besonders kritisch beurteilt Novik institutionelle Veränderungen in den USA: »Außenministerium und Nationaler Sicherheitsrat wurden stark reduziert, heute halten wenige Individuen die Fäden in der Hand.« Er glaube zwar nicht, dass alle Beteiligten mit Trumps Einschätzung übereinstimmen, dass er »Frieden nach Nahost gebracht hat«, so Novik. »Aber sie gehen davon aus, sämtliche Krisen mit relativ geringem Einsatz der USA meistern zu können«, erklärt der Sicherheitsexperte. »Doch diese Annahme kann gefährlich sein.«

Es kursieren Meldungen über begrenzte amerikanische Munitionsvorräte.

Zwar sind die Vereinigten Staaten militärisch dominant, doch es kursieren Meldungen über begrenzte Munitionsvorräte im Kriegsfall. Ein israelischer Geheimdienstmitarbeiter erklärte in der »Financial Times«, Israel gehe davon aus, dass die USA trotz ihrer massiven Militärpräsenz in der Region lediglich die Kapazität hätten, vier bis fünf Tage lang intensive Luftangriffe auf den Iran durchzuhalten. Zu den erwogenen Zielen gehören das Hauptquartier der iranischen Revolutionsgarden, die Atomanlagen des Landes und das Raketenprogramm.

Während der US-Präsident häufig betont, den Iran an der Entwicklung von Atomwaffen hindern zu wollen, nannte Außenminister Marco Rubio auch den Schutz der Demonstranten, die im vergangenen Monat zu Tausenden von iranischen Sicherheitskräften getötet wurden. Damals hatte Trump ihnen zugerufen: »Hilfe ist unterwegs« – nur um sie dann bitter zu enttäuschen und im Stich zu lassen, während die Mullahs ein Blutbad anrichten ließen.

Nervosität im Iran

Währenddessen steigt im Iran die Nervosität. Der Oberste Führer Ali Khamenei soll laut Berichten in internationalen Medien Sicherheitsmaßnahmen verstärkt haben und teilweise Stellvertreter zu öffentlichen Terminen schicken. Außerdem haben erneut Proteste von Studenten begonnen, die das Regime herausfordern. Offiziell gibt sich Teheran selbstsicher. »Jede Aggression wird eine entschlossene Antwort erhalten.«

Militärisch setzt das Regime wohl auf ein großes Arsenal ballistischer Raketen, Drohnen und regionale Verbündete wie die Hisbollah. Allerdings ist die Schiitenmiliz nach den Schlägen Israels und der Tötung von Anführer Hassan Nasrallah deutlich geschwächt. Nach Einschätzung westlicher Sicherheitskreise könnten auch US-amerikanische und europäische Ziele weltweit ins Visier geraten. Experten gehen zudem davon aus, dass Teheran auf eine asymmetrische Kriegsführung zurückgreifen könnte, etwa Angriffe auf westliche Schiffe im Roten Meer oder Militärbasen und diplomatische Vertretungen.

Ob sich die Krise doch noch durch Verhandlungen beilegen lässt oder in eine militärische Eskalation kippt, hängt, sind sich die meisten Experten einig, hauptsächlich von einem Mann ab: US-Präsident Donald Trump. Wie er sich letztlich entscheidet, kann niemand voraussagen. Oder wie es seine Sprecherin Anna Kelley ausdrückte: »Die Medien können so viel spekulieren, wie sie wollen. Aber nur einer, Präsident Trump selbst, weiß, was er tun oder nicht tun wird.«

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