Kommentar

Der Traum von Freiheit

Zentralratspräsident Josef Schuster Foto: Encanto/ Melanie Grande

Pessach ist und bleibt ein Fixpunkt der jüdischen Gemeinschaft für Freiheit und Selbstbestimmung. Jedes Jahr werden wir uns unserer Geschichte und der Bedeutung dieser zentralen immerwährenden Werte bewusst. Auch in modernen westlichen Gesellschaften, die sich vermeintlich universell an Freiheit und Selbstbestimmung orientieren, ist dieser Prozess der Selbstvergewisserung unumgänglich, ja vielleicht sogar wichtiger als in Gesellschaften der Unfreiheit.

Heinrich Heine schrieb einmal: »Die Freiheitsliebe ist eine Kerkerblume, und erst im Gefängnisse fühlt man den Wert der Freiheit« – sei es im antiken Ägypten oder in autoritären Regimen und Diktaturen unserer Zeit, in denen 70 Prozent der Weltbevölkerung leben und die damit zwangsläufig auch die Geschicke unserer Welt bestimmen, zum Beispiel über eine Mehrheit in den Vereinten Nationen. Ich denke an Pessach häufig an diese Menschen, für die Freiheit und Selbstbestimmung meist nur ein Traum sind.

Für uns Jüdinnen und Juden ist dieser Traum Teil unserer Identität. Gerade in den dunkelsten Stunden unserer Geschichte war er für uns am stärksten. So auch nach dem Abgrund der Schoa. Nur fünf Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und dieses Grauens auf Erden gründete sich in Frankfurt am Main der Zentralrat der Juden in Deutschland.

Eine Heimat, zu der Deutschland für andere mit den Jahren wurde oder immer noch wird

Die Gründung war der Ausdruck des Willens, die Freiheit und die Selbstbestimmung der Juden in diesem Land selbst in die Hand zu nehmen. Die junge Bundesrepublik hatte sich mit dem Grundgesetz auf einen Weg gemacht, dem die Juden in Deutschland folgen konnten. Er versprach ihnen eine Heimat; eine Heimat, die viele seit Jahrhunderten in Deutschland hatten, eine Heimat, zu der Deutschland für andere mit den Jahren wurde oder immer noch wird.

Die Arbeit des Zentralrats war vor 75 Jahren und zu Beginn mehr der Unterstützung von Juden bei ihrer Ausreise gewidmet. Mit der Zeit wurde der Zentralrat zur gesellschaftlichen, religiösen und politischen Vertretung jüdischen Lebens in Deutschland. Er steht als Institution seit jeher zu den Werten unseres Grundgesetzes, die er verteidigt – zum Wohle der Juden und zum Wohle Deutschlands.

Wir sind seit 75 Jahren im Einsatz für Demokratie. Wir sind seit 75 Jahren auch im Einsatz für die Menschen in Deutschland, für Juden im Besonderen, aber wir verteidigen die demokratischen Werte für alle Bürgerinnen und Bürger. Auch das ist die Lehre und das Erbe der Pessachgeschichte.

70 Prozent der Weltbevölkerung leben nicht in Freiheit.

Das »Ende« dieser Geschichte können wir auch als Mündung in der Herrschaftsform der liberalen Demokratie verstehen – um den häufig missverstandenen Francis Fukuyama etwas abgewandelt zu zitieren. Es befreit uns jedoch nicht von dem fortwährenden Einsatz für unsere freiheitlichen Werte. Ein »Ende« im zeitlichen Sinne gibt es dafür nicht, das können Sie auch schon bei Fukuyama lesen.

Genauso wenig befreit es daher auch den Zentralrat davon, beständig für unsere Vision einzustehen: für die Vision einer jüdischen Gemeinschaft in Deutschland, die engagiert ist, die zusammen und füreinander einsteht, und eine jüdische Gemeinschaft, die ihren Platz in der Gesellschaft selbst bestimmt. Unsere freiheitliche Demokratie hier in Deutschland und unsere im besten und kämpferischen Sinne offene Gesellschaft sind die leuchtenden Garanten für diese Vision.

Decke der Wohligkeit und schlafwandelnde Nichtbeachtung

Doch auch diese Garanten flackern. Israel- und Judenhass sind unter einer Decke der Wohligkeit und schlafwandelnder Nichtbeachtung aus den erstarkenden Extremen bis in die Mitte der Gesellschaft vorgedrungen: Das ist eine der bitteren Erkenntnisse seit dem 7. Oktober 2023. An Pessach trifft uns dieser Schlag besonders. Wir sind in Gedanken bei den Familien der Geiseln. Es ist ein Fest der Familie und des Glaubens – noch immer sind viele Seder­tische nicht vollständig, manche werden es nie mehr werden.

Von den Spitzen unseres, des deutschen Staates gab es nach dem Massaker in Israel und den erschreckenden Szenen auch in Deutschland viel Solidarität. Sie ist authentisch und ehrlich, doch häufig hat man das Gefühl, dass viele der Worte in den Irrungen und Wirrungen des politischen Betriebes versanden. Es muss sich etwas ändern in Deutschland, das gilt auch für den Schutz jüdischen Lebens.

Zu viel bleibt gegenwärtig trotz aller Rhetorik im Unklaren: Hochschulen sind immer noch Orte der Angst für jüdische Studierende, die Kulturpolitik hat immer noch kein wirksames Mittel gegen die Förderung von Antisemitismus gefunden, und die Indifferenz der außenpolitischen Praxis der Bundesrepublik ist weiterhin erschreckend. Es war ein starkes Zeichen, dass auch die neue Bundestagspräsidentin bei ihrer Antrittsrede ihren Schlussakkord genau diesen Themen gewidmet hat. Nun müssen Taten folgen. Die sich formierende Bundesregierung muss sich auch diesen Aufgaben stellen.

Wir wissen, dass die Bundesrepublik Deutschland ein Staat für Juden ist; ein Staat, der aus seinen Fundamenten heraus jüdisches Leben schützt und fördert. Wer, wie die AfD, diese Fundamente zum Einsturz bringen will, der ist eine Gefahr für jüdisches Leben in Deutschland.

Seit 75 Jahren ist der Zentralrat ein Begleiter der deutschen Gesellschaft. Wir werden auch in Zukunft als Teil dieses Staates für Demokratie, Freiheit und Selbstbestimmung einstehen und jeder Verachtung dieser Werte entgegentreten; nicht nur zu Pessach, sondern an jedem Tag. Wir werden dafür nicht mehr durch die Wüste gehen, aber sicher durch das ein oder andere Tal.

Der Autor ist Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland.

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