Pandemie

Der Corona-Eklat

Selfie mit dritter Dosis Foto: Flash90

Die Ansage war unmissverständlich: »Ich habe das Sagen!« Am Rande seiner Rede vor den Vereinten Nationen in New York machte Israels Ministerpräsident Naftali Bennett (Jamina) deutlich, er bestimme die Politik im Land und nicht die Mediziner. Damit sorgte er für einen Eklat zwischen Politik und Gesundheitswesen inmitten der Corona-Krise.

Gleich mehrfach gab Bennett vor Journalisten zu verstehen, dass er die Meinung der Experten zwar respektiere, sie aber nicht zwangsläufig als Maßstab nehme. Er warf dem Gesundheitsestablishment vor, nicht das ganze Bild zu sehen, und ging sogar so weit, Fachleute als Stotterer zu bezeichnen, als er eine Erklärung verlangte, warum sie öffentliche Versammlungen beschränken wollen.

initiative »Während die Mediziner natürlich einen wichtigen Input haben, können sie nicht diejenigen sein, die die nationale Initiative leiten«, sagte der Premier. »Die einzige Person, die einen Blickwinkel auf sämtliche Aspekte hat, ist der nationale Anführer eines jeweiligen Landes.«

Die medizinischen Fachleute im ganzen Land waren echauffiert. Gesundheitsminister Nitzan Horowitz (Meretz) ließ in einem Interview wissen, Bennetts Worte seien unnötig und unglücklich gewesen. Er unterstütze in vollem Maße die Arbeit der Gesundheitsbehörden. Horowitz machte aber deutlich, dass er sich mit Bennett einig sei, neue Restriktionen seien derzeit nicht nötig.

Viele Experten zeigten sich enttäuscht.

Viele übten anschließend Kritik, warum gerade an dieser Stelle, vor den Augen der Welt, die heimischen Gesundheits­experten angegriffen werden müssen. Der Corona-Berater der Regierung, Nachman Ash, sagte, ihn stimmten die Aussagen traurig. »Nur durch ihre Hingabe retten die medizinischen Teams unter großem Stress dauerhaft Leben.«

BOOSTER Zwar hatte Bennett keine Mediziner angesprochen, die in den Krankenhäusern gegen das Coronavirus kämpfen, sondern sich eher an die Gesundheits­politiker gewandt: »Neue Beschränkungen sind keine Politik dieser Regierung.« Trotz des Drucks werde seine Regierung Israel so offen wie möglich halten.

Dennoch zeigten sich viele Experten enttäuscht. »Ich dachte, der Premierminister würde in seinen Worten der Welt mitteilen, wie sie von Israel lernen kann«, so Ash. »Das Gesundheitssystem verdient Anerkennung. Doch die kam nicht.«
Währenddessen läuft die Booster-Impfkampagne weiter. Israel, das sich derzeit inmitten der vierten Welle der Pandemie befindet, hatte Ende Juli als erstes Land mit den Drittimpfungen begonnen. Mittlerweile haben sich mehr als 3,6 Millionen den dritten Piks abgeholt, rund sechs Millionen Menschen ab zwölf Jahren sind mindestens einmal geimpft. Um die 800.000 Personen verweigerten bislang jegliche Impfung gegen Covid-19.

Diese Woche erhielten die Israelis einen neuen grünen Gesundheitspass. Allerdings nur diejenigen, die sich die Spritze mit der Auffrischimpfung haben setzen lassen oder deren zweite Impfung nicht länger als sechs Monate zurückliegt. Alle anderen gelten nun als ungeimpft.

Die Maskenpflicht soll nicht aufgehoben werden.

Während die Positivrate der Corona-Tests noch vor einigen Wochen bei 8,4 Prozent gelegen hatte, sank sie stetig bis auf 2,3 Prozent am Dienstag. In den Krankenhäusern werden noch rund 480 schwerkranke Patienten behandelt, die niedrigste Zahl seit August.

strategie Zu Beginn der Woche war auch zum ersten Mal nach einem Monat wieder das Corona-Kabinett zusammengekommen. Anschließend veröffentlichten die Minister eine Erklärung: »Die Wirtschaft offen zu halten und Lockdowns zu vermeiden, ist eine Strategie, die funktioniert.« Man bewege sich zwar aus der vierten Welle heraus, Entwarnung könne aber nicht gegeben werden. »Wir müssen vorsichtig sein, damit die derzeitige Situation beibehalten wird.«

»Die Nachrichten sind gut«, begann der Ministerpräsident seine Ansprache vor dem Kabinett. »Wir sind dabei, Delta zu besiegen. Doch gerade jetzt ist es gefährlich, sich zu entspannen. Besonders wenn sich das Virus zurückzieht, dürfen wir es nicht wiederaufkommen lassen, sondern müssen die Lage genauestens im Auge behalten.«

Die Maskenpflicht werde nicht aufgehoben – ganz im Gegenteil.
Dafür wolle er mit den »Massen-Quarantänen« in Bildungseinrichtungen Schluss machen. Derzeit müssen sich in Israel die gesamte Klasse und die Lehrkräfte für mindestens eine Woche in häusliche Quarantäne begeben, wenn es einen positiven Coronafall gegeben hat – auch die, die negativ getestet sind. Bennett will das durch weitere Tests ausgleichen.

VERTRAUEN Moshe Bar Siman-Tov, Generaldirektor im Gesundheitsministerium der vorherigen Regierung, sagte vor allem mit Blick auf Familien, es sei gefährlich, die Expertise der Gesundheitsexperten während einer Pandemie anzuzweifeln. »Derartige Kritik beschädigt das Vertrauen der Öffentlichkeit in die Fachleute. Inmitten einer Booster-Impfkampagne ist das nicht weise.« Das gelte umso mehr im Hinblick auf die bevorstehenden Impfungen von Kindern im Alter von fünf bis elf Jahren, nachdem der Impfstoff für diese Gruppe zugelassen wurde: »Ohne das Vertrauen der Öffentlichkeit wird es schwer werden, die Eltern zu überzeugen, ihre Kinder in die Impfstationen zu schicken.«

Statt die Experten zu kritisieren, schlägt er vor, den Fokus auf die Bevölkerungsgruppen zu lenken, die bei den Impfungen hinterherhinken. Das ist vor allem der arabische Sektor. Dort liegt die Impfrate weit unter dem nationalen Durchschnitt. »Jenseits von strikten Impfverweigerern gibt es viele, die sich mit etwas Überzeugungsarbeit die Spritze setzen lassen würden«, ist Bar Siman-Tov überzeugt. »Und auch hier geht es wieder um das Vertrauen in die Experten.«

Schließlich mischte sich auch Außenminister Yair Lapid ein. Er wolle keine Situation sehen, in der Regierungs- und Behördenvertreter gegenseitig um Anerkennung wetteifern, so Lapid. »Die Experten aus Gesundheit, Wirtschaft und Bildung geben ihre Empfehlungen, und die Regierung entscheidet«, heißt es in seinem Statement. »Das ist die Hierarchie, eine andere gibt es nicht.«

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