Jugendkongress

»Den Spirit Israels erleben«

Am Markt in Tel Aviv: Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Jugendkongresses Foto: Snir Kazir

Ausflüge in die Wüste, nach Tel Aviv und Jerusalem, Vorträge, Zeremonien, Partys: Das Programm auf dem Jugendkongress (JuKo) der Zentralwohlfahrtsstelle (ZWST) in Zusammenarbeit mit dem Zentralrat der Juden in Deutschland anlässlich des 75. Geburtstags in Israel war ebenso interessant wie vielseitig. 175 junge Erwachsene hatten sich auf den Weg gemacht, um den jüdischen Staat rund um Jom Hasikaron und Jom Haazmaut besser kennenzulernen.

Mit von der Partie waren auch Evgeny Schnittmann, Yelizaveta Ivanchenko, Michael Polonskij und Dina Royt. Am Jugendkongress teilnehmen können Mitglieder jüdischer Gemeinden in Deutschland im Alter von 18 bis 35 Jahren.

einblicke Schnittmann war zum ersten Mal beim JuKo in Israel dabei und ist »begeistert«. Vor allem die politischen Vorträge hätten ihm ganz neue Einblicke verschafft. Besonders lehrreich fand er »Meet an Israeli« (Triff einen Israeli), bei dem Vertreter der verschiedenen Bevölkerungsgruppen in Israel ihre Lebensweisen und Perspektiven vorstellten, darunter ein Palästinenser aus Ost-Jerusalem, ein Neueinwanderer, ein Vertreter des linken politischen Spektrums, eine Israelin mit äthiopischen Wurzeln und ein Siedler. »Es war sehr differenziert und hat mir Einblicke verschafft, die ich sonst nie bekommen hätte«, so der 33-Jährige. »Vieles hat mich überrascht und meine Sichtweise etwas geradegerückt.«

Yelizaveta Ivanchenko war vor fünf Jahren schon einmal beim Kongress. Der 32-Jährigen steht die Freude, teilgenommen zu haben, ins Gesicht geschrieben. Sie strahlt, als sie im Foyer des Hotels Kfar Maccabiah in Ramat Gan von ihren Erfahrungen berichtet. »Die Jugendkongresse sind so ziemlich mein einziger Zugang zum Judentum, denn in meinem Wohnort Augsburg sind die Angebote, sich mit meinem Jüdischsein auseinanderzusetzen, wirklich sehr beschränkt.«

Sie habe zudem das Gefühl, »nach dieser Reise die Abläufe in Israel viel besser zu verstehen«. Etwa durch den Besuch einer Militärbasis am Jom Hasikaron, wo sie den selbstverständlichen Umgang der Zivilbevölkerung mit der Armee wahrgenommen habe. »Das ist ganz natürlich in Israel – und so völlig anders als in Deutschland.« Sie hätte sich gewünscht, dass das Programm etwas »weniger vollgepackt und mehr Zeit für den Austausch mit Experten gewesen wäre«.

Geist Auch für den 32-jährigen Michael Polonskij aus Köln ist es bereits der zweite Jugendkongress. Sein persönlicher Höhepunkt sei der 75. Geburtstag Israels gewesen. »Die Jom-Haazmaut-Feier zu erleben, war schon etwas ganz Besonderes.« Eine Seite der Reise seien die Vorträge zur Politik, also die intellektuelle Herangehensweise, die andere das persönliche Erleben. »Das Singen, das Tanzen. Manchmal ist es nur ein Lächeln, bei dem man den ganzen Spirit Israels erlebt.«

In den jüdischen Gemeinden in Deutschland sehe man meist dieselben Menschen, wenn man sich etwa zum Schabbat oder bei Veranstaltungen treffe. »Aber hier sind fast alle jüdisch.« Den 75. Geburtstag sieht Polonskij allerdings nicht als ein zusätzliches Highlight an: »Dass Israel existiert, ist jedes Jahr, jeden Tag ein Wunder.«

Dina Royt kommt aus Hanau. Sie war im vergangenen Dezember in Berlin beim JuKo dabei und kannte Israel zuvor von einer Taglit-Reise. »Aber die beiden Feiertage hier im Land mitzuerleben, war unglaublich interessant und bewegend. Obwohl ich mich schon etwas auskannte, war es manchmal, als ob ich in eine andere Welt eintauche.«

»Vieles hat mich überrascht und meine Sichtweise verändert.«

Evgeny Schnittmann

Besonders beeindruckt haben auch sie die Vorträge der unterschiedlichen Israelis. Die 22-Jährige, die in Deutschland in einem sozialen Beruf arbeitet, beobachtet gern andere Menschen. »Es interessiert mich sehr, wie Menschen mit unterschiedlichen Mentalitäten Dinge sehen und auch anders ausdrücken.«

Die ZWST möchte mit dem Jugendkongress besonders junge Erwachsene in Deutschland ansprechen, die ohne umfassende jüdische Infrastruktur leben. »Wir wollen niedrigschwellige Angebote schaffen, um auch junge Juden beispielsweise in kleineren Orten zu erreichen, die nicht sehr vernetzt sind«, erklärt Laura Cazés, Leiterin Kommunikation und Digitalisierung der ZWST in Frankfurt.

Der erste Jugendkongress in Israel fand 1992 statt, seitdem wird er mit wenigen Ausnahmen alle fünf Jahre dort veranstaltet. »Damals haben wir sofort festgestellt, dass es unheimlich wichtig ist, die Atmosphäre im Land persönlich zu erleben«, so Cazés. »Denn Israel ist für die meisten Juden in Deutschland ein besonderes Thema. Es ist beinahe selbstverpflichtend, informiert zu sein.«

hintergründe Die Teilnehmer wurden in Vorträgen und bei Gesprächen auch über die aktuelle politische Lage in Israel informiert. Ivanchenko gibt zu, dass sie vorher in Deutschland aufgehört habe, Nachrichten über Israel zu schauen oder zu lesen. Die junge Frau, die aus der Ukraine stammt, hätten die Unmengen an schlechten News »zu sehr belastet«. In Israel aber habe sie sich den Informationen wieder öffnen können, »besonders, weil hier nicht nur eine Denkweise präsentiert wurde. Es hat mir gutgetan, über Hintergründe und mögliche Folgen aufgeklärt zu werden«.

Das sieht auch Schnittmann so. »Für mich hat sich durch die Vorträge der hochkarätigen Experten sogar mein Fokus etwas verschoben. Ich habe jetzt erst verstanden, inwieweit die Justizreform der Regierung den gesamten Kurs des Landes ändern könnte.«

Trotz verschiedener Meinungen der Teilnehmerinnen und Teilnehmer sei die Reise »unheimlich harmonisch gewesen«, resümiert Yelizaveta Ivanchenko, während die anderen nicken. Sie, die erst spät zu ihrer jüdischen Identität gefunden habe, sehe es als besonders schön an, »dass wir uns so gut verstehen, weil wir einfach wissen: Wir sind alle Juden«.

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