Corona

Das große Abwarten

Nach Corona, mittendrin oder vor der zweiten Welle? Das fragen sich derzeit viele Israelis. Foto: Flash 90

Corona

Das große Abwarten

Die Zahl der Neuinfektionen steigt. Dennoch herrscht Unklarheit, wie es weitergehen soll

von Sabine Brandes  21.06.2020 07:03 Uhr

Die Israelis sind verunsichert. Während die Maßnahmen zu Beginn der Corona-Krise extrem strikt waren, so sind sie jetzt oft verwirrend – oder fehlen gleich ganz.

Während die Regierung vor einer zweiten Welle warnt und die Bevölkerung zur sozialen Distanz aufruft, erlaubt sie zur selben Zeit Hochzeiten, Barmizwa- und Beschneidungs-Feiern mit bis zu 250 Menschen, sogar in geschlossenen Räumen.

Theater Nur einen Tag zuvor hatte es aus Jerusalem geheißen, dass die angekündigten Erleichterungen für die Bevölkerung nun doch nicht stattfinden würden. Dazu gehören der Betrieb des Zugverkehrs, der seit Mitte März lahmliegt, und die Öffnungen von Kinos, Theatern und Live-Veranstaltungen.

Am Montag waren Hunderte von Kulturschaffenden vor die Knesset in Jerusalem gezogen, um »gegen das Sterben der Kunst und Kultur« zu protestieren, darunter viele Musiker, Schauspieler und Betreiber von Veranstaltungshallen. Sie fordern von der Regierung, dass die entsprechenden Einrichtungen ihre Pforten aufmachen dürfen. Bislang sind Live-Events nur mit bis zu 50 Menschen ausschließlich unter freiem Himmel erlaubt.

SCHULEN In den vergangenen Wochen war die Zahl der Neuinfektionen nach der Wiederöffnung der Schulen wieder angestiegen. Hunderte von Fällen waren in Schulen und Kindergärten aufgetreten, zunächst in Jerusalem, dann im Süden von Tel Aviv. Mehr als 200 Bildungsreinrichtungen sind daraufhin wieder zugesperrt worden. Von einer generellen Schließung der Schulen aber sah die Regierung ab.

Bildungsminister Yoav Gallant (Blau-Weiß) gab am Sonntag bekannt, dass die Grundschulen bis 13. Juli, die Kindergärten sogar bis zum 6. August betrieben werden. Die Lehrergewerkschaft hatte sich zunächst dagegengestellt, dann jedoch zustimmt. Normalerweise ruht der Schulbetrieb vom 30. Juni bis zum 31. August wegen der Sommerferien.

Premierminister Benjamin Netanjahu hatte seine Landsleute angesichts der steigenden Zahlen gemaßregelt und ihnen mit erneuten Beschränkungen des öffentlichen Lebens gedroht. »Das Problem ist noch nicht gelöst«, so der Regierungschef, »doch die gute Nachricht ist, dass es mit der Wirtschaft wieder aufwärtsgeht.« Die Kurve der Covid-19-Fälle sehe so aus wie zu Beginn der Pandemie, führte er aus.

Netanjahu droht mit einer Neuauflage der Maßnahmen.

Am Dienstagabend gab das Gesundheitsministerium bekannt, dass es allein in den letzten 24 Stunden zu 258 Neuinfektionen gekommen sei. Insgesamt gab es damit 3744 aktive Fälle im Land. Zu neuen Todesfällen kam es aber schon seit einiger Zeit nicht mehr, die Zahl liegt nach wie vor bei 302. Von den derzeit Infizierten sind 39 im kritischen Zustand, 41 haben mittelschwere Symptome, und die übrigen haben leichte bis gar keine Symptome.

Kritiker der Corona-Maßnahmen wenden ein, dass der Anstieg der Fälle auf die Zunahme der Tests zurückzuführen sei. Die Prozentzahl der positiv Getesteten sei nämlich nicht gestiegen, sie liege derzeit bei 1,5 Prozent – im März, auf dem Höhepunkt der Pandemie, lag sie bei fünf Prozent.

MASKEN Dennoch sagte Netanjahu: »In Sachen Virus sind wir wieder da, wo der extreme Anstieg einst begann, der uns ernsthaft erkrankte Patienten und Tote brachte. Wir müssen diesen Trend rechtzeitig stoppen. Wenn es so weitergeht, werden wir die Maßnahmen wieder einführen«, ohne zu erläutern, um welche Maßnahmen genau es geht.

»Einer meiner Minister sagte, am Strand passte nicht einmal ein Eis zwischen die Menschen, in den Kneipen nicht einmal ein Bierdeckel. So bekommen wir es nicht in den Griff.« Er rief die Israelis auf, Masken zu tragen, soziale Distanz zu wahren und regelmäßig die Hände zu waschen. Dies müsse so lange geschehen, bis man einen Impfstoff habe. »Das Virus ist hier, und das Virus respektiert nur jene, die die Regeln respektieren.«

Gesundheitsminister Yuli Edelstein bestätigte den Anstieg der Neuinfektionen, machte jedoch klar, dass er sich nicht für eine erneute Schließung von Geschäften ausspreche.

Gesundheitsminister Yuli Edelstein bestätigte den Anstieg der Neuinfektionen, machte jedoch klar, dass er sich nicht für eine erneute Schließung von Geschäften ausspreche, sondern stattdessen für weitere Öffnungen. Allerdings müssten diese warten, bis Israel das Test-System verbessere und die Bevölkerung sich an die Regeln halte.

»Und was jetzt?«, wollen immer mehr Israelis wissen. »Sind wir nach Corona, mittendrin oder vor der zweiten Welle?«, fragt etwa Dror Misrachi aus Holon. »Ich weiß gar nicht mehr, wie ich mein Leben noch planen soll.« Misrachis Kinder leben in den USA, er hatte lange geplant, sie im Sommer für zwei Monate zu besuchen. »Doch jetzt gibt es nur jede Menge offener Fragen, völlige Ungewissheit und das große Abwarten. Das ist sehr belastend für alle.«

GRENZEN Der Sommer hat fast begonnen, doch noch immer sind die Grenzen für Ausländer geschlossen, aus dem Ausland rückkehrende Israelis und jene mit Aufenthaltsgenehmigung müssen sich unmittelbar nach Ankunft in zweiwöchige Heimisolation begeben.

Das Tourismusministerium hält sich zu dem Thema nach wie vor bedeckt und gibt keine verbindliche Auskunft auf Fragen, wann Ausländer wieder nach Israel einreisen dürfen. »Wir sind auf die Anweisungen des Gesundheitsministeriums angewiesen, und von dort ist bislang noch nichts gekommen«, so eine Sprecherin des Ministeriums.

Währenddessen sagt der scheidende Generaldirektor im Gesundheitsministerium, Moshe Bar Siman-Tov, dass Israel eine zweite Welle auch ohne Lockdown überstehen würde. Er meint, sie sei bereits da, und ist überrascht, mit welcher Geschwindigkeit das Land davon getroffen wurde.

kurve »Aber wir können recht optimistisch sein und ohne eine erneute Schließung der Wirtschaft die Kurve abflachen. Wir müssen dafür aber die Regeln einhalten, ganz besonders das Tragen von einem Mund- und Nasenschutz«, erklärte der sogenannte »Gesundheits-Zar« im Armeeradio.

»Es ist wichtig, dass die Bevölkerung sich darüber im Klaren ist, dass das Coronavirus keine einmalige Sache ist, die verschwindet. Ich denke, viele haben verständlicherweise genug davon. Aber wir müssen alle überzeugen, wie wichtig diese Regeln sind, um das Ganze zu überstehen.«

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