Ultraorthodoxe

Charedis vergleichen Wehrdienstverweigerer mit Hamas-Geiseln

Ultraorthodoxe Männer werden auf »Geiselpostern« dargestellt, weil sie nicht zur Armee wollen. Foto: Flash90

Ariel Shamani ist keine Geisel. Er hockte nie in den Tunneln unterhalb Gazas, wurde nicht von einer Terrororganisation gefoltert oder zwei Jahre lang seiner Freiheit beraubt. Shamani ist ein junger ultraorthodoxer Mann, der sich weigert, in der IDF zu dienen, während es Gleichaltrige tun müssen. Aus diesem Grund wurden er und zwei weitere Verweigerer für einige Tage ins Militärgefängnis gesteckt. Charedische Protestgruppen verglichen die Drei daraufhin mit den von der Hamas verschleppten Menschen, verteilten Flugblätter von ihnen als »Geiseln« und forderten ihre Freilassung.

Die wie Geiselplakate aufgemachten Plakate mit roter Schrift auf weißem Grund, umrahmt von einem schwarzen Rand mit einem Foto in der Mitte, machen seit Tagen auf Protesten von Ultraorthodoxen die Runde. Auch die gelbe Schleife, das Symbol für Entführte, und der Satz »Bis zur letzten Geisel«, ist darauf zu sehen. Auf diese Weise hatten die Angehörigen der tatsächlich Verschleppten bis zu zwei Jahre lang auf das grausame Schicksal ihrer Liebsten aufmerksam gemacht.

Die Aktion stößt bei Angehörigen und Unterstützern auf Entsetzen

Dass das unvorstellbare Leid der Geiseln nun für den Protest der Ultraorthodoxen missbraucht wird, stößt bei Angehörigen und ihren Unterstützern auf Entsetzen.

Das Forum für die Familien von Geiseln erklärte, dass es die »zynische und abstoßende Verwendung von Imitationen der Geiselzeichen im Rahmen der Proteste gegen die Wehrpflicht der Charedim« mit äußerster Härte verurteile. »Dieses Design, entstanden aus dem unvorstellbaren Schmerz der Familien, die auf ihre gefangenen Angehörigen warten, ist kein Propagandaspielzeug oder Mediengag.«

Sie fügten hinzu: »Wer sich dieses Symbol für politische Zwecke aneignet, entweiht das Andenken der Ermordeten, schadet den noch in Gaza festgehaltenen Geiseln und verrät den Schmerz ihrer Familien.« Besonders verstörend ist die Tatsache, dass die Poster nachgemacht werden, während noch immer Familien auf die Rückführung ihrer verstorbenen Angehörigen aus der Gewalt der Hamas warten und bangen, dass sie vielleicht niemals zurückkehren werden.

Familienforum: »Wer sich dieses Symbol für politische Zwecke aneignet, entweiht das Andenken der Ermordeten, schadet den noch in Gaza festgehaltenen Geiseln und verrät den Schmerz ihrer Familien.«

Die Verhöhnung des Leids zeigt auch den tiefen Riss in der Gesellschaft: Während der Großteil der ultraorthodoxen Männer darauf pocht, »lieber zu sterben als Wehrdienst zu leisten«, riskieren IDF-Soldaten täglich ihr Leben.  Immer mehr Menschen in Israel verlangen »gleiche Pflichten für alle«. 

Laut Polizeiangaben wurde nach den Festnahmen in verschiedenen Städten demonstriert, Straßen blockiert und Steine auf vorbeifahrende Autos geworfen. Es sei auch zu Zusammenstößen mit Beamten gekommen, die von ultraorthodoxen Demonstranten als »Nazis« beschimpft und bedroht wurden. Hunderte kamen auch vor das Militärgefängnis Beit Lid und forderten lautstark die Freilassung der Verweigerer. Drei Randalierer wurden festgenommen.

Währenddessen bereitet sich in der Nähe der Charedi-Hochburg Bnei Brak die Polizei am Donnerstag auf eine große Anti-Wehrpflicht-Demonstration auf der Straße 4 vor und sperrt sie für den Verkehr. Weitere große Gruppe von Ultraorthodoxen versammeln sich in der Stadt selbst, berichtet der öffentlich-rechtliche Sender Kan.

Ultraorthodoxe Abgeordnete sprechen von »religiöser Verfolgung«

Auch charedische Abgeordnete äußern sich und schimpfen gegen das, was sie eine »Verhaftungswelle« nennen und als »religiöse Verfolgung durch das Militär« bezeichnen. Es ziele darauf ab, Tora-Gelehrte zu kriminalisieren, nachdem die IDF ihre Maßnahmen gegen Wehrdienstverweigerer verschärft. Sie argumentieren, dass das religiöse Studium in einer Jeschiwa mindestens ebenso wertvoll für die Verteidigung des Landes sei wie der Dienst an der Waffe.

Rund 80.000 ultraorthodoxe Männer zwischen 18 und 24 Jahren gelten derzeit als wehrpflichtig, die wenigsten von ihnen haben sich allerdings bei den Rekrutierungszentren vorgestellt, auch wenn sie Einberufungsschreiben erhalten haben.

Die IDF spürt bereits seit Jahren einem Mangel an Rekruten. Besonders seit dem Krieg in Gaza fehlten rund 12.000 junge Männer, vor allem, da die Reservetruppen durch den Krieg gegen die Hamas im Gazastreifen und andere militärische Herausforderungen stark belastet sind.

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