Pride Month

Bennett entdeckt LGBTQ-Community für den Wahlkampf

Eine Pride Parade in Tel Aviv (Archivfoto) Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS

Ausgerechnet zum Beginn des Pride Month setzt Naftali Bennett ein Signal, das noch vor wenigen Jahren von ihm kaum jemand erwartet hätte. Der ehemalige Ministerpräsident, der bei den kommenden Wahlen Benjamin Netanjahu herausfordern will, spricht sich heute für die vollständige rechtliche Gleichstellung homosexueller Paare aus. Eine bemerkenswerte Kehrtwende für einen Politikers, der lange dem nationalreligiösen Lager zugeordnet wurde, und dessen Parteien einst jede Anerkennung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften ablehnten.

In einem ausführlichen Interview mit dem offen schwulen Journalisten Eran Swissa von Israel Hayom erklärte Bennett nun, dass sich seine Ansichten über die Jahre verändert hätten. »Ich unterstütze volle Gleichberechtigung für Mitglieder der LGBTQ-Gemeinschaft, Punkt«, sagte er. Alles, was andere israelische Bürger hätten, müsse auch für sie gelten. Alles, was anderen Paaren zustehe, müsse auch gleichgeschlechtlichen Paaren offenstehen.

Nicht nur politische, sondern auch eine persönliche Entwicklung

Für Bennett ist dies nicht nur eine politische, sondern auch eine persönliche Entwicklung. Der Vorsitzende der neuen Partei »Bejachad« (Zusammen), die gemeinsam mit Yair Lapid gegen Netanjahu antritt, wuchs in einem konservativen religiös-zionistischen Umfeld auf. Wie Swissa gehörte er der Jugendbewegung Bnei Akiva an und besuchte religiöse Schulen. Heute sagt er offen: »Meine Ansichten haben sich im Laufe der Jahre verändert.«

Auslöser dafür war nach eigenen Angaben eine Begegnung aus seiner Zeit als Unternehmer. Bennett investierte in ein Start-up einer lesbischen Unternehmerin, die später eine enge Freundin wurde. Gemeinsam mit ihrer Partnerin zog sie ein Kind groß. Als die Beziehung zerbrach, verlor die nicht-biologische Mutter jedoch jeden rechtlichen Anspruch auf das Kind. »Sie hatte ihn vier oder fünf Jahre lang großgezogen. Er war ihr Sohn in jeder Hinsicht«, erinnerte sich Bennett. »Und dann verlor sie ihn. Das ist schrecklich. Ich konnte es nicht glauben.«

Der Fall habe ihn erstmals mit den konkreten Problemen konfrontiert, mit denen homosexuelle Israelis im Alltag zu kämpfen hätten. »Es ist verrückt«, sagte er rückblickend.

Naftali Bennett: »Ich würde mein Kind umarmen und ihm sagen, dass ich es mehr liebe als alles andere auf der Welt. Und dass ich an seiner Seite stehe.«

Politisch bleibt Bennett allerdings nicht ohne Vorbehalte. Die Einführung einer gleichgeschlechtlichen Ehe unterstützt er weiterhin nicht. Stattdessen plädiert er für eingetragene Partnerschaften, die rechtlich dieselben Rechte und Vorteile wie eine Ehe bieten sollen, von Steuervergünstigungen bis zur automatischen Anerkennung beider Elternteile.

Der Begriff »Ehe« sei für ihn weiterhin eng mit dem jüdischen Religionsrecht verbunden. »Ich bin kein Rabbiner«, sagte Bennett. »Ich habe nicht die Autorität, die Halacha zu verändern.« Sehr wohl könne er als Regierungschef jedoch dafür sorgen, dass homosexuelle Paare dieselben Rechte erhielten wie heterosexuelle.

Gerade an diesem Punkt zeigt sich die Gratwanderung, die Bennett im Wahlkampf vollzieht. Er versucht, liberale Wähler in der politischen Mitte anzusprechen, ohne seine Wurzeln im religiösen Lager vollständig aufzugeben. Gleichzeitig grenzt er sich von den zunehmend scharfen Tönen religiöser Politiker ab.

Bennett kritisiert Aussagen von Charedi-Abgeordnetem

Besonders deutlich wurde dies, als Bennett auf Äußerungen des ultraorthodoxen Abgeordneten Yitzhak Pindrus angesprochen wurde. Dieser hatte Homosexualität 2023 als eine größere Gefahr für Israel bezeichnet als den »Islamischen Staat«, die Hisbollah oder die Hamas. »Stellen Sie sich einen 14-Jährigen vor, der mit seiner Identität ringt, verwirrt ist und ohnehin ein geringes Selbstwertgefühl hat«, sagte Bennett. »Was macht das mit ihm, wenn er hört, dass er schlimmer sein soll als die Hisbollah?«

Vielleicht am aufschlussreichsten war jedoch seine Antwort auf eine sehr persönliche Frage. Was würde er tun, wenn eines seiner fünf Kinder ihm eröffnen würde, homosexuell zu sein? Dabei zögerte Bennett nicht: »Ich würde es umarmen und ihm sagen, dass ich es mehr liebe als alles andere auf der Welt. Und dass ich an seiner Seite stehe.«

Auch an einer anderen Stelle wurde deutlich, wie weit sich der Politiker von früheren Positionen entfernt hat. Swissa erinnerte ihn an eine Aussage aus dem Jahr 2015, als Bennett als Vorsitzender der Partei Jüdisches Heim erklärt hatte, das Judentum erkenne homosexuelle Ehen ebenso wenig an wie die Kombination von Milch und Fleisch als koscher.

Würde er das heute noch sagen? »Nein«, antwortete der einstige Premier. »Heute würde ich darüber sprechen, was ist – nicht darüber, was nicht ist.«

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