Nahost

Aus dem Leben eines Mossad-Spions im Iran

»Arash« sollte vor Beginn des Zwölf-Tage-Krieges aus Teheran heraus eine Rakete abfeuern (Archivfoto) Foto: IMAGO/Middle East Images

Als sein Wagen an der roten Ampel zum Stehen kommt, zieht ein Polizeiauto neben ihn und hält an. Teheran in der Nacht. Der Mann am Steuer weiß: Ein falscher Blick, eine unbedachte Bewegung – und alles ist verloren. »Wenn ich jetzt einen Fehler mache, ist es vorbei«, wird er später sagen. Sekunden dehnen sich. Dann fährt der Streifenwagen weiter. Der Mann atmet aus. Wenige Stunden später wird er eine Rakete abfeuern. Er ist ein Agent des israelischen Geheimdienstes Mossad im Iran.

Der Mann tritt in der investigativen Sendung »Uvda« unter dem Decknamen »Arash« auf. Sein Gesicht ist unkenntlich gemacht, der Aufnahmeort geheim. Das Interview wurde laut Angaben aus der Redaktion noch vor den jüngsten regimekritischen Protesten im Iran aufgezeichnet.

Arash ist etwa 40 Jahre alt und beschreibt, wie sein Bruch mit dem Regime früh begann: Bereits in der Schule sei er mit Hass auf Israel und die USA indoktriniert worden. Ein Schlüsselerlebnis folgte, als er elf Jahre alt war. Seine siebzehnjährige Schwester wurde verhaftet und geschlagen, weil sie kein Kopftuch trug. Der Vater bezahlte für ihre Freilassung, und kurz darauf verließ die Familie den Iran und emigrierte in ein westliches Land.

Er googelte den Mossad »aus einer Laune heraus«

Doch der Wunsch, gegen das Regime in Teheran zu handeln und Freunden zu helfen, blieb. Dieses Gefühl habe ihn jahrelang begleitet, sagt er. »Ich wusste, dass ich eines Tages etwas tun muss.« Mit 30 habe er »aus einer Laune heraus« den Mossad gegoogelt und über die Website Kontakt aufgenommen. Wenige Tage später meldete sich tatsächlich ein Agent – und 2015 begann Arash für den Mossad zu arbeiten. Er wurde im Ausland ausgebildet, lernte Überwachungstechniken, Tarnung, Geduld. »Ich habe gelernt, stundenlang stillzusitzen und Menschen zu beobachten, ohne gesehen zu werden«, erklärt er. Es wird klar, dass Arash mehrfach in Israel war und zumindest etwas Hebräisch spricht.

Im Vorfeld der israelischen Angriffe auf die Atom- und Raketenanlagen im Juni 2025 wurde Arash nach Iran geschickt. Er leitete ein Team, das verdeckte Operationen im Land ausführte. Der Auftrag: eine Rakete samt Abschussvorrichtung an einen bestimmten Ort bringen, unauffällig, mitten durch Teheran.

Arash beschreibt die Fahrt als einen »der längsten Momente meines Lebens – Kontrollen, Motorräder der Basidsch-Milizen, das Gefühl, ständig beobachtet zu werden«. Das Ziel sei unbekannt gewesen, es gab nur Koordinaten. Nach dem Aufbau der Waffe wartete das Team zwei Stunden lang im Dunkeln. »Ich hatte Angst, Angst vor allem«, erinnert er sich. Um drei Uhr morgens schließlich der Befehl. Die Rakete, ausgestattet mit einer Kamera, wurde gestartet. Kurz vor dem Einschlag erkannte er das Ziel: eine ballistische Rakete, bereit zum Abschuss auf Israel. Er meldete nach Israel: »Ich habe den Auftrag ausgeführt.« Die Antwort kam sofort: »Ja, das hast du.«

Agent Arash: »Ich habe gelernt, stundenlang stillzusitzen und Menschen zu beobachten, ohne gesehen zu werden.«

Anschließend tauchte das Team in einer Wohnung unter. Dort saßen die Mitglieder, hörten Sirenen, Social-Media-Meldungen, Gerüchte. Am nächsten Tag habe er Menschen in Teheran gesehen, die erleichtert wirkten, erzählt Arash – als hätte das Regime einen Schlag bekommen. Wenig später wurde das Team aus dem Land geschleust. Arash war in Freiheit und stieß auf den Erfolg mit seinen Vorgesetzten in Israel an.

Der darauffolgende, zwölf Tage dauernde Krieg brachte massive israelische Angriffe auf iranische Atom- und Raketenanlagen und iranische Raketenbeschüsse auf israelische Städte. Eine zentrale Anlage blieb jedoch unangetastet: die tief unter einem Berg liegende Urananreicherungsanlage Fordo. Genau dieses Problem habe den Mossad über Jahre beschäftigt, berichten ehemalige Geheimdienst- und Verteidigungsbeamte in »Uvda«, darunter die früheren Mossad-Chefs Yossi Cohen und Tamir Pardo.

Bereits 2010 habe Israel erkannt, welche Bedeutung Fordo habe. Der Mossad entwickelte einen Plan, um die Anlage mit eingeschleusten Sprengstoffen von innen zu zerstören – eine Operation, die Cohen als »die größte in der Geschichte des Landes« bezeichnete. Doch der Plan scheiterte an seiner enormen Komplexität, dem Ressourcenbedarf und der Frage, wie Dutzende Beteiligte unentdeckt aus Iran hätten gebracht werden können.

Premier Netanjahu habe verschiedene Pläne gehabt

Das Büro von Premierminister Benjamin Netanjahu erklärte nach der Ausstrahlung der Sendung, der Ministerpräsident habe »stets an verschiedenen Angriffsplänen gearbeitet, auch für Fordo«. Einige seien aufgrund des 7. Oktobers nicht umsetzbar gewesen. Zugleich hob er die enge Zusammenarbeit mit den USA hervor.

Allerdings wurden die Pläne nach dem Atomabkommen von 2015 auf Eis gelegt. Später lebte es wieder auf, bis das verheerende Hamas-Massaker gegen südliche israelische Gemeinden vom 7. Oktober 2023 und der Gaza-Krieg die Prioritäten veränderten. Als Israel 2025 schließlich zuschlug, blieb Fordo außer Reichweite. Die Hoffnung richtete sich auf die USA, die am 22. Juni iranische Atomanlagen, darunter Fordo, bombardierten und anschließend eine Waffenruhe vermittelten.

Nach übereinstimmenden Einschätzungen westlicher Geheimdienste und internationaler Beobachter sei die tief im Berg liegende Urananreicherungsanlage Fordo zwar schwer beschädigt, aber nicht zweifelsfrei vollständig zerstört. Die US-Angriffe trafen oberirdische Zugänge, Versorgungssysteme und vermutlich Teile der unterirdischen Infrastruktur. Allerdings dürften die extrem vibrationsanfälligen Zentrifugen durch die Erschütterungen massiv beeinträchtigt oder außer Betrieb gesetzt worden sein. Wie groß die Schäden tatsächlich sind, lässt sich allerdings nicht verifizieren, da es keine unabhängigen Inspektionen gibt.

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