Diplomatie

Anruf aus New York

Der künftige US-Präsident Donald Trump hat Israel viel versprochen – ob er es hält, ist mehr als unsicher. Foto: dpa

Es soll wundervoll werden. Das zumindest verspricht die angehende First Lady Melania Trump Sara Netanjahu, der Ehefrau des israelischen Premierministers. In einem Telefonat hätten die beiden Damen »warm und herzlich« miteinander geplaudert, postete Benjamin Netanjahu am Dienstag auf seiner Facebook-Seite. Man werde »bei der nächstbesten Gelegenheit nach Washington eingeladen« und freue sich schon auf den Besuch. Doch wahrlich nicht alle frohlocken beim Gedanken an Donald Trump als nächster Präsident der USA.

Viele Israelis befürchten, dass Trumps impulsive und unberechenbare Art nun auch Einzug ins Oval Office halten wird. In einer Fernsehumfrage unmittelbar nach der Wahl wurden verschiedene Knessetabgeordnete um eine Stellungnahme gebeten, was sie von Trumps Politik erwarten. Einige gaben an, dass ihnen sein Mangel an Erfahrung und Besonnenheit Sorgen bereite. Die überwiegende Mehrheit aber zuckte mit den Schultern und meinte, dazu könne man noch gar nichts sagen, denn »nobody knows ...«.

Die meisten israelischen Politiker halten sich mit negativen Aussagen zurück, äußern sich höflich und vage. Vor allem in Hinblick auf Trumps hitziges Gemüt will es sich offenbar niemand von vornherein mit dem kommenden Präsidenten des wichtigsten Verbündeten verscherzen.

Eine nahm kein Blatt vor den Mund. Die Knessetabgeordnete der Arbeitspartei, Merav Michaeli, kann der Wahl Trumps nichts Positives abgewinnen: »Es ist ein schwerer Tag, an dem wir sehen müssen, wie ein Mann gewählt wird, der sich dazu bekannte, Frauen zu verletzen und zu beleidigen.« Michaeli hatte sich gewünscht, dass zum ersten Mal eine Frau zur Präsidentin der USA gewählt werden würde.

Stabilität Benjamin Netanjahu hatte sich nach dem Wahlsieg des ehemaligen Real-Estate-Moguls in einer offiziellen Erklärung geäußert: »Ich gratuliere Donald Trump zur Wahl zum 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika. Er ist ein echter Freund Israels, und ich freue mich darauf, mit ihm zusammenzuarbeiten, um Sicherheit, Stabilität und Frieden in der Region voranzubringen.« Er sei sicher, der angehende Präsident werde die besondere Beziehung der beiden Länder stärken und zu neuen Höhen bringen.

In Politikerkreisen wird gemunkelt, dass Netanjahu, der zum scheidenden Präsidenten Barack Obama ein äußerst unterkühltes Verhältnis pflegte, erwartungsvoll auf die Zusammenarbeit blickt. Die beiden Männer kennen sich seit Jahren. Anders als mit Obama verbindet die rechtsgerichteten Politiker Netanjahu und Trump eine ähnliche Weltsicht. Eine Gruppe, die auf Trump setzt, sind die Siedler. Ihr politischer Vertreter, Bildungsminister Naftali Bennett, meint, die Wahl in den USA sei ein Zeichen, dass man die hiesige Politik überdenken solle.

Bennetts religiös-nationale Partei Jüdisches Haus geht davon aus, dass Trump dem jüdischen Siedlungsbau im Westjordanland positiv gegenüber steht. »Die Ära eines palästinensischen Staates ist damit vorbei«, sagte er. »Die Mischung aus dem Wechsel in den USA, in Europa und unserer Region gibt uns eine außergewöhnliche Möglichkeit, alles zu überdenken und zurückzudrehen.«

Oft hatte Trump während des Wahlkampfes vollmundig verkündet, keiner würde es in Sachen Israel und Nahost besser machen als er. Er ging sogar so weit, zu prognostizieren, Israel werde zerstört, wenn er nicht gewählt werde. Mit ihm als Präsident aber werde der jüdische Staat »ganz in Ordnung sein«. Das hoffen die Israelis natürlich. Besonders zuversichtlich indes sind viele nicht.

Stephen Bannon Vor allem nach der aktuellen Benennung seines Chef-Strategen läuft vielen Israelis stattdessen eine Gänsehaut über den Rücken. Denn Stephen Bannon, ehemaliger Vorsitzender der ultrarechten Website »Breitbart News Network« und Trump-Berater während des Wahlkampfes, erhitzt die Gemüter der amerikanischen Juden und in Nahost. Denn der selbst erklärte Anti-Establishment-Rebell schockt gern mit frauenfeindlichen, rassistischen und antisemitischen Aussagen.

Seine Ex-Frau hatte vor Kurzem vor Gericht erklärt, Bannon wolle seine Töchter nicht auf eine Schule in Los Angeles schicken, damit sie nicht mit Juden zusammen zur Schule gehen. Bannon dementierte das zwar, doch seine Zugehörigkeit zur ultrarechten »Alt-Right-Bewegung«, die für Überzeugungen der Vorherrschaft der Weißen eintritt, und verschiedene Posts seiner Website zeichnen ein deutliches Bild. In einem Post wurde der Kommentator Bill Kristol als »abtrünniger Jude« bezeichnet, eine Journalistin als »polnische, jüdische, amerikanische verachtete Elitistin«. Der ehemalige Breitbart-Redakteur Ben Schapiro ist sicher: »Die Website hat sich einer Bewegung zugewandt, die von Rassismus und Antisemitismus durchzogen ist.«

In einer politischen Talkshow des Radiosenders Galei Zahal zeigten sich ausnahmslos alle Teilnehmer über die Wahl des künftigen hohen Beamten besorgt bis entsetzt. Und natürlich fühlen die Israelis mit den amerikanischen Juden, von denen sich viele geschockt über Bannons Wahl geäußert haben. »Damit ziehen Rassismus und Antisemitismus ins Weiße Haus ein.« In Anspielung auf das Buch Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde von Robert Louis Stevenson kommentierte der Haaretz-US-Korrespondent Chemi Shalev: »Trump ist Dr. Priebus und Mr. Bannon.«

Iran-Deal Auch nicht hilfreich bei der Vertrauensbildung ist die Tatsache, dass Donald Trump bei vielen seiner Versprechen in Bezug auf Israel bereits wieder zurückrudert. Seine Ankündigung, er wolle das Iran-Abkommen in kleine Stücke reißen, relativierte sein Berater Walid Phares in einem Interview mit dem Fernsehsender CNN bereits mit den Worten, er wolle es zunächst einmal »überprüfen«.

Auch die Ankündigung, die amerikanische Botschaft »auf jeden Fall nach Jerusalem verlegen zu wollen«, scheint nach dem Grundsatz getätigt worden zu sein, was interessiert mich mein Geschwätz von gestern. Denn angeblich gehe es Trump erst darum, einen »ultimativen Deal« zwischen Israelis und Palästinensern auszuarbeiten. Dem Wall Street Journal sagte er: »Als Deal-Macher will ich einen Deal machen, der nicht gemacht werden kann. Natürlich im Sinne der gesamten Menschheit.«

Die Angestellten der US-Botschaft an der Hajarkon-Straße in Tel Aviv packen also ganz sicher noch nicht ihre Koffer.

Gaza

Hamas: Sinwars »rechte Hand« überlebt israelischen Angriff

Bei einem israelischen Luftangriff in dem Palästinensergebiet sollen am Wochenende mehrere Menschen getötet worden sein. Israel zielte auf den ranghöchsten Hamas-Führer in dem Küstenstreifen ab – doch der hat wohl überlebt

 06.10.2026

Be’eri

»Ich musste ihre Geschichte erzählen«

Dafna Gerstner hat die Hamas-Massaker überlebt und wagt einen vorsichtigen Blick in die Zukunft

von Geneviève Hesse  06.10.2026

Geiseln

Überlebt

505 Tage war Omer Shem Tov in der Gewalt der Hamas in Gaza. Seine Schilderungen zeigen, wie leicht es sich all jene machen, die bei der Bewertung des Krieges die perfide Taktik der Terroristen ausblenden

von Sabine Brandes  06.10.2026

Interview

»Wir haben Angst, dass Shani und Carolin vergessen werden«

Sonja Bohl-Dencker und Ricarda Louk leben seit dem 7. Oktober mit einer unvorstellbaren Wunde – dem Tod ihrer Töchter, die von Hamas-Terroristen ermordet wurden

von Sophie Albers Ben Chamo  06.10.2026

7. Oktober

»Ich hatte keine Ahnung, wie sehr wir gehasst wurden«

Unsere Autorin ist an der Grenze zu Gaza aufgewachsen und lebt heute in Berlin. Hier beschreibt sie, wie das Hamas-Massaker ihr Leben verändert hat – und was es mit ihr macht, dass sie und ihr Land plötzlich weltweit als genozidal verleumdet werden

von Adi Kaslasy-Way  06.10.2026

Terror

Augenzeuge der Flydubai-Attacke: »Im Cockpit war niemand«

Die Minuten nach der Gewalttat sind dramatisch: ein leeres Cockpit, ein schwer verletzter Pilot, improvisierte Fesseln, geschockte weitere Piloten unter den Passagieren. Ein Augenzeuge berichtet

 06.10.2026

Natur

Die Kraniche sind da!

Im Hula-Tal hat der alljährliche Herbstzug begonnen – Millionen weiterer Zugvögel werden in den kommenden Wochen erwartet

von Sabine Brandes  06.10.2026

Israel

Netanjahu: »Es wird keine Hamas-Herrschaft geben«

Bei dem Gedenken der Opfer des Hamas-Massakers vor drei Jahren droht der Ministerpräsident den an dem Überfall beteiligten Terroristen

 05.10.2026

Terroranschlag

Rückholflüge aus den Emiraten haben begonnen

Aktion beginnt nach der Beilegung eines Streits über Sicherheitsvorkehrungen am Flughafen von Dubai

von Sabine Brandes  05.10.2026