Politik

Angst vor US-Szenario in Israel

Der derzeitige Oppositionsführer in Israel, Benjamin Netanjahu vom Likud. Foto: Flash90

Der Wahlkampf in Israel ist in vollem Gange. Etwas mehr als eine Woche noch, und die Bürger geben wieder ihre Stimme für ein neues Parlament ab. Zum fünften Mal in weniger als vier Jahren. Währenddessen wächst die Sorge vor einem US-Szenario in Israel.

WAHLERGEBNISSE 2020 hatte sich US-Präsident Donald Trump geweigert, das Ergebnis der Wahlen anzuerkennen, das eindeutig den Demokraten Joe Biden als Gewinner zeigte. Am Wochenbeginn äußerte sich Premierminister Yair Lapid von der Zentrumspartei Jesch Atid besorgt darüber, dass in Israel ähnliches geschehen könnte und der derzeitige Oppositionsführer Benjamin Netanjahu vom Likud die Wahlergebnisse vom 1. November »anzweifeln« könnte.

Er sei sicher, hob Lapid hervor, dass der rechts-religiöse Block von Netanjahu keine Mehrheit erreichen werde. Die meisten Umfragen zeigen neun Tage vor der Wahl, dass die beiden Blöcke in einer Pattsituation bleiben, wie es bereits bei den vergangenen vier Wahlen geschehen war. Israel ist ein politisch zutiefst gespaltenes Land. Genau darin sieht Lapid eine Gefahr.

»Wenn Netanjahu nicht gewinnt, könnte er versuchen, die Legitimität der Wahlen in Frage zu stellen.«

Premierminister yair Lapid

»Wenn Netanjahu nicht gewinnt«, erläuterte er, »könnte er versuchen, die Legitimität der Wahlen in Frage zu stellen«. Angeblich hätten Aktivisten des Likud bereits begonnen, Petitionen an den Wahlausschuss zu senden.

Dabei ist der Chef von Jesch Atid gar nicht gegen eine Koalition mit rechten oder religiösen Parteien. Er meint sogar, dass das beste Ergebnis eine Regierung der nationalen Einheit wäre, die von seiner Partei und dem Likud geführt wird, eine Art »große Koalition«. Allerdings schloss er die Zusammenarbeit mit Netanjahu persönlich aus. »Man kann nicht mit ihm zusammensitzen. Er ist ein Mann, gegen den drei schwere Anklagen erhoben wurden. Er muss seinen Prozess beenden.«

WERTE »Hier geht es um unsere Werte. Menschen, gegen die schwere strafrechtliche Vorwürfe erhoben werden, sollten keine leitenden Positionen im Staat Israel einnehmen. Es verzerrt ihr gesamtes System von Überlegungen völlig, ist gefährlich und größtenteils unethisch. Ich werde nicht mit Netanjahu in derselben Regierung sitzen.«

Netanjahu, dem am längsten amtierende Premierminister in der Geschichte Israels, wird derzeit der Prozess wegen Korruption gemacht. Er bestreitet jegliches Fehlverhalten und sagt, die Vorwürfe des Betrugs, der Untreue und der Bestechung seien politisch motiviert.

In dem Interview ließ Lapid offen, wie genau er eine regierungsfähige Koalition bilden wolle. Er bestätigte zwar, dass er das überwiegend arabische und antizionistische Bündnis Chadasch-Taal nicht in eine Regierung nehmen wolle, schloss jedoch nicht aus, dass es ihn im Falle einer Minderheitenregierung von außen unterstützen könne. Mit den ultraorthodoxen Parteien indes würde er gegebenenfalls zusammenarbeiten, falls sie »Religionsfreiheit sowie die Freiheit von Religion akzeptieren«.

»Sie werden sehen, dass der Likud letztendlich mit den Arabern zusammensitzen wird.«

bürgermeister von nazareth, ali salem

Von dem rechtsextremen Itamar Ben-Gvir, Vorsitzender der nationalistischen Partei Otzma Yehudit, wolle er sich aber kategorisch fernhalten. »Ben-Gvir ist eine andere Welt. Für Ben-Gvir zu stimmen bedeutet, gegen die Armee zu stimmen und für Menschen, die das 202. Bataillon und unsere Soldaten schlagen«, sagte Lapid in Bezug auf einen Angriff von Siedlern auf Soldaten in der Nähe der Stadt Nablus vor einigen Tagen.

Währenddessen bereite Netanjahu angeblich vor, nach den Wahlen möglicherweise mit der islamistischen Ra’am-Partei zusammenzuarbeiten. Das behauptet zumindest der Bürgermeister der vornehmlich arabischen Stadt Nazareth, Ali Salem. Er sagte im Fernsehkanal zwölf, dass der Oppositionsführer mit arabisch-israelischen Persönlichkeiten in Kontakt gestanden habe.

»Sie werden sehen, dass der Likud letztendlich mit den Arabern zusammensitzen wird. Ich habe kürzlich mit Netanjahu gesprochen. Wenn es sein muss, tut er sich mit uns zusammen.«

TERRORISMUS Ra’am, die ein Teil der derzeitigen Regierung in Jerusalem ist, wurde von Netanjahus Likud und verbündeten Parteien immer wieder als »Terrorunterstützer« bezeichnet. Parteichef Mansour Abbas aber hat Terrorismus bei mehreren Gelegenheiten scharf kritisiert und abgelehnt.

Wie für Netanjahus rechts-religiösen Block, so scheint es derzeit allerdings auch für Lapids Mitte-Links-Block schwer bis unmöglich, eine regierungsfähige Koalition auf die Beine zu stellen. Vor allem, weil seine Koalitionspartner Avoda, Meretz und Ra’am allesamt unter die Eintrittshürde in die Knesset von 3,25 Prozent fallen könnten. Damit sagen die Prognosen voraus, dass auch bei der fünften Wahl alles so bleibt wie zuvor – gänzlich gespalten.

Israel-Hasserin El Hissy

Jüdische Gemeinde Frankfurt übt scharfe Kritik am Börsenverein des Deutschen Buchhandels

Die Hintergründe

 04.09.2026

Bildung

Fragt mich!

Der deutsch-israelische Psychologe Ahmad Mansour besucht regelmäßig Schulen. Hier erzählt er, wie aus Sprachlosigkeit ein offener Austausch über Antisemitismus, Israel und den Nahostkonflikt entstehen kann

von Ahmad Mansour  04.09.2026

"Two serious people sit on outdoor metal stairs in casual, tactical clothing, appearing tired or contemplative, with sunlight casting shadows behind them against a plain wall in a rugged environment."

Netflix

Wenn Fiktion auf Realität trifft

Die israelische Erfolgsserie »Fauda« meldet sich mit einer eindrucksvollen neuen Staffel zurück

von Sarah Cohen-Fantl  04.09.2026

Jerusalem

Netanjahu: Sturz des Regimes im Iran »zentrale Mission« Israels

»Ich bin zuversichtlich, dass wir in der Lage sind, diese Bedrohung ein für alle Mal zu beseitigen«, sagt der Ministerpräsident

 04.09.2026

Knesset-Wahlen

Ein Wegweiser durch den Dschungel der israelischen Politik

Am 27. Oktober wählt Israel. Sie wollen mitreden, aber können die Parteien nicht auseinanderhalten? Willkommen im Klub. Die Israelis können es auch nicht

von Guy Katz  04.09.2026

Rehovot

Israelische Forscher melden Erfolg bei Krebsforschung

Forscher des Weizmann Institute of Science entdeckten gemeinsam mit amerikanischen Wissenschaftlern einen bislang unterschätzten Mechanismus bei der Entstehung genetischer Mutationen

 04.09.2026

Interview

»Die meisten arabischen Staaten wollen, dass Israel gewinnt«

Dan Schueftan gilt als wichtigster israelischer Sicherheitsexperte. Er sieht Jerusalem so stark wie nie zuvor – und Europa auf einem ideologischen Irrweg

von Detlef David Kauschke  03.09.2026

Umfrage

Umfrage: Netanjahu-Lager holt auf, beide Blöcke bei 53 Mandaten

Noch vor einer Woche hatte dieselbe Umfrage ein deutlich anderes Bild ergeben. Damals lag die Opposition mit 57 Sitzen vorn

 03.09.2026

Missbrauch

Razzia gegen Kinderehen

Die Polizei ermittelt gegen eine strengreligiöse sektenähnliche Gruppe wegen illegaler Hochzeiten von Minderjährigen

von Sabine Brandes  03.09.2026