Votum

Abstecher ins Wahllokal

Es lag eine ganz besondere Stimmung in der Luft am Jom Habchirot, dem Wahltag. Im Winter war der Sommer ausgebrochen. Urlaub mitten in der Woche. Die Israelis flanierten bei über 20 Grad und strahlendem Sonnenschein die Promenaden entlang, gingen einkaufen, besuchten zu Hunderttausenden die Naturparks von den Golanhöhen bis ans Rote Meer. Auf dem Weg machte der Großteil einen Abstecher an die Wahlurnen. Passend zum perfekten Ferientag gab es am Ende sogar eine Überraschung. Zwar wird aller Voraussicht nach Benjamin Netanjahu vom Likud auch zum dritten Mal auf dem Chefsessel Platz nehmen. Doch die Hälfte der Israelis entschied sich für Mitte- und Linksparteien.

Von Wahlmüdigkeit keine Spur. Um 22 Uhr hatten 66,6 Prozent der 5,65 Millionen wahlberechtigten Israelis ihre Stimme in einem der mehr als 1000 Wahllokale abgegeben. Für Muffel gab es Druck aus den sozialen Netzwerken im Internet. Fast pausenlos wurden Fotos hochgeladen, der Lieblingskandidat gewählt und Anekdoten vom Urnengang gepostet. Eingefleischten Facebook-Nutzern blieb am Ende gar nichts anderes übrig, als sich dem virtuellen Gruppenzwang zu beugen.

Stolz Tracey Friedman ist ganz aufgeregt. Sie hält den Umschlag einen Moment lang über den Schlitz in der blauen Pappbox und grinst breit. Im Türeingang steht ihre Freundin und knipst. »Das Foto stelle ich sofort auf Facebook. Meine Eltern werden so stolz sein.« Vor drei Jahren wanderte Friedman aus New York ein, jetzt steht sie in einer Schule in Ramat Gan und wählt. Es ist das erste Mal, dass sie in ihrer neuen Heimat ihre Stimme abgibt.

»Ich bin noch ganz nervös, es ist so cool«, sagt die 25-Jährige und hüpft von einem Bein aufs andere. Obwohl sie die Methode mit den Papierkärtchen ziemlich altbacken findet. Wessen Karte sie ausgewählt hat? »Ganz klar Lapid«, sagt sie und streckt zwei Finger als Siegeszeichen in die Höhe. Die Freundin drückt wieder auf den Auslöser. »Ich hoffe, dass er in der Regierung sitzen wird, denn ich habe das Gefühl, dass er es ehrlich meint, wenn er über die Zukunft Israels spricht.« Als um Punkt 22 Uhr die ersten Hochrechnungen über die Bildschirme flirren, wird klar: Die Hoffnungen der jungen Einwanderin haben sich erfüllt.

Schulfrei Die Aschkenazis sind schon am Morgen aufgebrochen, um den Tag mit der gesamten Familie zu genießen. Am Wahltag gibt es traditionell schulfrei, die Kindergärten haben zu, die meisten Menschen arbeiten nicht. Michal und Tomer Aschkenazi aus Herzlija hatten den Ablauf dennoch genau geplant. Zunächst ging es nach Jerusalem, um ihren zwei Söhnen den Ort zu zeigen, der für die Wahlen besondere Bedeutung hat: die Knesset. »Wir gehen erst am Abend wählen, tagsüber erklären wir den Kindern, wie das System der Demokratie funktioniert«, sagen die Eltern.

Doch nur politisch sollte es nicht sein, mittags fuhr die Familie ins deutsche Viertel von Jerusalem, wo die Lokale bei 22 Grad im Schatten prompt Stühle und Tische auf die Bürgersteige stellten. Eis hatte Hochkonjunktur. »Alles war voller Leute, die Atmosphäre klasse«, sagt Michal, »es herrschte fast eine so ausgelassene Stimmung wie am Unabhängigkeitstag.« Im Wahllokal in Herzlija darf jeder der Jungs mit einem Elternteil in die Kabine. Tomer macht klar: »Wir haben schon immer Likud gewählt und machen es auch jetzt so. Weil nur Netanjahu weiß, wie man ein Land regiert.«

Tel Aviv Auf der Straße der Schönen und Hippen in Tel Aviv, dem Rothschild-Boulevard, herrscht den ganzen Tag über Partylaune. Junge Familien, verliebte Pärchen, ältere Damen und Herren mit ihren Haustieren bevölkern die Cafépavillons in der Mitte der Allee und sinnieren unter den grün-weißen Plakaten der linken Meretz über die Zukunft ihres Landes. Die Partei holt sechs Sitze.

»Vor meinem Haus sitzt immer eine Katze«, erzählt eine junge Frau ihren Freunden beim Mittagessen im Schokoladenlokal Max Brenner. »Die klebt mir am Bein, sobald ich zur Tür rausgehe. Es ist egal, ob ich sie streichle oder ignoriere. Sie lässt mich nicht in Ruhe.« Worauf ihr Tischnachbar meint, die Katze erinnere ihn an Bibi. »Den werden wir auch nicht los.«

In Tel Aviv, der Hochburg der linken Wähler, ist fast an jeder Straßenecke zu spüren, dass viele Israelis sich einen Wandel in der Politlandschaft wünschen. »Wir haben genug von dieser Regierung. Der Mist bleibt nicht nur, er wird immer mehr. Geht jetzt links wählen!«, beschallt ein junger Mann mit Megafon die Spazierenden.

Änderung David Tsahar düst mit seinem Sohn auf dem Roller über die Lilienblum-Straße. »Wir kommen gerade vom Strand und machen jetzt ›Stimmzettel-Pause‹.« Der Jungunternehmer hatte ebenfalls vor, für Lapid zu stimmen. »Ich wähle einen Menschen, den ich glaubwürdig finde, und keine Partei, die ohnehin nur inhaltsleeres Zeug von sich gibt.« Kurz vor zwölf entschied er sich um und steckte den Zettel von Daam in den Umschlag. Deren Kandidatin, die israelische Araberin Asma Agbarieh, habe ihn »einfach angesprochen«.

In der letzten Stunde vor Veröffentlichung der ersten Ergebnisse hält das ganze Land den Atem an. Dann zeichnet sich ab: Der alte wie neue Ministerpräsident Israels heißt Benjamin Netanjahu. Wahrscheinlich. Kurz nach Mitternacht dankt er den Israelis für die Wiederwahl und verspricht, »die Änderungen, die das Volk wünscht, umzusetzen und die breitestmögliche Koalition zu bilden«.

Auf Kanal zwei läuft direkt vor den Hochrechnungen ein Special der beliebten Satiresendung »Eretz Nehederet« (Ein wundervolles Land). »Vielleicht bringt dieser Tag ja doch etwas Neues«, gibt sich der Sohn in einem Sketch hoffnungsfroh, nachdem die Eltern ihm jahrelang eingebläut hatten, nur Wähler könnten etwas ändern. Vater und Mutter sehen sich an und lachen schallend. »Änderung? Hier? Niemals!« Bis zuletzt war die Mehrheit der Israelis skeptisch, ob ein Wandel möglich ist. Und jetzt ist er da. Wenn auch nur ein wenig.

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