Krieg

19-mal Rennen, 19-mal Herzrasen, 19-mal nackte Angst

Heute hätten meine Kinder lachen sollen, tanzen, singen, grölen und so viele Süßigkeiten futtern, bis ihnen schlecht wird. Für Purim hatten sich mehrere Schulen zusammengeschlossen und eine Riesenparty im größten Park der Stadt organisiert. Mit richtig berühmten Popstars und DJs. Die Vorfreude war riesig.

An ihren Kostümen bastelten sie seit Tagen. Doch sie werden sich nicht verkleiden. Die gepackten Mischlochei Manot voller Bamba, Bisli und Schokolade, die sie an ihre Freunde verteilen wollten, stehen in der Küche. Auch die traditionellen Osnei-Haman-Kekse haben wir nicht gebacken. Statt Purim gibt es Krieg.

Aus heiterem Himmel kam es nicht. Seit Wochen bereits wurde die Rhetorik immer deutlicher und blieb dabei gleichzeitig so vage, dass man weder in Panik verfallen noch über den nächsten Tag hinaus planen konnte. Der Schwebezustand der Ungewissheit legte sich wie eine dicke Wolldecke über unser Leben. Doch keine, die einen warm umhüllt, sondern eine, die unangenehm riecht, kratzt und zu starr und schwer ist, um sich darunter wohlzufühlen.

Anspannung war unser steter Begleiter

Gerüchte kursierten wie unheilvolle Prophezeiungen durch das Land. »Morgen wird es passieren«, sagte jemand, während ein anderer einen Urlaub im Ausland buchte. Doch wohin wir in den vergangenen Tagen auch gingen, war Anspannung unser steter Begleiter, im Hinterkopf immer der Gedanke, dass es jede Minute wieder losgehen kann. Und dann war er tatsächlich da, der Moment, um halb neun am Samstagmorgen. Nach der ersten Tasse Kaffee, und während die Pfannkuchen auf dem Herd brutzelten.

Es ist ein Augenblick, der schwer zu erklären ist. In der einen Sekunde sorgt man sich noch, dass die Pfannkuchen nicht verbrennen und der Frühstückstisch schön gedeckt ist, in der nächsten ist man schon im Überlebensmodus. Das Herz rast, die Stimme wird laut, die Beine rennen wie von selbst. Schnell noch den Herd aus.

Einen eigenen Schutzraum haben wir nicht. Wir müssen in den öffentlichen, zwei Straßen weiter auf dem Pausenhof einer Schule. Meine Kinder wissen genau, was in die »Bunker-Beutel« muss, die wir mitnehmen: Wasser, Hausschlüssel, Ladekabel, Toilettenpapier, Müsliriegel und vielleicht ein Butterbrot und ein paar Snacks. So viel wie nötig, so wenig wie möglich — damit wir wissen, dass wir bald wieder nach Hause können.

Seit Wochen schlafen wir in Jogginghosen und Sweatshirts, denn wenn die Warnsirene schrillt, zählt jede Minute. Die Schlappen stehen im Flur in Richtung Haustür. Reinschlüpfen und los. Nach fast zweieinhalb Jahren mehr oder weniger Kriegszustand sind wir Profis geworden, eine Fähigkeit, auf die niemand stolz sein möchte.

»Wer das noch nie gehört hat, der hat noch nicht im Krieg gelebt.«

15 Stufen geht es hinunter in den Bunker unter der Erde. Hier fühlen wir uns sicher, aber nicht gut. Die ausrangierten Schulbänke sind hart, und das Stimmengewirr von Dutzenden Menschen vermischt sich mit Nachrichten aus Handys, dem Weinen verängstigter Kinder, dem Gebell hysterischer Hunde und dem Schrillen der Sirenen zu einer Kakophonie des Wahnsinns. Wer das noch nie gehört hat, der hat noch nicht im Krieg gelebt.

19-mal saßen wir gestern im Bunker. 19-mal Rennen. 19-mal Herzrasen. 19-mal nackte Angst. Die wird nicht weniger. Sie sitzt immer leise daneben, fast so, als hätte sie beschlossen zu bleiben. Um sie zu vertreiben, konzentriere ich mich auch im Bunker auf die Arbeit, klappe ich mein kleines Laptop auf und tippe.

Im Moment habe ich es aufgegeben, mein normales Leben zurückzuverlangen, habe diesen Wunsch in meinem tiefsten Innern vergraben. Denn Widerstand macht es nur schlimmer, macht wütend und bitter. Ja, ich hatte einen Kurzurlaub geplant, ja, ich habe Flüge und Züge gebucht, und ja, ich weiß wieder einmal nicht, was kommt. Kleine Sorgen in einem Krieg der großen Ziele? Vielleicht. Aber mit jeder Krise fällt es schwerer, das Bedürfnis nach einem planbaren Normalzustand zu unterdrücken.

Für meine Kinder ist das traurige Normalität

Das 20. Mal im Bunker ist eigentlich das erste Mal. Es ist nach Mitternacht. Der neue Tag verschwimmt mit dem vorherigen. Sonntag. Der Tag von Purim. Eigentlich. Meine Kinder hatten sich dieses Purim verdient. Seit fast zweieinhalb Jahren leben sie in einem Auf und Ab aus Ausnahmezustand und Alltag. Nie ganz gewiss, ob sie die nächste Woche in die Schule können oder wieder im Sirenengekreische um ihr Leben rennen müssen. Sie wissen für ihr Alter viel zu viel von der Grausamkeit unserer Welt, können die unterschiedlichen Geschosse auseinanderhalten, die auf uns gefeuert werden, und wissen, wie die Abwehrsysteme funktionieren, die unsere Leben schützen.

Mich schockiert das noch immer, für meine Kinder ist es traurige Normalität. Sie sind so viel israelischer, als ich es jemals sein werde. Trotzdem sind meine Kinder Kinder. Sie sind warmherzig und klug, gute Freunde, liebevolle Geschwister und richtig coole junge Leute. Aber sie haben auch kleine verwundbare Seelen. Man darf niemals vergessen, dass es die Kinder sind, die in den Kriegen dieser Welt am meisten leiden.

Manchmal wünschte ich, meine Kinder würden sich öfter lautstark beklagen, Türen knallen und den Frust rauslassen, dass es wieder einmal anders gekommen ist als gehofft. Mir ist dieser Tage nicht selten danach zumute. Doch wenn manchmal meine Stimme schriller wird, sind meine Kinder meine Superhelden. Sie umarmen mich fest, lächeln und sagen: »Mami, bald ist alles wieder gut.« Ich hatte ihnen so gewünscht, Purim zu feiern.

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