Erfurt

Mikwe, Schul und Silberschmuck

Bald Weltkulturerbe? Die Alte Synagoge in Erfurt Foto: imago

»Auf der Landkarte des europäisch-jüdischen Erbes wird Erfurt nun ganz groß geschrieben«, rühmte Johannes Heil, Rektor der Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg (HfJS), 2011 die Schätze der Stadt. Dieser Satz ziert jetzt den zweiten Band der Erfurter Schriften zur Jüdischen Geschichte, der vor Kurzem vorgestellt wurde. Das Buch ist Teil der Aufarbeitung des jüdisch-mittelalterlichen Erbes der Stadt und begleitet die Bewerbung Erfurts für den UNESCO-Weltkulturerbe-Titel.

Das Buch war noch im Druck und noch nicht ausgeliefert, als sein Katalog mit den 165 aufgelisteten Grabsteinen und der entsprechende Transkription bereits überholt war. Denn im Bereich des Ackerhofs unweit des Stadtzentrums wurden weitere 23 Grabsteine und Fragmente aus dem Mittelalter gefunden. »Die Stadt hat noch viele nicht geborgene Schätze«, ist Erfurts UNESCO-Beauftragte Maria Stürzebecher überzeugt.

Glas Dieser Meinung ist auch Karin Czech vom Thüringer Landesamt für Denkmalpflege. Gesichert ist nach ihrem Verständnis bereits die Erkenntnis, wo die zweite mittelalterliche Synagoge zu finden ist – nämlich auf städtischem Grund hinter dem Rathaus. Vor gut einem Jahr hatten freiwillige Helfer unter dem Motto »Welterbe ausgraben« eine Woche lang nach dieser Synagoge gesucht. Bis auf einen Schlussstein wurde sie allerdings noch nicht gefunden. »Ich fände es gut, wenn wir das Gotteshaus freilegen, vielleicht mit Glas umbauen und genau dort ein UNESCO-Zentrum einrichten könnten«, sieht Karin Czech in die Zukunft.

Auch Sarah Laubenstein als zweite UNESCO-Beauftragte der Stadt geht davon aus, dass Erfurt auf die Welterbeliste gehört. Erfurts Oberbürgermeister Andreas Bausewein widerspricht nicht, wenngleich er derzeit noch kein Konzept hat, wie ein solcher Bau finanziert werden soll. »Auf keinen Fall könnte das die Stadt allein stemmen«, weiß er.

Das Land Thüringen unterstützt die Bewerbung der Landeshauptstadt. Man hätte sich auch mit den sogenannten SCHUM-Städten Speyer, Worms und Mainz gemeinsam beworben, doch eine solche Kooperation war nicht zustande gekommen. »Erfurt hat dennoch enorme Chancen«, glaubt Margaretha Boockmann von der HfJS. Sie transkribiert unter anderem die Inschriften der Grabsteine.

»Erfurt beherbergt die viertgrößte mittelalterliche Fundstätte nach Worms, Frankfurt am Main und Mainz«, erklärt sie. Die Stadt sei singulär und abseits der großen jüdischen Zentren. Das mache die Funde in Thüringen so besonders. Boockmann ist eine der drei Autorinnen des vorgelegten neuen Bandes.

Kultusministerkonferenz Die Entscheidung, wer auf die Welterbeliste kommt, fällt erst im Frühjahr kommenden Jahres durch die Kultusministerkonferenz. Insgesamt wurden deutschlandweit 28 Anträge eingereicht. »Wir wollen möglichst weit vorne landen«, wünscht sich Laubenstein. Die Alte Synagoge zumindest nährt die Hoffnung. Sie ist das älteste jüdische Gotteshaus in Mitteleuropa, das bis zum Dach hinauf erhalten ist. Und auch die Mikwe sucht in dieser Größe ihresgleichen.

OB Bausewein hofft auch deshalb auf die offizielle Anerkennung der sensationellen Entdeckungen jüdischen Lebens aus dem Mittelalter. Wenngleich auch nur die Bauwerke wie das Steinerne Haus, die Alte Synagoge und die 2007 entdeckte Mikwe sowie Grabsteine offiziell Maßstab für die Welterbeliste sind, weisen doch auch der 1998 gefundene Jüdische Schatz mit dem Hochzeitsring, den vielen Münzen und Gürteln sowie Schmuck auf ein vielfältiges jüdisches Leben im mittelalterlichen Erfurt hin.

»Es ist gut, dass wir die Vergangenheit ansehen«, erklärt Reinhard Schramm, Vorsitzender der Jüdischen Landesgemeinde. Doch er verstehe jüdisches Leben nicht nur als einen Blick ins Museum. Man wolle Gegenwart und Zukunft nicht vernachlässigen. Deshalb setzen er und Landesrabbiner Konstantin Pal darauf, einen Kantor bei der Jüdischen Landesgemeinde anstellen zu können.

Auch das vorgesehene jüdische Musikfestival im kommenden Jahr und ein jüdischer Kulturverein könnten das Leben in der Stadt bereichern. »Die Gesellschaft ist ausreichend aufgeschlossen, sodass das in Erfurt möglich ist«, ist Schramm überzeugt.

Ohnehin ist Erfurt zunehmend ein kleines Zentrum wachsenden jüdischen Lebens. Gerade erst hat an der Fachhochschule der Masterstudiengang »Management und Interkulturalität« begonnen. Und das Netzwerk »Jüdisches Leben Erfurt« bietet ab kommendem Jahr in Kooperation mit der Volkshochschule zwei Synagogenkollegs an, um dem Interesse an jüdischer Kultur, Geschichte und Sprache zu entsprechen. Die Nachfrage ist groß.

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