Frankfurt/Main

Hommage an eine Großmutter

Vor derm Filmstart: (v.l.) Doris Jedlicki (WIZO Frankfurt), Susi Bahat Orlean, Mutter des Filmemachers, Rusja Orlean, die Großmutter und Protagonistin des Films, und Diana Schnabel Foto: Rafael Herlich

Frankfurt/Main

Hommage an eine Großmutter

WIZO zeigt Doku eines jungen Filmemachers über das Leben von Schoa-Zeitzeugen

von Barbara Goldberg  04.06.2012 19:36 Uhr

Es ist einer der anrührendsten Momente des ganzen Filmes: Rusja Orlean schildert, wie ihr während einer Nacht im Bunker ihr Vater im Traum erscheint, eingehüllt in seinen Gebetsschal. »Du musst keine Angst haben«, sagt er zu ihr. »Du wirst überleben!« Das sei das letzte Mal gewesen, dass sie von ihm geträumt habe, erzählt Rusja Orlean unter Tränen. Und ihr Enkelsohn, der Filmemacher Jordan Bahat, lässt die Kamera einen quälend langen Augenblick auf dem Gesicht seiner Großmutter verweilen.

Rusja Orlean, heute 84 Jahre alt, gehört zu den Mitbegründerinnen der WIZO Deutschland und hat bis vor einem Jahr auch deren Vorstand angehört. Als Hommage an sie hatte die Frankfurter WIZO-Gruppe am vergangenen Sonntag zu einer Matinee eingeladen, bei der die Dokumentation Jealous of the Birds, die Bahat über seine Großeltern und andere Überlebende gedreht hat, gezeigt wurde.

Der Erlös aus dem Verkauf der Eintrittskarten soll an das Theodor-Heuss-Familienzentrum in Herzlya gehen. Gerade ihre persönliche Lebensgeschichte, sagte WIZO-Deutschland-Präsidentin Diana Schnabel in ihrer Begrüßung im Filmmuseum, sei immer das wichtigste »Motiv für Rusja Orleans hingebungsvollen Einsatz gewesen«.

Deutschland 23 Jahre alt war Jordan Bahat, als er diesen Film machte. Er stellt darin die Frage, die die Generation seiner Eltern nie zu stellen wagte: »Wie konntet ihr nach der Schoa in Deutschland bleiben?« Mit der ganzen Unbefangenheit seiner Jugend gelingt es, keinen Vorwurf anklingen zu lassen.

Und so sind viele erstmals bereit, ihm Antwort zu geben. Für ihn fährt Rusja Orlean sogar nach Auschwitz und zeigt ihm dort die Pritsche, auf der sie, als 15-Jährige, mit fünf anderen zusammengepfercht und ohne Decke geschlafen hat, und auch das Fenster, aus dem sie zum ersten Mal auf die brennenden Schlote des Krematoriums blickte, ohne zu ahnen, was dort geschah. »Aber«, so warnt die Großmutter den Enkel: »Das hier ist kein Filmplot, das ist das Leben!«

Ursprünglich als reine »Familienangelegenheit« gedacht, erkennt Bahat bald, dass seine Recherche ein wichtiges Thema berührt, das vielleicht, wenn in einigen Jahren alle Zeitzeugen gestorben sein werden, nie mehr geklärt werden kann. In ästhetisch gelungener Komposition, mitunter mit rasanten Schnitten, kombiniert er historisches Filmmaterial mit nachgestellten Szenen, Momentaufnahmen und Interviewpassagen.

Premiert Die Musik dazu haben Oscar-Preisträger Hans Zimmer und Aleksey Igudesman komponiert. Nach Premieren in Los Angeles und London lief Jealous of the Birds bei Filmfestivals in New York, Miami, Atlanta und Jerusalem und wird auch auf dem jüdischen Filmfest in Berlin und Potsdam zu sehen sein.

Warum ausgerechnet Deutschland? Bahats Film zeigt, wie vielschichtig die Motive für diese Entscheidung waren, etwa die von Arno Lustiger sel. A. Jeder, der in die USA emigrieren wollte, musste sich einer medizinischen Untersuchung unterziehen: Eine TBC-Infektion, an der viele ehemalige KZ-Häftlinge litten, oder auch nur ein Schatten auf der Lunge genügten, um kein Visum zu erhalten: »Fuck you!«, so erzählt Arno Lustiger im Film-Interview, habe er dem amerikanischen Bürokraten damals ins Gesicht gesagt, als der seiner Mutter und Schwester die Einreise verweigerte. Weil er seine Angehörigen nicht zurücklassen wollte, blieb auch er in Deutschland.

Verschweigen Und diese Entscheidung zog mitunter absurde Situationen nach sich. So sollte Anija Kempa, Tochter einer Überlebenden und eines russischen Panzeroffiziers, dem Unterricht fernbleiben, während das »Dritte Reich« durchgenommen wurde. Vor der einzigen jüdischen Mitschülerin wollte man nicht darüber sprechen.

Und Minka Pradelski, ebenfalls Kind von Überlebenden, berichtet, wie sie einmal Verwandte im Ausland besuchte und dort von Freunden gefragt wurde, woher sie denn komme. »Aus der Schweiz!«, rief ihre Tante sofort, »sie kommt aus der deutschen Schweiz!« Niemand sollte wissen, dass Deutschland ihr Zuhause war. Der Filmtitel ist übrigens ein Zitat des Großvaters Stefan Orlean. Im KZ sei er immer neidisch auf die Vögel gewesen, »weil sie wegfliegen konnten, während ich dort festsaß«.

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