Baumeister

Genosse Unternehmer

Anfang April des Jahres 1933 packt Adolf Sommerfeld hektisch seinen kleinen Jagdruck-sack und verabschiedet sich von seiner Frau und seinen beiden Kindern. Er verlässt fast überstürzt seine Villa am Asternplatz in Berlin-Lichterfelde. Es ist
höchste Zeit. Wenige Tage zuvor, in der Nacht auf den 1. April, haben betrunkene SA-Männer dem größten und erfolgreichs-ten jüdischen Bauunternehmer der Stadt unmissverständlich zugesetzt. Sein Haus wurde angegriffen, es fielen Schüsse.

Adolf Sommerfeld und seine Familie blieben noch einmal unversehrt. Sie wuss-ten genau, dass es beim nächsten Mal schon sicher weniger glimpflich ausgehen wird. Sommerfeld verließ als einer der ersten bedeutenden jüdischen Unternehmer die deutsche Hauptstadt. Er floh zunächst über die grüne Grenze in die Schweiz, wohin ihm der Rest seiner Familie wenig später folgte. Über Paris ging es 1935 nach Palästina und schließlich im Jahr 1938 erfolgte die Übersiedelung nach England. Dort nahm Adolf Sommerfeld eine Namensänderung vor und nannte sich Andrew Sommerfield. Ein Name, den er bis zu seinem Tod nicht mehr ablegen wollte.

Wohn- und Siedlungsbau Wer heute offenen Auges und ein wenig an Architektur interessiert durch Berlin streift, der kann noch immer vieles von dem entdecken, was dieser große jüdische Bauunternehmer einstmals geschaffen hat. Die Liste seiner Projekte ist ebenso lang wie beeindruckend. Sommerfeld baute zahlreiche Fabrik-, Luftschiff- und Flugzeughallen auf dem gesamten Berliner Stadtgebiet.

Er zeichnete für den vierten Bauabschnitt des Kaufhauses Wertheim in der Leipziger Straße verantwortlich. Sein Unternehmen baute die Tribüne an der Südschleife der AVUS oder sorgte für den Umbau des Berliner Sportpalastes. Sommerfelds Firmengruppe, in der zu Spitzenzeiten mehr als 3.500 Menschen beschäftigt waren, baute auch Synagogen in Berlin-Köpenick (Freiheit 8) oder in der Fasanenstraße in Charlottenburg, die heute nicht mehr stehen.

Sommerfelds Unternehmensschwerpunkt war jedoch der Wohn- und Siedlungsbau in Berlin. Er galt deswegen als eine der Schlüsselfiguren der Berliner Stadtentwicklung in der Weimarer Republik.

Herkunft Adolf Sommerfeld stammt aus sehr einfachen Verhältnissen. Er wurde am 4. Mai 1886 in Kolmar in der Provinz Posen geboren. Sein Vater war ein Messerschmied.

Mit 14 Jahren zog Adolf Sommerfeld alleine nach Berlin um. Er kam im Haus des »Lehrlingsvereins für bedürftige jüdische Knaben« in Pankow unter und schloss eine Zimmermannslehre erfolgreich ab. Im Jahr 1910 gründete er die Firma »Adolf Sommerfeld«. Sitz der Firma war Rixdorf in Neukölln.

Er baute im Berlin der Weimarer Republik das, was wir heute »Soziale Stadt« nennen würden. Dieser Idee war er auch politisch eng verbunden, denn er war ein überzeugter Sozialdemokrat. Die von ihm erbaute »Waldsiedlung Onkel Toms Hütte« kommt Sommerfelds Ideal eines in ihrem sozialen Gefüge gemischten (suburbanen) Quartiers am nächsten.

Es weist mit dem nahen S-Bahn-Anschluss eine qualifizierte Infrastruktur auf und verfügt zudem fußläufig über diverse Versorgungseinrichtungen. Die Ladenpassage neben den S-Bahn-Gleisen des Bahnhofs »Onkel Toms Hütte« ist ein Symbol dafür. Sie ist bis heute noch intakt. Sommerfeld hat den U-Bahnhof gebaut, 1929 ging er in Betrieb.

Wer sich von dort aus ins nahe Quartier bewegt, der flaniert zunächst an mächtigen, weißen Bauhausvillen vorbei. Es folgen Reihenhäuser und gegenüber Mehrfamilienhäuser. In diesem Ensemble wohnen heute wie damals reiche Menschen (in den Villen), der gehobene Mittelstand (in den Reihenhäusern), Arbeiter und kleinere Angestellte (in den gehobenen Mietwohnungen) sowie Empfänger von staatlichen Transferleistungen (in den einfachen Mietwohnungen). Es ist also so etwas wie der stadtplanerische Gegenentwurf zu den ak-
tuellen Gentrifizierungs-Umtrieben.

Planung Man kann auch sagen, Adolf Sommerfeld war seiner Zeit voraus. Er sah die Planung einer Stadt wie Berlin immer als Ganzes. Die Peripherie definierte der Bauunternehmer als einen dynamischen Innovationsmotor für die Metropole und nicht als eine vom Zentrum abgekoppelte, verschlafene Vorstadt.

»Onkel-Toms-Hütte ist sicher Sommerfelds Bravourstück«, sagt die Architektur-historikern Celina Kress. Ihr ist es jetzt mit dem Buch Adolf Sommerfeld/Andrew Sommerfield. Bauen für Berlin 1910–1970, gelungen, den jüdischen Baumeister dem kollektiven Berliner Vergessen zu entreißen.

Adolf Sommerfeld avancierte nach seiner Firmengründung schnell zum Newcomer der Berliner Unternehmerszene. Er war ein glänzender Netzwerker, ein Stratege und nicht zuletzt ein dem Leben zugewandter, großzügiger Mann mit gehörigem Sexappeal. Er galt als witzig, geistreich, neugierig und war sein Leben lang fasziniert von der Welt um ihn herum. Sein Haus, die »Villa Sommerfeld«, das von seinem Freund und Exklusivarchitekten sowie späteren Bauhaus-Gründer Walter Gropius entworfen war, wurde zum angesagten Treffpunkt der Berliner Kunst-, Kultur- und sozialdemokratischen Politikszene.

Sommerfelds ausgeprägte Lust auf schwungvolle Partys war legendär. Auf der ausladenden Veranda der »Villa Sommerfeld«, ein expressionistisches Holzblock-haus, trafen sich regelmäßig der preußische Ministerpräsident Otto Braun, der Schriftsteller Gerhart Hauptmann, der Künstler Marc Chagall, der Berliner Stadtbaurat für Verkehr, Ernst Reuter, oder die Architekten Erich Mendelsohn und Bruno Taut.

Enteignung Als Sommerfeld Berlin verlassen musste, hatte er wie kein anderer Unternehmer vor ihm und wohl nur wenige danach diese Stadt baulich geprägt. Er kam aus dem Nichts und wurde im Exil wieder dorthin katapultiert.

Die Nazis enteigneten im Jahr 1935 sein gesamtes Vermögen, adaptierten jedoch Sommerfelds architektonisches Leitbild. Dem Geschäftsmann Walter Schwiering, SS- und NSDAP-Mitglied, wurde der Sommerfeld-Konzern übertragen. Mit Schwiering schlug sich Sommerfeld 1948 in zahlreichen Restitutionsverfahren herum, die fast allesamt im Vergleich endeten. 30 seiner ehemaligen Mitarbeiter unterstützten Sommerfeld in seiner mühsamen Arbeit, sich sein Eigentum wieder zurückzuholen.

Sommerfeld versuchte in der Folge noch einmal von der Schweiz aus, an seine grandiosen unternehmerischen Erfolge in Berlin anzuknüpfen. Es gelang ihm nur leidlich. Die Leichtigkeit des Lebens war dahin. Adolf Sommerfeld starb am 16. Dezember 1964 in Baden/Schweiz.

Celina Kress »Adolf Sommerfeld /Andrew Sommerfield. Bauen für Berlin 1910–1970«. Lukas Verlag, Berlin 2011, 286 S., 39,80 €

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