Würzburg

Eine Kämpfernatur

Die Sonne scheint und taucht den jüdischen Friedhof Würzburg in ein warmes Licht. Aron Schuster legt ein paar Kieselsteine auf das Grab seines Großvaters. Dieser sei ein willensstarker Mann gewesen, der für seine Visionen kämpfte, erzählt Aron. Am 26. Mai wäre der in Bad Brückenau geborene David Schuster 100 Jahre alt geworden. Die Gemeinde erinnerte in einer Gedenkveranstaltung an ihn.

Nach seiner Schulausbildung machte David Schuster ab 1926 ein Lehre im elterlichen Textilgeschäft und übernahm 1930 den Betrieb. Im Jahr 1937 wurden David und sein Vater Julius ins Konzentrationslager Dachau gebracht, später nach Buchenwald. Noch scheuten die Nazis davor zurück, jüdischen Besitz einfach zu enteignen. Unter Druck willigten die Gefangenen ein und unterschrieben einen Verkaufsvertrag unter der Bedingung, dass die Familie auswandern durfte. Nach ihrer Entlassung am 16. Dezember 1938 hatten Vater und Sohn »drei Tage Zeit, das Land zu verlassen«, berichtet der Enkel. Für David war dies wie ein zweiter Geburtstag. Mit dem Schiff erreichten sie Palästina.

rettung In der Hafenstadt Haifa arbeitete David Schuster erst als Bauarbeiter, dann als Bauleiter. Er lernte seine Frau Anita kennen, die von Schlesien nach Palästina geflohen war. 1953 heirateten sie, ein Jahr später kam Sohn Josef auf die Welt, der heutige Vorsitzende der jüdischen Gemeinde Unterfranken.

Nach dem Zweiten Weltkrieg erhielt die Familie ihren Besitz von den Amerikanern zurück. 1956 siedelte sie sich in Würzburg an. Zwei Jahre später wurde David Schuster zum Vorsitzenden der kleinen jüdischen, knapp 200 Mitglieder zählenden Gemeinde gewählt. Die wuchs, Schuster machte sich daran, eine neue Synagoge zu errichten. Seit 1991 ist die Zahl der Mitglieder auf über 1.000 gestiegen.

Ehrung Für seinen Beitrag zur christlich-jüdischen Verständigung erhielt er das Bundesverdienstkreuz und den Bayerischen Verdienstorden. Die Juden des Freistaates Bayern repräsentierte er sechs Jahre lang im Bayerischen Senat. Auch für das Dokumentationszentrum für jüdische Geschichte und Kultur in der Valentin-Becker-Straße in Würzburg setzte er sich ein, das 2006 eröffnete jüdische Kultur- und Gemeindezentrum Shalom Europa trägt seine Handschrift.

1999 starb David Schuster inmitten seiner Gemeinde, erzählt sein Enkel Aron. Wie an jedem Freitag hatte er am Gottesdienst teilgenommen, nichts wies auf ein gesundheitliches Leiden hin. Aron Schuster bewundert seinen Großvater: »Er war eine Kämpfernatur. Und er kam zurück nach Deutschland, weil er nicht wollte, dass die Nazis ihr Ziel erreichten, Deutschland judenfrei zu machen.«

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