Stuttgart

»Ein bewundernswerter Mann«

In Dankbarkeit und Erinnerungen, voller Wärme und Zuneigung hat die Israelitische Religionsgemeinschaft Württembergs (IRGW) noch einmal Abschied von Meinhard Mordechai Tenné genommen, der am 29. September im Alter von 92 Jahren gestorben war. Die Familie, Freunde und Weggefährten aus Politik und Stadtgesellschaft waren nach Ablauf der 30-tägigen Trauerzeit im Saal der jüdischen Gemeinde zusammengekommen, um des langjährigen Vorstandssprechers und Ehrenvorsitzenden der IRGW zu gedenken.

»Er war ein großer und bewundernswerter Mann«, rühmte Vorstandssprecherin Barbara Traub Tennés unermüdlichen Einsatz für die IRGW und seine vielen Verdienste. »Meinhard Tenné hat mit seiner Persönlichkeit das heutige Bild vom Judentum und der jüdischen Gemeinde in Stuttgart und Württemberg geprägt, er hat mit seinem Charme viele Türen geöffnet und viele von uns verändert, auch mich«, bekannte Traub, die mit den Tränen kämpfte. Tage und Nächte habe er in der Gemeinde verbracht, Ausflüchte und Klagen seien nie seine Sache gewesen, nur Pflichterfüllung.

Religionsunterricht Nicht nur Traub, auch Abraham Lehrer, Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, erinnerte daran, dass Tenné beharrlich für die Anerkennung des jüdischen Religionsunterrichtes als ordentliches Unterrichtsfach mit Notengebung kämpfte, dies beim Kultusministerium auch erreichte und sogar selbst einen Lehrplan erstellte.

Meinhard Tenné wurde 1923 als Meinhard Teschner in Berlin geboren und wuchs in einer zutiefst religiösen Familie auf. Schon mit vier Jahren las er in der Tora. Die hebräische Bibel seines orthodoxen Großvaters begleitete ihn bis zu seinem Lebensende. Sein Überleben verdankte er seinem Vater, der, gewarnt vor dem Pogrom, mit dem 15-jährigen Sohn im November 1938 in die Schweiz floh. Weil nur zwei Visa zur Verfügung standen, blieben Mutter und Schwester zurück. Beide wurden in Auschwitz ermordet.

Nach den Stationen Schweiz, Frankreich, Belgien, Israel, erneut Zürich und Frankfurt kam der Tourismusexperte Tenné 1970 mit seiner zweiten Frau Inge nach Stuttgart und setzte sich seither unermüdlich für die christlich-jüdische Verständigung ein. »Er war ein großer Brückenbauer mit Tatkraft, Ausdauer und diplomatischem Geschick«, hob Martin Schairer, Bürgermeister und Vorsitzender der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit, hervor. »Die jüdische Gemeinde stünde ohne ihn heute nicht mitten in der Stuttgarter Gesellschaft, hoch angesehen.«

Visionär Als geradezu visionär bezeichnete Schairer die Bemühungen um den interreligiösen Dialog, für den Tenné sich im Haus Abraham und seit 2010 als Stifter des Stuttgarter Lehrhauses zusammen mit dem Ehepaar Lisbeth und Karl-Hermann Blickle engagierte. Seine Verdienste wurden mit vielen Auszeichnungen gewürdigt, darunter die Otto-Hirsch-Medaille, die Verdienstmedaille des Landes, der Deutsche Dialogpreis und zu guter Letzt das Große Verdienstkreuz.

»So soll ein Vorsteher in einer Gemeinde wirken«, betonte der ehemalige Landesrabbiner und Freund Joel Berger, der sich wünscht, der Geist von Tenné »möge auch den nachfolgenden Vorständen helfen«.

»Ich höre meinen Mann sagen, jetzt ist es genug, ich war doch nur einer von euch«, sagte Inge Tenné in ihren sehr persönlichen Worten des Dankes und der Erinnerung. »Er hatte vor allem ein Herz für Menschen, und ich bin stolz, ihn 46 Jahre lang begleitet zu haben. Es war eine wunderbare gesegnete Zeit.«

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