Essay

Eine tragische Illusion?

Was es mit der Debatte um die deutsch-jüdische Symbiose auf sich hat

08.03.2018 – von Micha BrumlikMicha Brumlik

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Seit einiger Zeit sind die Deutschen, das mag eine Folge der Globalisierung oder der Einwanderung sein, auf der Suche nach dem, was heute als »Identität« bezeichnet wird. An dieser Suche beteiligen sich auch andere: So hat der Publizist und Historiker Peter Watson schon 2010 sein Buch The German Genius. Europe’s Third Renaissance, the Second Scienti­fic Revolution, and the Twentieth Century publiziert, ein Werk, das hierzulande 2014 unter dem Titel Der deutsche Genius. Eine Geistes- und Kulturgeschichte von Bach bis Benedikt XVI. auf den Markt kam.

Vor allem aber hat der Heidelberger Literaturwissenschaftler Dieter Borchmeyer vor Kurzem einen etwa 1000 Seiten starken Band unter dem Titel Was ist deutsch? Die Suche einer Nation nach sich selbst vorgelegt. Borchmeyers achtes Kapitel trägt den Titel »Deutschtum und Judentum – eine tragische Illusion?« und handelt auf mehr als 100 Seiten ein Verhältnis ab, das in philosophischen und literarischen Werken von Wagner und Nietzsche über Hermann Cohen und Franz Rosenzweig bis hin zu Thomas Mann und Martin Walser seinen Ausdruck gefunden hat.

Physiognomie Bei Borchmeyer erfährt man nicht nur, wie sehr sich Dichter und Philosophen wie Heinrich Heine, Hermann Cohen oder Margarete Susman dem deutschen Wesen verpflichtet sahen, sondern sogar, dass deutsche Nationalisten des 19. Jahrhunderts die von ihnen ersehnte Nation dem Judentum nachempfunden haben. So etwa Ernst Moritz Arndt – dessen Namen die Greifswalder Universität seines Judenhasses wegen getilgt hat – in seiner Schrift Geist der Zeit aus dem Jahre 1806.

»Man hat uns Weltmenschen, allgemeine Philosophen«, schreibt Arndt, »Kosmopoliten genannt und Wunder gemeint, wie sehr man uns mit diesem Namen lobte. Man hätte uns die Juden des neuesten Europa nennen sollen, denn wie die Juden sind wir umher verstreuet und ihnen fast gleich geachtet; nur dass die Juden in ihrer ewigen Physiognomie noch mehr Stärke und Charakter verraten als die jetzigen Deutschen.«

Ist es vor diesem Hintergrund legitim, gegen Arndt danach zu fragen, welchen Anteil Juden an diesem »deutschen Genius« hatten? Und wurde dieser Genius nicht ausgerottet? Hatte am Ende der aus Deutschland stammende Kabbalaforscher und Freund Walter Benjamins, Gershom Scholem, recht, als er nach Krieg und Schoa feststellte, dass es eine deutsch-jüdische Symbiose niemals gegeben habe? Sei doch, so Scholem 1964, »die angeblich unzerstörbare geistige Gemeinsamkeit des deutschen Wesens mit dem jüdischen Wesen« auf der Ebene historischer Realität niemals etwas anderes als eine Fiktion gewesen, die zu hoch bezahlt worden sei.

Symbiose 1961 jedenfalls, im Februar, hielt Scholem im Hause Martin Bubers in Jerusalem eine Rede zu Ehren von Bubers deutscher Bibelübersetzung, die dieser 1924/25 gemeinsam mit dem 1929 verstorbenen Franz Rosenzweig in Angriff genommen hatte. In seiner Rede bezeichnete Scholem Bubers und Rosenzweigs geniale Übersetzung als »Grabmal einer in unsagbarem Grauen erloschenen Beziehung«. Immerhin: Wenn schon keine Symbiose, so doch – eine wenn auch nur einseitige – »Beziehung«.

Ein eindrückliches Beispiel für diese Beziehung lieferte der noch immer viel zu wenig beachtete Darmstädter Dichter Karl Wolfskehl (1869–1948), der – zunächst ein Anhänger Stefan Georges – Deutschland rechtzeitig, 1933, über die Schweiz und Italien in Richtung Neuseeland verließ. Aus seiner Feder stammt das wohl 1933 verfasste Gedicht »Die drei Welten«, in dem es heißt: »Verblieb ich ich, jüdisch, römisch, deutsch zugleich,/Ein Mann des Altreichs, bis ins Neue Reich/Der Wandlung Herr rief mich: ›Du, von ganz eh/ Ganz Ursprung, Gestern – Jüngst im Morgen steh.‹«

Freilich war die in diesem Gedicht zum Ausdruck gebrachte deutsch-jüdische Konstellation keineswegs, wie das etwa Borchmeyers Buch nahelegt, nur das Werk von Männern – im Gegenteil. Tatsächlich wurde der erwähnte »deutsche Genius« – Idealismus und Romantik – sehr wesentlich von drei in Berlin lebenden Frauen, von jüdischen Frauen, verkörpert, mehr noch: von ihnen vorangetrieben; von drei Frauen, die im Guten wie im Schlechten miteinander bekannt, befreundet, vertraut und zeitweise auch verfeindet waren.

salons Es geht um die nicht zuletzt aufgrund ihres beachtlichen Brief-Opus berühmte Rahel Levin, spätere Varnhagen, sodann um Brendel, die später zunächst als Dorothea Veit beziehungsweise als Dorothea Schlegel bekannte Tochter Moses Mendelssohns, sowie schließlich um Henriette Herz, die im Jahr 1764 in Berlin geboren wurde.

Ihre Salons, die übrigens Hannah Arendt zum Thema ihres ersten wichtigen Buches, des Buches über Rahel Levin, gemacht hat, basierten – und das war niemandem bewusster als den jüdischen Gastgeberinnen dieser Salons – auf einer gewollten, nicht mehr ständischen Traditionslosigkeit im Rahmen einer geistvollen Konversation, die sich genau deshalb frei entfalten konnte, weil sie eben ohne Beteiligung des damals entstehenden Bildungs- und Wirtschaftsbürgertums auskam. Hier, in den Salons der jüdischen Frauen, trafen sich adlige Beamte des preußischen Hofes, Juden sowie Angehörige der Boheme: Dichter, Sängerinnen und Schauspielerinnen.

Ob sich diese nur kurze gesellige Allianz – wie Hannah Arendt vermutet hat – aus einer gemeinsamen Opposition gegen das Bürgertum speiste oder sie nicht der spezifischen Offenheit jüdischer Frauen geschuldet war, von Frauen, die dank ihres Reichtums, ihrer aufgeklärten Männer und des entstehenden Kults der Empfindsamkeit wegen innige Freundschaften auch über Ehegrenzen hinweg unbefangen eingehen konnten, muss hier offenbleiben.

Nationalist Ein Zeitzeuge, der Theologe Friedrich Schleiermacher, intensiver Gast des Salons von Henriette Herz, schrieb damals seiner Schwester Charlotte: »Daß junge Gelehrte und Elegants die hiesigen großen jüdischen Häuser fleißig besuchen, ist sehr natürlich, denn es sind bei weitem die reichsten bürgerlichen Familien (...), bei denen man wegen ihrer ausgebreiteten Verbindungen in allen Ländern Fremde von allen Ständen trifft. Wer also auf eine recht ungenierte Art gute Gesellschaft sehen will, läßt sich in solchen Häusern einführen, wo natürlich jeder Mensch von Talenten, wenn es auch nur gesellige Talente sind, gern gesehen wird und sich gewiß amüsiert, weil die jüdischen Frauen (...) von allem zu sprechen wissen.«

Auf verquere Weise sollte der Antisemit und Nationalist Ernst Moritz Arndt recht behalten: Gershom Scholem, Martin Buber und Franz Rosenzweig, Karl Wolfskehl sowie die noch immer viel zu wenig gewürdigten jüdischen Frauen – Rahel Varnhagen, Dorothea Schlegel und Henriette Herz sowie einige Namen, die noch um viele, viele andere zu ergänzen wären wie Gertrud Kolmar, Mascha Kaléko, Charlotte Salomon, Margarete Susman, Else Lasker-Schüler, aber auch Glückel von Hameln und ihre Übersetzerin Bertha Pappenheim – Juden und Jüdinnen hatten allemal, wenn es denn derlei überhaupt gibt oder geben kann, wesentlichen Anteil am »deutschen Genius«.

Der Autor ist Publizist, emeritierter Professor für Pädagogik und lebt in Berlin.

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