Sachbuch

Tee mit Groys

Boris Groys (Archivfoto, 2003) Foto: picture-alliance / dpa

Im September 2024 treffen sich in Berlin zwei Emigranten aus verschiedenen Epochen. Der eine ist der Kulturphilosoph Boris Groys, der die Sowjetunion 1981 verließ. Die andere ist die Filmemacherin und Kuratorin Svetlana Baskova, die Russland 2024 den Rücken kehrte. Sie sprechen, und dabei trinken sie Tee. Darauf legt Baskova, die die Gespräche führt und das Buch verantwortet, ausdrücklich Wert.

Sechs Begegnungen mit insgesamt 30 Stunden Gespräch sind daraus geworden, und am Ende ein Buch, das für Groys eher ungewöhnlich ist. Gedruckt hat es die kleine unabhängige Plattform vidim books in Bratislava. Die Namen einiger Mitwirkender sind geschwärzt, um sie vor Verfolgung zu schützen. Gemeint ist wohl Russland, doch auch das wird nicht ausgesprochen. Erschienen ist der Band »Im Namen des Guten und des Friedens«. Die Druckqualität ist eindeutig mäßig, das Ganze erinnert an Samisdat, den Selbstverlag der Sowjetzeit, nur eben im digitalen Zeitalter. Genauso sehen auch die zahlreichen Fotos aus, die Groys mit diversen Akteuren der russischen und deutschen Kulturszene zeigen.

Wozu also diese Rezension? Manchmal ist auch von Interesse, was ein Rezensent während und nach der Lektüre empfindet. Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine und seine Erschütterungen, die längst die ganze Welt erfassen, kommen in diesem Buch mit keinem einzigen Wort vor. Das muss man erst einmal schaffen! Trotzdem hinterlässt es einen guten Nachgeschmack. Es fühlt sich an wie ein erfrischender Waldspaziergang. Und, oh Wunder, man spürt eine kleine, aber deutliche Stimmungsaufhellung in einer Krisenzeit, die nicht enden will.

An den Anekdoten aus Groys’ sowjetischem Leben, die er zum Besten gibt, liegt das nicht. Auch nicht an den Geschichten aus dem akademischen und kuratorischen Betrieb im Westen, vor allem in der Bundesrepublik und in den USA. Sie sind spannend, wirken aber wie Feuilleton aus einer vergangenen, abgebrochenen Ära. Das Namedropping liest sich wie ein Who’s who der westlichen Philosophie-, Kunst- und Medienszene der vergangenen Jahrzehnte. Auch das sorgt eher für einen kleinen, heimlichen Stolz: Wie viele russisch-jüdische Migranten haben die Gesellschaft so dauerhaft und so erfolgreich bespielt? Und das in vier Sprachen, auf Russisch, Deutsch, Englisch und Französisch.

Stutzig gemacht und regelrecht gepackt haben mich drei Gedanken, auf die Groys immer wieder zurückkommt.

Erstens: Bespiele die Welt mit ihrem eigenen Werkzeug, aber bleib dabei lokal. Wende dich von dem, was dich interessiert, nicht vorschnell ab, schon gar nicht aus Pathos oder Ideologie. Groys hat das Sowjetische immer stark beschäftigt, und genau daraus machte er seine Weltkarriere: mit einer äußerst unkonventionellen Analyse, seinem Klassiker »Gesamtkunstwerk Stalin« von 1988. Die Slawisten der Welt hassen ihn dafür, die einen still, die anderen laut. Er liebt sie offensichtlich auch nicht. Na, so what?

Zweitens: Was du erreichst, ist am Ende eine Frage des Charakters, und zwar des eigenen. Wenn du eine Wahl treffen und an deinem Weg festhalten kannst, intellektuell, aber auch moralisch und strategisch, dann tu diese oder jene Arbeit. Wenn nicht, lass es lieber. Sei ruhig eine Zeit lang rein kontemplativ unterwegs, wie der Held dieses Buches. Doch wenn du arbeiten musst, dann arbeite wie ein Tier. Wie er. Schlaflosigkeit, ein Wort, das Groys oft benutzt, kann dazugehören. Aber du hast ein Ziel.

Drittens: Die großen, von oben verordneten Diskurse können erstaunlich kurzlebig sein. Groys’ Beispiel ist der Antisemitismus des späten Stalinismus, der seine Eltern unmittelbar traf. Der inszenierte Volkszorn war ungeheuer, Ende der 40er- und Anfang der 50er-Jahre galten »die Juden« als Inbegriff des Bösen. »Dann starb Stalin, man sagte den Leuten, die Juden seien gar nicht so schuld gewesen, und am nächsten Tag war alles wieder vorbei. Das ganze tiefe Erleben des Volkes davor war plötzlich irrelevant.« Das gilt natürlich vor allem für autoritäre Gesellschaften. Aber auch wir in der Demokratie sollten an dieser Stelle hellhörig werden.

Zu Beginn des russischen Angriffskriegs dachte Groys noch öffentlich über die wachsenden Nationalismen in Europa und der Welt nach. Er meinte den russischen ebenso wie den ukrainischen und den deutschen. Danach schwieg er lange zu dem Thema. Ich vermute, ihm fehlte die Sprache, um über diesen Krieg nachzudenken. Vielleicht fehlt sie ihm bis heute.

Vor 17 Jahren gab mir Groys in Frankfurt ein Interview für die Ausstellung »Ausgerechnet Deutschland!« im dortigen Jüdischen Museum. Darin sprach er, ganz der vorsichtige Ironiker, von einer »klar spürbaren Tragödie in der Brust jedes deutschen Intellektuellen«. Die strahlten seine Gesprächspartner aus, sobald sie auf den Holocaust zu sprechen kamen. Diese »Tragödie in der Brust« hob sie natürlich in ihren eigenen Augen. So ein pathetischer Intellektueller will Groys heute offensichtlich nicht sein.

Svetlana Baskova: »Grojs o Grojse. Berlinskie besedy so Svetlanoj Baskovoj« – Groys über Groys. Berliner Gespräche mit Svetlana Baskova. vidim books, Bratislava 2026, 191 S., zahlreiche Fotos

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