Gesellschaft

Schützen und stützen

von Rabbinerin Gesa Ederberg

Wenn es um gesellschaftliche Debatten geht, ist ein Begriff derzeit in aller Munde: Familie. Und er wird inhaltlich der jeweiligen Diskussion angepasst. Fragt man nach dem Ursprung der Brutalität und Kriminalität von Jugendlichen, heißt die Antwort umgehend: die Familie. Wird ein neuer Fall bekannt, dass ein vernachlässigtes Kind zu Tode gekommen ist, lautet die Schlagzeile: Die Familie ist schuld. Gleichzeitig postuliert der Papst, Familie sei die Quelle und »unersetzliche Erzieherin« des Weltfriedens.
Ähnlich vielstimmig sind auch die Familienbilder der Tora. Kain ermordet seinen Bruder Abel – der erste Mord ist ein Brudermord. Ruth folgt ihrer Schwiegermutter Naomi freiwillig in die Fremde – die Bindung an sie ist größer als an die Heimat. Sara bringt ihren Mann Abraham dazu, ihre Magd Hagar und seinen Sohn Jischmael zu verstoßen – die erste Patchworkfamilie, in der beide Frauen mit ihren Kindern in einer WG zusammenwohnen, scheitert an Eifersucht. Joseph, das Lieblingskind des Vaters, wird von seinen Brüdern in die Sklaverei verkauft – nach Jahrzehnten gibt es ein Happy End. Jonathan liebt David. Der heiratet dessen Schwester Michal. Und König Saul, Vater Jonathans und Michals, versucht, seinen Schwiegersohn David umzubringen.
Die Tora zeichnet uns kein idealisiertes Bild der Kleinfamilie, bestehend aus Vater, Mutter, Kind und Hund, sondern gibt uns einen sehr realistischen Eindruck von Nähe und Verstrickungen. Dabei ist ganz deutlich, dass die Beziehungen nicht symmetrisch sind und dass »Liebe« nicht garantiert, ja noch nicht einmal eingefordert werden kann. Die Beziehung zu den Eltern soll eine der »Ehre« sein. Im Schma Israel heißt es zwar, dass man Gott lieben soll, aber Kinder soll man »lehren«. Auch ein klassischer rabbinischer Ehevertrag, eine Ketubba, spricht nicht von Liebe, sondern von Ernährung, Versorgung und Bekleidung. Das Grundelement von Familienbeziehungen ist also die Verpflichtung.
Damit scheint das Modell Familie eigentlich nicht in unsere Gegenwart zu passen, die wie nie zuvor geprägt ist von tatsächlicher und vermeintlicher Freiheit und Mobilität. Man wählt seinen Beruf, seinen Wohnort, seine Freunde – und möglicherweise bleibt nichts davon länger als einige Jahre. Man wählt seinen Traumpartner, und wenn der Traum verflogen ist, geht man mit mehr oder weniger großen Schmerzen wieder eigene Wege. Oft ist das ganze Dasein in »Lebensabschnitte« geteilt. Alles ist revidierbar, alles scheint möglich. Paare erleben ihre Beziehung jahrelang wie auf Probe. Häufig halten sie es für unvorstellbar, die Verantwortung für Kinder zu übernehmen. Sind die erst einmal geboren, fallen viele Wahlmöglichkeiten weg, aus der Bindung an die Kinder wird eine Bindung an Beruf und Ort.
Dass auch die festesten Beziehungen versagen oder sogar zum Albtraum werden können, dessen ist sich unsere Tradition sehr bewusst. An Jom Kippur lesen wir in der Synagoge das Verbot von sexuellem Missbrauch in der Familie, gerade in den Beziehungen, in denen Nähe zu Schutzlosigkeit werden kann. Wir können heute glücklich sein, in einer Gesellschaft zu leben, in der im Notfall Hilfe angeboten wird für die, die zu schwach sind, auf eigenen Füßen zu stehen und in der für den Einzelnen der Ausbruch aus zerstörerischen Beziehungen möglich ist.
Tatsächlich sind wir materiell nicht mehr auf Familie und familiäre Bindungen angewiesen. Es ist ein Glück, dass niemand nur des Versorgtseins wegen in unerträglichen Bindungen bleiben muss. Jedoch kann kein Mensch auf Dauer ohne Beziehungen leben. Im ersten Kapitel der Tora heißt es: »Es ist nicht gut, dass der Mensch alleine sei« – das Aufeinanderbezogensein ermöglicht uns erst das Menschsein. Und zum Ichwerden des Säuglings gehört es, zwischen sich selbst und der nährenden, allgegenwärtigen Mutter zu unterscheiden, sie nicht mehr als Teil des Ichs, sondern als das Andere, als ein Du wahrzunehmen.
Im geschützten Raum der Familie, in verpflichtenden und nicht beliebig aufgebbaren und ersetzbaren Beziehungen, können Kinder sich selbst als soziale Wesen ausprobieren und lernen, menschliches Miteinander zu gestalten. Und es ist gut, wenn diese Beziehungen so bindend sind, dass sie nicht beim ersten Krach und der ersten Enttäuschung auseinanderbrechen. Nur in stabilen Beziehungen ist Schwäche möglich, kann man sich aufeinander verlassen, statt in extremen Situationen verlassen zu werden. Es kommt nicht darauf an, das macht die Tora deutlich, wer genau zu einer Familie gehört, sondern wie man miteinander umgeht. Das kommt am Ende auch der Gesellschaft zugute.

Die Autorin ist Rabbinerin in der Jüdischen Gemeinde zu Berlin.

Sachsen-Anhalt

Gericht: AfD-Mitgliedern kann Waffenbesitzkarte entzogen werden

Mitglieder und Unterstützer der AfD in Sachsen-Anhalt haben gegen den Entzug ihrer Waffenbesitzkarte geklagt. Das Verwaltungsgericht Magdeburg wies die Klage ab. Nun entschied das Oberverwaltungsgericht.

 10.08.2026

Potsdam

Jüdische Gelehrsamkeit in berühmter Schlösserlandschaft - Rabbinerseminare im Wandel

Vor fünf Jahren wurde das Europäische Zentrum Jüdischer Gelehrsamkeit eröffnet - mit Rabbinerseminaren und einer Synagoge. Seitdem hat sich in der Rabbinerausbildung viel verändert. Wie geht es weiter?

von Leticia Witte  10.08.2026

Islamismus

Tagesspiegel-Vorwürfe gegen Karoline Preisler: Nun antwortet die FDP-Politikerin

Hatte sie einen jungen Mann wegen einer Vornamensgleichheit zu Unrecht als CSD-Attentäter verdächtigt? Preisler widerspricht und beklagt, die Zeitung habe sie nicht zu Wort kommen lassen

 30.07.2026 Aktualisiert

Washington D.C.

Trump: Netanjahu will, dass USA im Iran involviert bleiben

Unterschiedliche Interessen Israels und der USA sind im Iran-Krieg mehrfach zutage getreten. Kurz vor seinem Treffen mit Netanjahu deutet Trump an, dass die Differenzen nicht überwunden sind

 28.07.2026

In eigener Sache

Volontär/in gesucht

Wir suchen zum 15. Oktober 2026 einen Volontär (m/w/d) in Vollzeit

 06.07.2026

Holzstörche zur Geburt in Niederösterreich. Noch immer werden neben den klassischen Namen viele biblische Namen den Kindern gegeben.

Statistik

Diese hebräischen Vornamen in Österreich sind am beliebtesten

Österreichische Eltern wählen gern Klassiker. Unter den Top Ten sind auch viele Namen biblischen Ursprungs

von Nicole Dreyfus  04.07.2026

Bundesamt für Statistik

Dieser hebräische Vorname ist am beliebtesten bei Schweizer Eltern

Auch in der Schweiz wählen Eltern weiterhin häufig biblische Namen für ihr Neugeborenes

von Nicole Dreyfus  04.07.2026 Aktualisiert

Erhebung

Dieser hebräische Babyname ist in Deutschland am beliebtesten

Welche Namen geben Eltern ihren Sprösslingen in diesem Jahr am liebsten? In welchen Bundesländern gibt es Abweichungen?

 04.07.2026 Aktualisiert

Doha

Indirekte Gespräche zwischen Iran und USA sollen begonnen haben

Die Lage zwischen den USA und dem Iran bleibt weiter angespannt. Dennoch laufen nun Gespräche im Golfstaat Katar

 01.07.2026