Netzwerk jüdischer Frauen

Moderne Zeiten

von Erica Fischer

Schon zu Beginn der feministischen Bewegung in den späten 60er Jahren wurde bezweifelt, daß das biologische Frausein als Kitt für eine soziale Bewegung reicht. Die Frage wurde inzwischen beantwortet, die Erfolge sind unübersehbar, auch wenn das Ungleichgewicht zwischen den Lebensmöglichkeiten von Frauen und Männern nicht aufgehoben ist. Gleichzeitig war die Frage nach dem Kitt durchaus berechtigt, und nach der ersten Euphorie begann sich die Bewegung rasch auszudifferenzieren. Über das Frausein hinaus gibt es vielfältige ökonomische und kulturelle Bedingungen, die der viel beschworenen Sisterhood (Schwesternschaft) im Wege stehen.
Seit gut drei Jahren vernetzen sich mit für Deutschland verständlicher Verspätung auch die jüdischen Frauen. Als Jüdinnen haben sie immerhin eine Gemeinsamkeit mehr als die Frauen der Mehrheitsgesellschaft. Was jüdisch ist, definiert allerdings jede für sich unterschiedlich. Ein bundesweiter Kongreß des Netzwerks jüdischer Frauen hatte sich für das vergangene Wochenende in Berlin vorgenommen, Antworten auf die Herausforderungen der Moderne zu finden. Ein schwieriges Unter- fangen.
Die Debatte findet vor dem gesellschaftlichen Hintergrund eines drohenden oder schon stattfindenden Rückfalls in die Vormoderne statt. Gerade jüdische Frauen haben allen Grund, die Moderne zu verteidigen. Die pluralistische Gesellschaft, die Ach- tung der Menschenrechte und die Trennung von Staat und Kirche bilden die Voraussetzung für die Emanzipation von Juden und Frauen. Frauen und religiöse oder ethnische Minderheiten können sich als verletzbare Gruppen nur in einer entwickelten Zivilgesellschaft entfalten.
In ihren Gemeinden verankerte jüdische Frauen haben gegen massive Vorurteile und Behinderungen durch noch nicht in der Moderne angekommene Männer zu kämpfen. Schon allein deshalb gebührt ihnen die Solidarität ihrer säkularen Schwestern. Andererseits sind alle Jüdinnen wie ihre Männer von Antisemitismus und islamistischem Furor bedroht.
Die komplexe Gleichzeitigkeit der lebensnotwendigen Solidarität mit den Männern einer bedrohten Gruppe und der ebenso notwendigen Konfrontation mit ihnen entwickelte sich in der feministischen Bewegung schon bald zu einem Konflikt mit den Frauen der Mehrheitsgesellschaft. Und der kann nur durch einen Dialog überbrückt werden. Beim Kongreß des Netzwerks jüdischer Frauen gab es zwei Dinge, über die man sich leicht einigen konnte: Vormodernen Strömungen muß Einhalt geboten werden. Und in Deutschland haben Jüdinnen und Juden ihre Koffer ausgepackt. Deshalb ist jüdische Erziehung der Kinder und Jugendlichen von zentraler Bedeutung für die Zukunft.
An ihre Grenzen stößt Sisterhood dort, wo die Lebenswirklichkeiten zu weit auseinanderklaffen. Während der europäische Feminismus in seiner Blütezeit viele Impulse aus der US-amerikanischen Frauenbewegung bezog und auch heute immer noch bezieht, ist gerade die Situation jüdischer Frauen in den USA und in Deutschland kaum miteinander vergleichbar. Bei der Konferenz in Berlin hätten sich viele Teilnehmerinnen deshalb mehr Austausch mit Europäerinnen als mit den US-Amerikanerinnen gewünscht, die in großer Zahl als Vortragende eingeladen worden waren.
An ihre Grenzen stößt Sisterhood auch dort, wo alteingesessene Gemütlichkeiten ins Wanken geraten. Die als Minderheit behandelte weibliche Mehrheit in den jüdischen Gemeinden – die sogenannten Russinnen, die bekanntlich auch aus der Ukraine, Lettland und Kasachstan zu uns gekommen sind – führen weiter eine Randexistenz. Wenn man in Deutschland nicht ordentlich deutsch spricht, wird man für dumm gehalten, so die Erfahrung vieler.
Nun könnte man bei Juden und vielleicht noch mehr bei Jüdinnen eine gewisse Sensibilität gegenüber allzu simplen Verallgemeinerungen erwarten, denn das Bild von »dem Juden« und »der Frau« hat historisch betrachtet viel Unheil angerichtet. Bei Muslimen und Musliminnen hört die für die eigene Gruppe ganz selbstverständlich eingeforderte Differenzierung allerdings auf. Das war bei der Konferenz zu beobachten.
Das ist zwar nicht die Brücken schlagende dialogische Kompetenz, für die sich jüdische Frauen angeblich besonders eignen, doch die Auseinandersetzung mit Positionen, die nicht die eigenen sind, schärft das Denken. Das ist nur in der Heterogenität möglich. Und wo sonst könnte diese vorgefunden werden als in einem Netzwerk?

Ankara

Türkei bricht Handelsbeziehungen zu Israel ab

Der Handel der Türkei mit Israel belief sich im Jahr 2023 noch auf mehrere Milliarden US-Dollar. Nun bricht die Türkei alle Handelsbeziehungen zu Israel ab. Doch es ist nicht die einzige Maßnahme

 29.08.2025

Geburtstag

Popstar der Klassik: Geiger Itzhak Perlman wird 80

»Sesamstraße«, »Schindlers Liste« und alle großen Konzertsäle der Welt natürlich sowieso: Der Geiger gehört zu den ganz großen Stars der Klassik. Jetzt wird er 80 - und macht weiter

von Christina Horsten  29.08.2025

Bonn

Experte: Opfer mit Bewältigung von Rechtsterror nicht alleinlassen

Der erste NSU-Mord liegt beinahe 25 Jahre zurück. Angehörige der Opfer fordern mehr Aufmerksamkeit - und angemessenes Gedenken, wenn es um rechtsextreme Gewalt geht. Fachleute sehen unterschiedliche Entwicklungen

 29.08.2025

Frankfurt am Main

Michel Friedman will nicht für TikTok tanzen

Es handle sich um eine Plattform, die primär Propaganda und Lügen verbreite, sagt der Publizist

 28.08.2025

Geburtstag

Holocaust-Überlebende Renate Aris wird 90

Aris war lange stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Jüdischen Gemeinde Chemnitz und Präsidiumsmitglied des Landesverbandes Sachsen der Jüdischen Gemeinden. 1999 gründete sie den ersten jüdischen Frauenverein in den ostdeutschen Bundesländern

 25.08.2025

Nahost

Alabali Radovan besucht Palästinensergebiete: Hilfe im Fokus

Die Entwicklungsministerin will in Tel Aviv diese Woche Angehörige von Geiseln treffen und das Westjordanland besuchen

 25.08.2025

Würzburg

AfD-Mann Halemba wegen Volksverhetzung vor Gericht

Die Staatsanwaltschaft wirft dem bayerischen AfD-Landtagsabgeordneten Halemba auch Geldwäsche und Nötigung vor

von Angelika Resenhoeft, Michael Donhauser  21.08.2025

Ehrung

Ravensburger-Stiftung ehrt Bildungsstätte Anne Frank mit Preis

Es werde eine herausragende Bildungsinitiative gewürdigt, teilte die Stiftung mit

 20.08.2025

Athen

Israelische Firma übernimmt griechischen Rüstungsbauer

Griechenlands größter Hersteller von Militärfahrzeugen ist nun komplett in israelischer Hand. Die strategische Zusammenarbeit im Verteidigungssektor wird damit weiter vertieft

 20.08.2025