Pessachfest

»Auf eine hoffnungsvolle Zukunft«

Wir feiern an Pessach eine hoffnungsvolle Wende in der Geschichte unserer Vorfahren. G‘tt half damals den Israeliten in ihrer Not und schenkte ihnen die Freiheit. Nach den Jahren in der ägyptischen Sklaverei zog das Volk Israel aus dem Land seiner Knechtschaft aus auf der Suche nach einer neuen Heimat, in der es ein Leben in Freiheit und unter menschenwürdigen Umständen führen wollte. Der Auszug aus Ägypten war sowohl mit der Gewissheit verbunden, dass die Zeit des Schreckens vorüber war, als auch mit der Hoffnung auf eine bessere Zukunft.
Im Laufe der Geschichte hat das jüdische Volk unendlich viele Höhen und Tiefen durchleben müssen. Die jahrtausendealte Geschichte war zu oft geprägt von Unterdrückung und Verfolgung, die ihre radikalste Zuspitzung in der Schoa fand. Sie war aber auch geprägt von Zeiten der Hoffnung auf einen Neuanfang, die ein Lichtblick in der Dunkelheit waren.
Wenn wir 60 Jahre zurückblicken, haben wir – die wir nach den Zeiten der Entrechtung und dem Genozid am jüdischen Volk in diesem Land geblieben sind – wieder Zuversicht schöpfen können. Denn mit der Gründung der Bundesrepublik Deutschland konnten auch wir uns wieder auf demokratische Grundrechte wie Freiheit, Gleichheit und die Achtung der Menschenwürde berufen und diese einfordern. Wir waren nicht mehr die Rechtlosen, die ihrem grausamen Schicksal hilflos ausgeliefert waren.
In den 60 Jahren konnten wir ein neues Selbstbewusstsein erlangen und sind heute wieder mitten in der Gesellschaft angelangt. Wir gehören einfach dazu und führen unser Leben im Glauben unserer Vorfahren. Wir vertrauen auf G‘tt, dass er unsere Gebete erhören und die Freiheit unseres Volkes dauerhaft sicherstellen wird – wie damals bei den Israeliten.
Dennoch dürfen wir die demokratischen Grundrechte, die es auch heute noch mit aller Entschiedenheit zu verteidigen gilt, nicht als selbstverständlich erachten. Auch wenn wir uns daran gewöhnt haben, in einer freien, aufgeklärten Gesellschaft zu leben, sollten wir die drohenden Gefahren durch die Ewiggestrigen nicht außer Acht lassen. Denn noch immer versuchen Rechtsextremisten, die Grundrechte unserer Gesellschaft auszuhebeln und auf zynische Weise das demokratische System für ihre menschenverachtenden Zwecke zu missbrauchen. Sie nutzen jede sich bietende Gelegenheit, um die Grundfesten der Demokratie zu unterwandern und marschieren fast wöchentlich durch deutsche Städte, um gegen das jüdische Volk und andere Minderheiten zu hetzen, was dieser Staat leider mit demokratischen Mitteln bislang nicht verhindern konnte. Dass ausgerechnet die schlimmsten Demokratiefeinde die Demokratie für ihre perfiden Machenschaften instrumentalisieren können, ist die größte Schwachstelle der Demokratie, die wir nicht so einfach hinnehmen sollten. Denn eine rein politische Bekämpfung von Neonazis – auf der politischen Bühne – kann nicht im Sinne der Gründerväter dieses Landes gewesen sein. Wir lassen uns dennoch nicht entmutigen und bauen auf die Hoffnungen, die wir vor 60 Jahren in die deutsche Heimat gesetzt haben. Es waren ähnliche Hoffnungen, die wir ein Jahr zuvor auch mit der Gründung des Staates Israel, unserer geistigen Heimat und der einzigen Demokratie im Nahen Osten, verbunden haben. Denn Israel ist das alleinige Rückzugsgebiet für das jüdische Volk in der Diaspora, das im Falle einer existenziellen Bedrohung seine Grenzen immer offen halten wird. Wir können auf Israel zählen und Israel kann sich auch auf unsere Solidarität verlassen – gerade in schwierigen Zeiten, wenn die öffentliche Meinung sich gegen Israel verschworen hat und selbsternannte Gutmenschen ausschließlich den jüdischen Staat als Sündenbock im Nahost-Konflikt stigmatisieren.
Wir stehen auch fest an der Seite Israels, wenn der UN-Menschenrechtsrat – vertreten durch totalitäre Staaten wie Saudi-Arabien, Kuba und China – in der vermeintlichen Menschenrechtskonferenz Durban II versucht, die einzige Demokratie im Nahen Osten an den Pranger zu stellen. Eine Teilnahme an dieser Alibikonferenz, die federführend von Libyen und Iran vorbereitet wird, können demokratische Staaten nicht ernsthaft in Erwägung ziehen. Zu viele Fragen bleiben unbeantwortet. Denn wie können menschenverachtende Regime über andere Staaten urteilen und gleichzeitig die eklatanten Menschenrechtsverletzungen in den eigenen Ländern ausklammern? Wie können Länder, die fundamen- talistische Islamisten mit Waffen beliefern und deren asymmetrische Kriegsführung im Schutze der Zivilbevölkerung tolerieren, zu Wächtern über die Menschenrechte werden? Wie kann ein Staat wie der Iran, der Israel von der Landkarte ausradieren möchte, glauben, über die einzige Demokratie im Nahen Osten richten zu können?
Es ist offensichtlich, dass nicht ein mehr als zweifelhaftes UN-Gremium zur Wahrung der Menschenrechte beitragen kann, sondern intakte Demokratien, die auf Gewaltenteilung basieren und die Grundrechte aller Menschen in gleichem Maße achten. Wir sollten gerade deshalb die demo- kratische Gesellschaftsordnung als hohes Gut wertschätzen und stets dazu bereit sein, sie im Bedarfsfall zu verteidigen. Denn die freiheitliche Grundordnung ist auch ein Garant dafür, dass jüdisches Leben weiter aufblühen kann und es ein Miteinander der Kulturen in gegenseitiger Toleranz geben kann. Wir dürfen dabei jedoch unseren Optimismus, der schon unseren Vorfahren beim Auszug aus Ägypten geholfen hat, nicht verlieren. Im Sinne unserer Vorfahren wollen auch wir gestärkt durch unseren Glauben den Weg in eine noch bessere Welt beschreiten, in eine Zukunft voller Hoffnung.
In diesem Jahr steht Pessach, das Fest der Freiheit, ganz im Zeichen von 60 Jahren Bundesrepublik und 60 Jahren freiheitlicher Grundwerte, für die wir dankbar sein sollten. Zum Pessachfest wünsche ich der jüdischen Gemeinschaft eine besinnliche und gute Zeit und dem Staat Israel den langersehnten Frieden.

Chag Pessach Sameach!

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