Essay

Der Oberlehrer

Eine Empörung von Esther Schapira und Georg M. Hafner aus gegebenen Anlass

Aktualisiert am 26.05.2017, 09:21 – von Georg M. HafnerGeorg M. Hafner und Esther SchapiraEsther Schapira

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In der deutschen Bundesbesoldungsordnung ist er längst abgeschafft, aber er lebt weiter als Nachbar, als Autofahrer, an der Supermarktkasse, als Kollege: der Oberlehrer.

Er ist schlauer als alle anderen, und er muss es alle wissen lassen. Ihm zu entkommen, ist schwer. Unglücklicherweise haben sich Oberlehrer seit vielen Jahren ein Betätigungsfeld gesucht, zu dem sie sich auch ungefragt gerne zu Wort melden: den Nahen Osten. Heikel, sensibel – und vor allem weit weg. Dort wissen sie genau, was richtig und zu tun ist.

Wenigwisser Der Oberlehrer hat dauernd Tipps parat, die keiner braucht und nach denen auch keiner gefragt hat. Der Oberlehrer diskutiert nicht. Er diktiert. Wolf Biermann nannte das »die unerträgliche Besserwisserei der Wenigwisser«. Aber warum ausgerechnet der Nahostkonflikt? Warum müssen ausgerechnet die Kinder und Kindeskinder derer, die Juden planmäßig auszulöschen versuchten, den Überlebenden und ihren Familien Ratschläge erteilen, wie sie sich anständig verhalten sollen?

Nach einer jüngsten Forsa-Umfrage glaubt eine satte Mehrheit von 71 Prozent, die Deutschen sollten Israel ruhig verstärkt die Meinung sagen und die, wie es der »Spiegel« nannte, »historisch bedingte Sonderbehandlung« (!) überwinden. Wir leben in Milieus, in denen es unausgesprochene Regeln des sozial Erwünschten gibt. Es gehört sich nicht, gegen die Gleichberechtigung der Frauen, gegen Schwule oder Lesben, Rassist oder Antisemit zu sein. Wer anders denkt, schweigt und wählt dann heimlich AfD. Aber je mächtiger das Gefühl wird, diese Regeln endlich auch für eine stumme Mehrheit durchbrechen zu müssen, umso größer wird der Drang, es dann doch auch laut zu sagen. Gerne eingeleitet mit einem Freispruch in eigener Sache: »Man wird ja noch mal sagen dürfen ...«

Natürlich darf man, die Frage ist nur, warum man sich gedrängt fühlt, warum man unbedingt muss. Dient die obsessive Kritik an Israel der Abwehr tiefsitzender eigener Schuldgefühle? Je mehr wir auf das Schuldenkonto des Judenstaates abbuchen, umso mehr kann vom eigenen Schuldbuch ausgetragen werden. Jede Nachricht über den Ausbau einer Siedlung oder gar die Gründung einer neuen wird fast dankbar aufgenommen, weil sie den Hass auf Israel rationalisiert und legitimiert.

Kritik »Unfug«, entgegnet der Oberlehrer und doziert, dass man gerade Freunde nicht schonen dürfe. Je tiefer die Freundschaft umso heftiger die Kritik. So gesehen, ist es um die deutsch-israelische Freundschaft, gut bestellt. Der deutsche Bischof, der sich nicht schämt, das Warschauer Ghetto in einem Atemzug mit Ramallah (»Ghetto Ramallah«) zu nennen, ein ausrangierter konservativer Sozialpolitiker, der Israel ungefragt und immer wieder einen »hemmungslosen Vernichtungskrieg« gegen die Palästinenser vorwirft, eine ehemalige linke Generalsekretärin, die von »gemeinsamen Werten« mit der Fatah schwärmt – die Liste der Oberlehrer ist lang. Vehement fordern sie alle das Recht auf ungehinderte öffentliche Kritik am jüdischen Staat, so vehement, dass selbst eine vorsichtige Nachfrage, wie fair und berichtigt diese Kritik sei, als unanständig und als Angriff auf die Meinungsfreiheit gegeißelt wird.

Der Oberlehrer lernt gerne Formeln auswendig, da ist er auf der sicheren Seite: »Israel in den Grenzen von 1967«, »die Siedlungen räumen«, »das Land zurückgeben« und klar: »zwei Staaten. Einen für die Palästinenser, einen für die Juden«. Fantasie ist nicht sein Ding. So kann er sich nicht vorstellen, dass Juden und Palästinenser nicht nur in Israel, sondern künftig auch in einem Staat Palästina gleichberechtigt leben könnten. Er träumt lieber von einer ethnischen Säuberung, die er sonst weltweit geißelt. Auch kann er sich nicht vorstellen, dass, wer einen Krieg anzettelt, führt und ihn verliert, dafür einen Preis zahlen muss und nicht hinterher so tun kann, als habe es diesen Krieg nicht gegeben. Dabei ist Ostpreußen doch auch perdu, und das wunderschöne Sudentenland sowieso.

In jedem Oberlehrer steckt aber immer auch eine ordentliche Portion von »Eitelkeit, Grausamkeit und Überheblichkeit«, wie Kurt Tucholsky dem Verwandten des Oberlehrers, dem Primus, bescheinigte. So ist seine Empathie für die unterdrückten Palästinenser nur so lange von Belang, wie der Unterdrücker Israel ist. Als Palästinenser zu Tausenden im Lager Jarmuk in Syrien ermordet und vertrieben wurden, rührte sich keine Oberlehrerhand, und auch die Arabische Liga hielt fein die Füße still.

doppelstandards Oder die Friedens-Oberlehrer: Für die Ostermarschierer war Israel in ihrem diesjährigen Marschaufruf ein »autoritäres und reaktionäres Regime«, in einem Atemzug mit der Türkei, Saudi-Arabien und Katar. Natürlich wissen sie, dass Israel die einzige Demokratie im Nahen Osten ist, aber im Iran werde schließlich auch gewählt, halten sie entgegen. Hinrichtungen, Verhaftungen, Folter, alles wie in Israel? Das natürlich nicht, heißt es dann gönnerhaft, während der Mund zu Hinrichtungen in Gaza oder Schwulenverfolgung im Westjordanland eisern verschlossen bleibt.

Oder »Pax Christi«. Die Organisation mit dem »Frieden« als Markenkern tourt gegenwärtig mit einer Ausstellung gegen den Unterdrückerstaat Israel durch die Lande. Mauer Museum Bethlehem heißt die Propagandaschau, präsentiert im Kreuzgang des Essener Domes. Auf 15 wetterfesten Tafeln wird das Leid der Palästinenser beklagt, die sich aber durch ihr »Durchhaltevermögen, ihre Menschlichkeit und manchmal ihren Humor« nicht unterkriegen lassen, wie es in der Ausstellung heißt. Für die Auflistung der Mordanschläge auf die israelische Zivilbevölkerung haben die Pappen nicht mehr gereicht.

In ihrer bundesweiten Aktion »Besatzung schmeckt bitter« fordert »Pax Christi« den deutschen Genussmenschen auf: »Melden Sie Lebensmittel, deren Herkunft Ihnen unklar ist.«

»Kauft nicht bei Juden«? Ach was!

Märtyrer-Rente Der Oberlehrer verkleidet sich auch gerne als Komiker. Der Satiriker und Europaabgeordnete Martin Sonneborn »würde Netanjahu mit ein paar Planierraupen besuchen, ihm das Wasser abstellen und ihn ein bisschen anderweitig demütigen«. Hier läuft sich der Oberlehrer warm für eine palästinensische Märtyrer-Rente, die jedem zusteht, der mit Messer, Autos oder – warum auch nicht – mit Planierraupen gegen Juden vorgeht. 100 Millionen Euro fließen schätzungsweise jedes Jahr an Gefangene und Terroristen. Da kommt es auf einen Sonneborn mehr oder weniger auch nicht an.

Warum können all diese Oberlehrer nicht ertragen, dass sich Juden wehren, dass sie aus der Geschichte andere Konsequenzen ziehen als ihre früheren Peiniger?

Tzwi Zamir, der als Chef des Mossad hilflos mitansehen musste, wie elf israelische Sportler bei den Olympischen Spielen 1972 in München ermordet wurden, hat einmal gesagt: »Der Schutz der Juden ist Sache der Juden, keiner wird das übernehmen. Es gibt Hilfe und Sympathie, aber um zu schützen, muss man bereit sein, auch mit Blut zu zahlen, und das tut keiner.« Zuallerletzt übrigens der Oberlehrer.

Esther Schapira ist Ressortleiterin Zeitgeschehen beim Fernsehen des Hessischen Rundfunks. Zusammen mit Georg M. Hafner schrieb sie »Israel ist an allem schuld« (Eichborn 2015).

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