Erfurt

Zwölf Monate Kulturerbe

Das Tor zur Ewigkeit ist im Judentum nicht der Tod, sondern das Leben», das erklärte Mark Dainow, Vizepräsident des Zentralrats der Juden, am vergangenen Sonntag im Erfurter Ratshausfestsaal. Anlass für seinen Besuch in Thüringen war die Übergabe der UNESCO-Urkunde für das «Jüdisch-Mittelalterliche Erbe».

In seinem Grußwort verwies er darauf, dass «seit 1700 Jahren in Deutschland und seit 900 Jahren in Thüringen Juden zu Hause und auch nicht zu Hause» seien. «Die Geschichte jüdischer Bauten und Orte ist aus jüdischer Sicht auch eine Geschichte der Verluste. Aus Tätersicht ist es ein willentliches Zerstören bis hin zur Vernichtung», beschreibt Mark Dainow die zunehmend schwer zu ertragende Situation des jüdischen Volkes in der Dias­pora.

Seit Spätsommer 2023 gehören die mittelalterlichen Stätten Erfurts zum Welterbe.

Zu den Welterbestätten zählen seit dem 17. September vergangenen Jahres die Alte Synagoge, die Mikwe und das Steinerne Haus als Profanbau. An dem Tag entschied das UNESCO-Welterbekomitee, diese Zeugnisse jüdischer Kultur im Mittelalter auf die Welterbeliste zu setzen – nur zwei Jahre nach der Anerkennung der SchUM-Städte. Damit endete ein 15 Jahre währender Weg zum begehrten UNESCO-Titel.

Im Jahr 2008 hatte der Erfurter Stadtrat entschieden, den Antrag auf das Welterbe für die mittelalterliche Synagoge und die Mikwe zu stellen. Später kam das Steinerne Haus hinzu.

Maßgeblich trugen zu diesem Erfolg die beiden UNESCO-Beauftragten Erfurts, Maria Stürzebecher und Karin Sczech, bei. Katja Keul, Staatsministerin im Außenministerium, lobt vor der Übergabe der UNESCO-Urkunde Stürzebechers und Sczechs herausragende Leistung auch im Bereich Forschung – über Jahrzehnte hinweg.

Wiederentdeckung der jüdischen Stätten

«Die Wiederentdeckung der jüdischen Stätten erfüllt uns mit Ehrfurcht und Demut», so Keul. Die Bauten zeugten von Leben, Wohlstand und auch von Vertreibung und Wehmut. Kulturminister Immanuel Hoff, zugleich Landesbeauftragter für jüdisches Leben und Chef der Thüringer Staatskanzlei, bringt es auf den Punkt: «Über jüdisches Leben lässt sich nur sprechen, wenn auch über das gebrochene jüdische Leben gesprochen wird.»

Erfurts neuer Oberbürgermeister, Andreas Horn (CDU), beschreibt erste Auswirkungen des Welterbe-Titels. So seien die Besucherzahlen in der Alten Synagoge und in der Mikwe in diesem Jahr bislang um 44 Prozent im Vergleich zum Vorjahr gestiegen.

Hinter dem Rathaus werden weitere Zeugnisse jüdischen Lebens vermutet.

Angesichts dieser Besucherzahlen werde auch klar, dass die Planung und Entwicklung eines Weltkulturerbe-Informationszentrums zwingend sei – und zwar auf dem derzeitigen Parkplatz hinter dem Rathaus. Dort befinden sich weitere Zeugnisse jüdischen Lebens. Diese Schätze auch zu heben, ist ebenso wenig ein Zufall wie die Entdeckung der verschütteten Mikwe.

Übergabe der UNESCO-Welterbe-Urkunde

Der vergangene Sonntag stand ganz im Zeichen der Übergabe der UNESCO-Welterbe-Urkunde, die knapp ein Jahr nach der Verleihung des Titels in Riad ausgehändigt wurde. Künstlerisch gestaltet und begleitet wird das Fest mit seinen Vorträgen, Diskussionsrunden und Führungen rund um das jüdische Quartier in der Erfurter Altstadt von den Initiatoren des Yiddish Summer Weimar.

Eigentlich hatten sich die Initiatoren des Welterbe-Weges den 1. September als Jahrestag und Freudenfest mit Urkunden-Übergabe auserkoren. Denn an diesem Tag findet zeitgleich in 30 Ländern der Europäische Tag der jüdischen Kultur statt. Doch an diesem Tag wird in Thüringen ein neuer Landtag gewählt.

Gibt es im Leben Zufälle? Darüber mögen Philosophen streiten. Doch dass ausgerechnet am vergangenen Sonntag auf den Erfurter Domstufen vom Erfurter Theater das Musical Anatevka aufgeführt wurde, wirkt wie eine Mahnung. Prägnanter lässt sich kaum im Alltag gefährdetes jüdisches Leben beschreiben.

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