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Zwei Muttersprachen

Jungunternehmerin und Mutter: Nelly Kranz Foto: Christian Rudnik

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Zwei Muttersprachen

Nelly Kranz denkt auf Deutsch, träumt auf Hebräisch und schafft Kontakte zwischen Unternehmen

von Nelly Kranz  25.06.2020 08:00 Uhr

Ich heiße Nelly Kranz, bin 27 Jahre und lebe in München. Zwei Muttersprachen, zwei Heimaten, zwei Herzen in einer Brust: Ich bin in München geboren und aufgewachsen. Meine Mutter kommt aus Tel Aviv und mein Vater aus München. Ich denke auf Deutsch und träume auf Hebräisch. Dieser Background hat mich nicht nur privat, sondern auch beruflich sehr geprägt.

Nach dem Abitur machte ich Alija – wanderte nach Israel aus, um dort in der Presseeinheit der IDF (Israel Defence Forces – Israelische Verteidigungsstreitkräfte) zu dienen. Das Zusammenbringen deutscher Medienvertreter mit hochrangigen Offizieren weckte in mir ein unstillbares Interesse für die Umsetzung von hoch professionellen Delegationsreisen nach Israel.

armeedienst Nach meinem Armeedienst studierte ich Politikwissenschaft am IDC Herzliya (Interdisciplinary Center Herzliya). Parallel habe ich für israelische Start-ups gearbeitet und auf Delegationsreisen deutsche Unternehmer und Politiker als studentische Dolmetscherkraft und Projektleiterin betreut.

In Israel lernte ich meinen Mann kennen – ein gebürtiger Berliner, der wie ich nach dem Abitur nach Israel zog. Kurz nach der Hochzeit entschlossen wir uns, nach Deutschland zurückzukehren, um unserer Karriere- und Familienplanung in der Nähe unserer Eltern nachzugehen.

In München angekommen, machte ich aus meiner Passion eine Profession und gründete »Nelly’s Network«.

In München angekommen, machte ich aus meiner Passion eine Profession und gründete »Nelly’s Network« mit dem Ziel, Israels politische, wirtschaftliche und wissenschaftliche Branchen in maßgeschneiderten Delegationsreisen mit deutschen Vertretern zu vernetzen.

REISEN Nelly’s Network kombiniert deutsche Zuverlässigkeit und orientalische Spontanität, welche essenziell für eine gelungene Reise durch Israel sind. Durch langjährige private und professionelle Erfahrungen in Israel bietet Nelly’s Network ein Netzwerk zu hochrangigen Politikern, wissenschaftlichen Einrichtungen, Armeevertretern sowie Persönlichkeiten aus Entertainment und Sport.

Deutschland als Basis zu nehmen, hat mehrere Gründe. Obwohl das »Core Business« die Reisen nach Israel sind, ist mir die Nähe zum Kunden besonders wichtig. Sowohl für die Akquise als auch für die richtige Betreuung vor und nach einer Reise. Die Delegationsreise soll mit der Rückkehr nach Deutschland nicht vorbei sein, sondern weiterhin nachhaltige Impulse und Inspiration geben.

Die deutsche und die israelische Business-Mentalität sind ein sich ergänzendes Puzzle – wenn man die Stücke richtig zueinander fügt! Deutsche Organisation, langjährige Erfahrung und langfristiges Planen, kombiniert mit israelischer Kreativität, Risikofreude und Chuzpe sind aus meiner Sicht ein Erfolgsrezept.

rückkehr Persönlich war die Rückkehr nach Deutschland nach sechs Jahren Israel nicht ganz so einfach. In persönlichen Entscheidungen spielen dann doch die Emotionen gegen die rationalen Gründe eine große Rolle. Die Erfahrung, sechs Jahre lang nicht als Minderheit wahrgenommen zu werden und sich nicht ständig erklären zu müssen, waren in meiner Entwicklung und meiner jüdischen Identität wahnsinnig wichtig. Die deutsche und die israelische Business-Mentalität sind ein sich ergänzendes Puzzle.

Die deutsche und die israelische Business-Mentalität sind ein sich ergänzendes Puzzle.

Berufliche Herausforderungen habe ich bezüglich meiner Religion keine gehabt. Dennoch steht mit Nelly’s Network natürlich auch immer meine »exotische« Identität im Vordergrund – für mich nichts Schlechtes, sondern eher eine Chance, Israel und das Judentum den Menschen in Deutschland näherzubringen.

Ich habe für mich festgestellt, dass man nirgends 100 Prozent haben kann und für sich selbst den Ort finden muss, an dem man 80 Prozent hat und 20 Prozent vermisst, und nicht umgekehrt – das ist für mich in München der Fall.

Deshalb ist meine Profession auch wirklich meine Passion, denn ich habe das große Glück, so meine beiden Welten zu verbinden und Menschen durch Begegnungen einander näherzubringen.

STart-Up Um den jüdisch-muslimischen Dialog voranzutreiben, sehe ich eine Chance in der Start-up-Branche. Man muss sich weiter vernetzen, Geschäfte machen und dafür auch in der eigenen Community werben. Offenheit und Dialog sind für uns alle eine Win-win-Situation. Es hat sich als sehr gut erwiesen, in einem heterogenen Team zu arbeiten.

Die Herausforderungen und persönlichen Erfahrungen als Minderheit in Deutschland verbinden uns. Die daraus resultierende Risikoaffinität kommt aufgrund des Migrationshintergrundes und des unausweichlichen »Erklärens und Rechtfertigens« natürlicher und kann im Businesskontext und vor allem in der Selbstständigkeit und der Gründung eines Unternehmens viele Vorteile mit sich bringen.

Für die Zukunft hoffe ich weiterhin, mit Nelly’s Network viele deutsche Unternehmer, Politiker und Kulturschaffende nach Israel zu bringen und damit nachhaltige, tolle und inspirierende Begegnungen zwischen Deutschen und Israelis zu schaffen. Im Jahr 2020 sein eigenes Unternehmen zu haben, ist etwas sehr Besonderes. Trotz der großen wirtschaftlichen und sozialen Herausforderung, welche das Coronavirus mit sich bringt, sollten wir stets versuchen, das Positive darin zu sehen. Ich glaube fest daran, dass alles einen tieferen Sinn hat.

Ich habe für mich festgestellt, dass man nirgends 100 Prozent haben kann und für sich selbst den Ort finden muss, an dem man 80 Prozent hat und 20 Prozent vermisst, und nicht umgekehrt.

Ich habe im Dezember 2019 meine Tochter zur Welt gebracht und war schon nach drei Wochen wieder im Büro – natürlich mit ihr im Schlepptau. Nelly’s Network hatte für das Jahr 2020 von März bis Juni und von Oktober bis Dezember pro Monat ein bis drei Projekte geplant, welche alle aufgrund der Corona-Krise abgesagt oder verschoben werden mussten.

Corona erlaubt es mir, mich voll und ganz auf das größte Wunder der Welt zu konzentrieren und viel Zeit mit meiner Tochter zu verbringen. Wir sind in unserem normalen Alltag immer unterwegs, rennen von A nach B, ohne einen Moment innezuhalten und um das zu genießen und zu schätzen, was direkt vor uns steht – das Zuhause, die Familie und auch uns selbst.

Der Text ist in dem neuen Buch »Impulse geben! Jüdische und muslimische Gründer im Gespräch« erschienen. Es handelt sich dabei um den zweiten Band der »Schalom Aleikum«-Reihe, herausgegeben vom Zentralrat der Juden in Deutschland (Hentrich & Hent­rich, Berlin/Leipzig 2020, 84 S., 23 Illustrationen, 12,90 €). Abdruck des gekürzten Textes mit freundlicher Genehmigung der Projektleitung und der Autoren.

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