Ausstellung

Wo das Edelweiß blüht

»Wenn ich vor Gott stehen werde, wird der Ewige mich fragen: Hast du meine Alpen gesehen?« Dieser Satz wird dem Begründer der jüdischen Neoorthodoxie, dem Frankfurter Rabbiner Samson Raphael Hirsch zugeschrieben. Die darin formulierte Frage des Ewigen ist nun zum Titel einer Ausstellung im Münchner Alpin Museum geworden. Ihr Thema: die ganz besondere Beziehung zwischen dem höchsten Gebirge im Inneren Europas, den Alpen, und jüdischen Bergsteigern, Forschern, Sammlern, Künstlern und Literaten.

Die Rolle der jüdischen Alpinisten als Pioniere in der Entwicklung des modernen Ski- und Bergtourismus kann kaum unterschätzt werden. Auch in der Entwicklung des Genres des Bergfilmes in den 20er-Jahren spielen jüdische Regisseure eine bedeutende Rolle. »Wir erzählen von Menschen, Orten und Objekten. Wir bringen ihre Geschichten assoziativ und quer durch die Zeit«, erklärt Hanno Loewy, einer der beiden Kuratoren der Ausstellung.

Symbiose Bei der Ausstellungseröffnung betonte die Präsidentin Charlotte Knobloch, die selbst seit vielen Jahren gerne in den Bergen unterwegs ist, die Ausstellung zeige »jüdisches Leben in den Bergen, wie es war und wie es auch sein soll«. Sie spanne den Bogen weit und beziehe die Zeit mit ein, in der »Juden und Nichtjuden in Symbiose gelebt haben«. Die Ausstellung wurde vom Jüdischen Museum Hohenems und dem Jüdischen Museum Wien konzipiert. Für die Münchner Ausstellung haben die beiden Kuratoren Hanno Loewy und Gerhard Milchram den Schwerpunkt auf die spezielle Situation in München und Deutschland und hier vor allem auf die deutschen Sektionen des Alpenvereins gelegt. In dieser besonderen Beziehungsgeschichte begegnet man in der Ausstellung dem ersten Juden des Deutschen Alpenvereins, dem gebürtigen Fürther Ignaz Ortenau, dem Kaukasusforscher Gottfried Merzbacher, Josef Donabaum, dem langjährigen dritten Vorsitzenden des Alpenvereins, dem damals besten Kletterer Paul Preuß und nicht zuletzt dem weltberühmten Philosophen Theodor Adorno, oder dem nicht weniger bekannten Komponisten Gustav Mahler.

Trachten Die einzelnen Exponate stammten aus mehr als 40 verschiedenen Sammlungen. Spannende Fotos, Dokumente oder einzigartige, persönliche Objekte wie die Ausrüstung des Bergsteigers Paul Preuß, ein Wanderstock von Sigmund Freud, die Miesbacher Bauerntruhe oder ein Fahrrad von Theodor Herzl sind hier zu besichtigen. Die Münchner Familie Wallach, die zu den Pionieren der Trachtenmode gehörte und mehrere Generationen mit Trachtenanzügen versorgte, ist ebenfalls in der Ausstellung gewürdigt. Denkwürdiges Detail dabei: Im Jahr 1938 wurde den Juden verboten, Trachten zu tragen. Die Ausstellung beleuchtet auch die tragische Seite. Noch bevor die Nationalsozialisten mit der »Endlösung der Judenfrage« begannen, wurde schon Anfang der 20er-Jahre im österreichischen Alpenverein die »Arisierung« durchgesetzt. Ein Großteil der jüdischen Mitglieder wurde ausgeschlossen. Die jüdischen Alpinisten und ihre nichtjüdischen Freunde gründeten daraufhin die Vereinssektion »Donauland«. Doch an den Hütten vieler österreichischer, aber auch an 13 Hütten der Münchner Sektionen wurden Plakate aufgehängt: »Juden und Mitglieder des Vereins Donauland sind hier nicht erwünscht.«

Ein rote Kippa mit Edelweiß, Enzian und Almrausch wurde in den 50er-Jahren in Tel Aviv hergestellt und findet sich auch unter den Ausstellungsobjekten. Es ist ein Geschenk, das 1958 eine Emigrantin ihrem in Wien geborenen Neffen machte. So finden die Alpen-Symbole den Weg nach Europa zurück und zeigen einen anderen, nur selten beachteten Aspekt dieser Beziehungsgeschichte. Denn das Edelweiß als alpines Symbol wurde erstmals von dem jüdischen Schriftsteller Bertold Auerbach in seinem Buch Edelweiß proklamiert und hat entscheidend dazu beigetragen, dass der seltene Korbblütler heute fast zum Synonym für die Alpen geworden ist.

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