Jubiläum

»Wir richten den Blick nach vorn«

Frau Axelrod, Sie gehörten viele Jahre dem Vorstand von Limmud an und werden ab dem 30. April, wenn das diesjährige Lernfestival beginnt, wieder dabei sein. Seit 2006 gibt es Limmud, dessen Wurzeln in Großbritannien liegen, auch in Deutschland. Wie würden Sie die Idee des Treffens beschreiben?
Es ist ein fröhliches, langes Wochenende mit viel jüdischem Lernen, kreativen Workshops, bereichernden Begegnungen, leckerem koscheren Essen sowie mehreren verschiedenen Schabbat-Gottesdiensten, das von Freiwilligen organisiert wird. Es ist ein Fest, bei dem jeder zugleich Lehrender und Lernender ist. Denominationsübergreifend – von orthodox bis säkular – sind alle Jüdinnen und Juden angesprochen. Auch patrilineare Juden, nichtjüdische Partnerinnen und Partner sowie Personen im Giur-Prozess können teilnehmen. Man muss kein Mitglied einer Gemeinde sein. Würden wir die Türen auch für Nichtjuden öffnen, gäbe es zwar mehr Teilnehmende, aber es wäre kein jüdisches Festival mehr, in dem wir in einem geschützten Raum offen über alles sprechen können.

Vor 20 Jahren fand Limmud zum ersten Mal in Deutschland statt. Werden Sie das Jubiläum würdigen?
Natürlich werden wir zurückblicken. Damals war es eher ungewöhnlich, dass Jüdinnen und Juden unterschiedlicher Strömungen – säkular, orthodox, liberal und weitere – zusammenkamen. Auch war es ungewöhnlich, dass deutsch- und russischsprachige Juden zusammen unter ein Dach kamen. Gleichzeitig richten wir den Blick nach vorn. Eine der größten Herausforderungen ist die Finanzierung: Wie können wir die Kosten senken? Wer wird uns finanziell unterstützen? Auch genügend Ehrenamtliche zu finden, die alles organisieren, ist nicht immer leicht. Meiner Meinung nach war die Freiwilligenkultur und die multidenominationale Kultur von Anfang an beispielhaft und wurde später auch von anderen Institutionen aufgegriffen.

Welche Rolle spielt Limmud für das jüdische Leben in Deutschland?
Eine sehr bereichernde – für mich persönlich auf jeden Fall. Ich bin in den USA in einer Familie aufgewachsen, in der meine Mutter eher säkular war, während die Familie meines Vaters orthodox ist; mein Großvater väterlicherseits war Rabbiner. Wenn ich an mein erstes Limmud zurückdenke, sehe ich Menschen mit ganz unterschiedlichen Identitäten – und das freut mich sehr. Ich erinnere mich an Teilnehmende, die mir erzählten, sie hätten zuvor noch nie mit einer liberalen Jüdin oder einem liberalen Juden gesprochen. Andere hatten noch nie einen orthodoxen Gottesdienst besucht und konnten dies dort erstmals erleben, da viele unterschiedliche Formate angeboten werden. Die Gottesdienste werden übrigens ebenfalls von Freiwilligen geleitet, darunter auch Rabbiner. Es gibt auch Gottesdienste, in denen Frauen aus der Tora lesen. Man kann von Raum zu Raum gehen und unterschiedlichste Angebote erleben. Die Sessions finden auf Deutsch, Englisch und Russisch statt, in diesem Jahr erstmals auch auf Spanisch.

Was hat Sie damals motiviert, im Vorstand mitzuarbeiten?
Vor etwa 20 Jahren suchte ich nach einer Möglichkeit, mich im jüdischen Leben in Deutschland zu engagieren. Ich hatte für mich akzeptiert, dass ich hier lebe und nicht nur als Journalistin zu Besuch bin. Ich wollte mich einbringen und nicht nur beobachten. Für Menschen über 40 gab es damals nur wenige Angebote, sich als Freiwillige zu engagieren. Dann kam Limmud ins Spiel: Sophie Mahlo, eine junge Anwältin in Berlin, brachte das Konzept nach Deutschland und lud zu einem ersten Treffen ein. Dort habe ich plötzlich einen Ort gefunden, an dem Menschen aller Altersgruppen willkommen waren, sich zu beteiligen. Viele Jahre später bin ich aus dem Vorstand ausgeschieden, nehme aber weiterhin regelmäßig teil.

Wie hat sich das Festival in den vergangenen Jahren verändert?
Anfangs gab es Dolmetscher für Russisch–Deutsch, heute verstehen die meisten Teilnehmenden Deutsch oder Englisch. Zwar gibt es weiterhin auch russischsprachige Sessions, doch insgesamt hat sich die sprachliche Situation verändert. Vor allem sind die Kosten stark gestiegen, sodass wir überlegen müssen, wie wir das Festival künftig gestalten, um es bezahlbar zu halten. Denn trotz Subventionen können sich manche Menschen die Teilnahme nicht leisten.

Wer unterstützt Limmud Deutschland?
Seit der ersten Stunde der Zentralrat, ebenso die Elsbach-Stiftung, die Jewish Agency, Limmud Europe und noch ein paar weitere.

Früher fand Limmud unter anderem am Werbellinsee in der Schorfheide, in Neuharlingersiel, in Berlin und in Hannover statt. Nun ist es bereits zum dritten Mal in Bad Wildungen in Nordhessen. Was macht diesen Ort für Limmud attraktiv?
Vor allem die jüngere Generation schätzt das Hotel sehr. Außerdem ist Bad Wildungen durch seine zentrale Lage in der Mitte Deutschlands für viele gut erreichbar.

Limmud ist auch für sein hervorragendes koscheres Catering bekannt …
Ja, das Catering war und ist wirklich ausgezeichnet. Manche kommen fast nur deshalb – das ist natürlich augenzwinkernd gemeint.

Mit wie vielen Teilnehmenden rechnen Sie in diesem Jahr?
Mit mehr als 400. Es ist bereits ausverkauft. Meiner Meinung nach wäre es besser, einen größeren Ort zu finden, damit noch mehr Leute die Möglichkeit bekommen, mitzumachen.

Und was packen Sie in Ihren Koffer, wenn Sie zu Limmud fahren – nach so vielen Jahren Erfahrung?
Dieses Jahr bringe ich etwas Besonderes mit: Ich habe die Aufgabe übernommen, als Journalistin Teilnehmende – sogenannte Limmudniks – zu ihren Erfahrungen zu interviewen. Dafür habe ich Menschen angesprochen, die schon lange dabei sind, um verschiedene Perspektiven einzufangen. Gemeinsam mit der Künstlerin Anna Adam habe ich daraus zwei große Poster mit Fotos und Zitaten gestaltet, die bis ins Jahr 2006 zurückreichen. Diese Poster werden wir ausstellen und die Teilnehmenden dazu einladen, eigene Kommentare hinzuzufügen.

Mit der Journalistin und Mitgründerin von Limmud Deutschland sprach Christine Schmitt.

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