Porträt der Woche

Willkommen zu Hause

»Ich engagierte mich ehrenamtlich, indem ich die AIDS-Hilfe unterstützte und psychologische Beratung anbot«: Laurette Dassui (76) Foto: Stephan Pramme

Porträt der Woche

Willkommen zu Hause

Laurette Dassui wuchs in Paris auf und entdeckte in Berlin ihr Jüdischsein neu

von Gerhard Haase-Hindenberg  01.02.2026 11:46 Uhr

Mein Tag beginnt damit, dass ich relativ früh aufstehe, erst einmal meine Mails und WhatsApp-Nachrichten checke, frühstücke und danach meine Partnerin besuche, die in einem Pflegeheim lebt. Sie leidet seit drei Jahren an Alzheimer. Jeden Tag gehe ich ein- oder zweimal zu ihr und kümmere mich um alles, was das Pflegepersonal nicht schafft.

Sie schläft sehr viel, dann halte ich ihre Hand und streichle ihren Kopf. Ich creme ihr das Gesicht ein, weil die Haut mittlerweile sehr trocken ist. Ich sehe nach der Wäsche – die guten Sachen nehme ich mit nach Hause und wasche sie dort. Wenn etwas fehlt – wie Zahnpasta, Bodylotion oder sonst etwas –, besorge ich es.

Einmal in der Woche gehe ich zum Yoga und einmal zum Sport. Ich nehme Iwrit-Unterricht im jüdischen Gemeindezentrum, wie auch schon in meiner Jugend in Paris. Die Unterlagen von damals besitze ich immer noch. Am Freitagabend besuche ich zu Kabbalat Schabbat die Synagoge Pestalozzistraße hier in Berlin. Das ist so in etwa mein Alltag.

Geboren und aufgewachsen bin ich in einer jüdischen Familie in Paris. Allerdings war mein Vater Kommunist und folglich auch Atheist. Meine Mutter ging zwar ab und zu in die Synagoge, aber das auch nur, um mit ihren Freundinnen zu quatschen. Religion spielte also erst einmal keine Rolle in meinem Leben. Trotzdem kaufte meine Mutter aus alter Gewohnheit jede Woche die Challa, aber da wir den Schabbat zu Hause ja nicht feierten, war das für mich einfach nur ein Brot ohne jede Bedeutung.
Das aber schützte mich nicht vor antisemitischer Diskriminierung.

Aktiv in einem Komitee, das sich für Juden in und aus der Sowjetunion einsetzte

Als ich zwölf Jahre alt war, sagte eine Klassenkameradin zu mir: »Die Juden sind dreckig und denken immer nur ans Geld!« Ganz sicher wusste sie, dass ich jüdisch bin. Das hat bei mir einen Prozess in Gang gesetzt, der nicht unmittelbar zu etwas führte. Aber als ich 15 oder 16 Jahre alt war, sagte ich mir: »Du gehörst doch dazu!« Und ich habe zwei Dinge getan.
Zum einen habe ich mich politisch engagiert. Bei mir zu Hause wurde viel über Politik gesprochen, wenngleich es überwiegend mein Vater war, der redete. Ich aber wurde dadurch geprägt. So wurde ich aktiv in einem Komitee, das sich für Juden in und aus der Sowjetunion einsetzte. Mein Vater hatte nichts dagegen, denn spätestens nach der Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 war er zwar noch immer Atheist, aber kein Kommunist mehr.

Zum anderen hatte ich das Bedürfnis, jüdisches Leben in einer Synagoge aus nächster Nähe kennenzulernen. Zunächst bin ich in die Große Synagoge von Paris gegangen, die ich beeindruckend fand. Danach war ich in der sefardischen Synagoge, deren Ritus auf mich befremdlich wirkte. Schließlich besuchte ich eine liberale Synagoge im 16. Arrondissement, und dort hat es mir sehr gut gefallen. Der Rabbiner hieß Daniel Farhi und war der Sohn türkisch-jüdischer Eltern. Seinem Einfluss war es zu verdanken, dass ich begann, Iwrit zu lernen und Religionsunterricht zu nehmen.

Antisemiten in der Freimaurerloge? Das hat mich enttäuscht, und ich ging nicht mehr hin.

Nach ein oder zwei Jahren, in denen ich regelmäßig die Synagoge besuchte, passierte – wie man so schön sagt – das Leben. In meinem Fall führte der Weg in eine gemischt-geschlechtliche Freimaurerloge. Zugang fand ich durch eine Schulfreundin, deren Tante für mich bürgte, die wiederum die Cousine von François Mitterrand war. Der Toleranzgedanke der Freimaurer hatte mich fasziniert, aber plötzlich hörte ich dort antisemitische Sätze. Antisemiten in der Loge? Das hat mich enttäuscht, und ich bin nicht mehr hingegangen.

Nach dem Abitur wollte ich eigentlich Medizin studieren, aber meine Eltern haben mir davon abgeraten. Sie meinten, dass dieses Studium für mich zu anstrengend sei. So beschloss ich, Romanistik auf Lehramt zu studieren. Aber als ich ins Immatrikulationsbüro kam, standen für dieses Fach viele Bewerber in einer sehr langen Schlange an, auch für das Fach Anglistik daneben. Ich sah auf die Uhr, weil ich eine Verabredung hatte, und ging deshalb zu der weitaus kürzeren Schlange, wo man sich für Germanistik immatrikulieren konnte. So wurde ich schließlich Deutschlehrerin.

Dabei war Deutschland in Frankreich damals nicht sehr beliebt. Auch bei mir nicht. Alle Lehrer, die ich verehrt hatte, waren in der Résistance gewesen. Ich hätte mir nie vorstellen können, jemals in Deutschland zu leben. Überall in der Welt, aber dort nicht. Allerdings wollte ich einmal Berlin sehen. Nun hatte mir meine Schwester die Adresse einer ihrer Bekannten gegeben, einer Antiquitätenhändlerin in Charlottenburg, bei der ich ein paar Tage wohnen konnte.

Schließlich wurde dieser Journalist mein Ehemann

Eines Tages saßen wir in ihrem Geschäft bei einem Glas Sekt zusammen, als ein Mann hereinkam. Die beiden unterhielten sich auf Deutsch, und plötzlich sprach er perfekt Französisch mit mir. Er lud mich zu einem Frühstück in der Orangerie von Schloss Charlottenburg ein. Die Begegnung mit diesem 30 Jahre älteren Mann war für mich ungeheuer interessant. Er war Journalist und erzählte mir, wie er im Krieg wegen Wehrkraftzersetzung verurteilt wurde, in verschiedenen Lagern gewesen und am Ende mit einem anderen Häftling geflohen war. Schließlich gab er sich bei den britischen Alliierten als Belgier aus. Außerdem hatte er einen großartigen Humor. Kurzum, wir besuchten einander bald gegenseitig in Paris und Berlin, und zwischendurch schrieb er mir zwölfseitige Briefe.

Schließlich wurde dieser Journalist mein Ehemann. Bevor ich zu ihm nach Berlin zog, hat mich die Chefin meiner Gewerkschaft zu einem Gespräch gebeten. Sie war auch Jüdin und flehte inständig, ich solle nicht nach Deutschland gehen. Aber die Liebe war stärker. Leider wurde nach unserer Hochzeitsreise bei ihm Krebs diagnostiziert, und nach nur sechs Jahren glücklicher Ehe ist er verstorben. Ich konnte mich nicht entschließen, ihn hier zurückzulassen und wieder nach Paris zu ziehen. Also blieb ich in Berlin.

Da ich eine Witwenrente bekam, war ich nicht gezwungen zu arbeiten. Das gab mir die Möglichkeit, mich ehrenamtlich zu engagieren. Das kam so: Nach dem Tod meines Mannes hatte ich ein Psychologiestudium begonnen. Hierfür brauchte ich mehrere Zertifikate und Praktika. Damals traten die ersten Fälle von HIV auf, was begleitet war von Ressentiments, Ausgrenzungen und schlimmen rechtsradikalen Sprüchen. Dagegen wollte ich ankämpfen. Ich unterstützte bald die AIDS-Hilfe und bot psychologische Beratung an. Das habe ich dann 46 Jahre lang gemacht und erst damit aufgehört, als meine Frau Dagmar an Alzheimer erkrankte und meine Hilfe benötigte.

Schon in Paris hatte ich mich zwischendurch auch für Frauen interessiert. Dann aber lange nicht mehr, bis ich Dagmar bei einer gemeinsamen Bekannten kennengelernt habe. Seit 20 Jahren sind wir nun schon ein Paar. Aber wenn ich sie in diesem Pflegeheim sehe und erlebe, wie sie kaum noch sprechen kann, bricht es mir das Herz.

Dann passierte dieses grauenvolle Pogrom vom 7. Oktober 2023, und das hat etwas in mir ausgelöst.

Die Synagoge in der Pestalozzistraße war jene, die mir mein Mann damals empfahl, als ich ihn danach gefragt hatte. In all den Jahren bin ich höchstens ein- oder zweimal im Jahr dorthin gegangen. Dann passierte dieses grauenvolle Pogrom vom 7. Oktober 2023, und das hat etwas in mir ausgelöst. Man könnte es eine neuerliche Hinwendung zu einer jüdischen Identität nennen.

In der Synagoge lernte ich Rachel Ben-David kennen, die einstige Religionslehrerin der Jüdischen Gemeinde. Ihr erzählte ich von mir und auch, dass ich nach dem Terroranschlag der Hamas wieder Anschluss zu meiner jüdischen Herkunft suche. Da sagte sie: »Willkommen zu Hause!« Dabei ging von ihr eine unglaubliche Wärme aus. Da wusste ich, dass ich hier wirklich zu Hause bin.

Im vergangenen Sommer war ich in Israel und besuchte Rachel bei ihrer Familie in Beer Sheva. Gemeinsam fuhren wir von dort zum Kibbuz Mischmar Hanegev, wo ich vor mehr als 50 Jahren eine Weile gelebt und gearbeitet hatte. Auch wenn es längst kein landwirtschaftlicher, sondern ein technisch orientierter Kibbuz ist, habe ich doch die Häuser wiedererkannt, in denen wir damals gelebt haben. Endlich bin ich dorthin zurückgekehrt, wo ich als junger Mensch schon einmal war – in die jüdische Gemeinschaft.

Aufgezeichnet von Gerhard Haase-Hindenberg

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