Makkabi

Was für ein Jahr

Leonid Sawlin blickt konzentriert auf das Schachbrett vor sich, überlegt kurz und macht einen Zug. Dann geht er weiter zum nächsten Gegner und zieht blitzschnell den linken Läufer hinter der Reihe Bauern hervor. Sein Gegenüber schaut verdutzt. Diese Prozedur wiederholt sich, bis Leonid beim letzten Spieler angekommen ist und die ganze Reihe der Bierbänke wieder zurückgeht, auf denen seine Gegner nebeneinander sitzen und geduldig über ihren Spielfeldern brüten. Ab und zu bewegt ein Spieler seine Figur zu ruckartig, sodass ein Läufer oder Turm umfällt. Leonid nimmt diese Bewegung dann in seinem Augenwinkel wahr, schaut kurz zwei Plätze nach rechts und ruft: »Der Turm stand aber auf F1!«

Am Ende des Simultanschach-Turniers hat Leonid 13 von insgesamt 16 Partien gewonnen. Eine geht unentschieden aus, zwei verloren. »Zweimal habe ich einen Turm übersehen«, sagt Leonid zerknirscht und schiebt gleich hinterher: »Eigentlich müsste ich alle gewinnen.«

talent Der 16-Jährige ist ein Schachtalent. Derzeit bereitet es sich auf die European Maccabi Games (EMG) vor, an denen er bereits zum zweiten Mal teilnimmt. Dazu studiert er Eröffnungen und analysiert Spiele. Eines seiner Vorbilder ist Schachweltmeister Magnus Carlsen, der kürzlich im Internet simultan gegen ganz Norwegen spielte. Ganz so weit ist Leonid noch nicht, aber er ist ja auch gerade erst 16 geworden. Zeit bleibt also noch genug.

An diesem Sonntag repräsentiert er, zusammen mit seinen Mitspielern, das erfolgreiche Schachteam von TuS Makkabi beim traditionellen Sommersportfest. Rund um den Julius-Hirsch-Sportplatz in Berlin-Charlottenburg sind auch andere Makkabi-Abteilungen vertreten, darunter Fußball, Sportschützen und Rhythmische Sportgymnastik. Zudem werden die Besucher mit reichlich Essen vom Grill versorgt.

Außer dem Duft nach leckerem Essen liegt noch etwas anderes in der Luft: die Vorfreude auf die bevorstehenden EMG, auch wegen der eigenen Teilnehmer. »Insgesamt nehmen etwa 60 Berliner an den Spielen teil, die aber nicht alle bei Makkabi Berlin trainieren, weil wir nicht jede EMG-Sportart auch anbieten«, erzählt Vorstandsmitglied Isaak Lat.

stolz Er ist eine der vielen guten Seelen des Vereins, die viel Zeit und Herzblut in ihre ehrenamtliche Arbeit stecken. Beim Sommerfest ist er kaum für ein längeres Gespräch zu erhaschen, ständig ruft jemand seinen Namen. Ob nun das Zelt für die Turnierleitung festgezurrt werden muss oder ein Mitglied der Nachwuchsabteilung etwas auf dem Herzen hat: Isaak Lat nimmt sich Zeit und zündet sich eine Zigarette an. Hört zu, raucht.

Doch dann muss er schnell weiter, die Ehrung des Schachteams steht an. »Man kann sich gar nicht genug freuen über diese Erfolge«, sagt der Berliner Makkabi-Chef stolz, während er jedem einzelnen Mitglied einen Pokal mit kleinen goldenen Schachfiguren überreicht: Die Mannschaft von Trainer Grigori Gorodetski hat in diesem Jahr mit der Landesmeisterschaft und dem Landespokal einen doppelten Erfolg eingefahren – das Berliner Double gilt als Sahnehäubchen des sportlichen Wettkampfs. Ab der nächsten Saison spielt das Team in der dritthöchsten deutschen Spielklasse, der Oberliga. Eine jüdische Sportmannschaft, die in einem überregionalen Wettbewerb antritt – das ist schon eine kleine Sensation.

Überhaupt verlief das zurückliegende Jahr ausgesprochen erfolgreich für Makkabi: Neben den Titeln der Schachmannschaft belegte das erste Herrenteam der Fußballer einen soliden fünften Platz in der Berliner Landesliga.

bausteine Auch einige neue Abteilungen gehören seit Herbst 2014 zur Makkabi-Familie: So baut der Verein etwa eine Sportschützenabteilung auf, der auch Isaak Lat angehört. »Dieser Sport erfordert natürlich eine große Verantwortung und ein hohes Sicherheitsbewusstsein. Daher bemühen wir uns zunächst, die erforderlichen Nachweise und Besitzscheine zusammenzubekommen, um genug Übungspersonal stellen zu können«, schildert er die bürokratischen Hürden. Dennoch ist er optimistisch, dass sich alles langsam in die richtige Richtung entwickelt. Einige Sportschützen, Lat eingeschlossen, hatten sogar mit einer EMG-Teilnahme geliebäugelt, doch die Veranstalter nahmen das »Shooting« aus dem Programm.

Ebenfalls neu ist die Rhythmische Sportgymnastik für Fünf- bis Zehnjährige unter der Leitung von Diana Raschkovskaja. Das Interesse ist groß, die Warteliste dementsprechend lang: »Es gibt derzeit mehr Interessenten als Plätze«, sagt die Trainerin.

Beim Sommerfest bezaubert die Gruppe mit einer kleinen Tanzeinlage. Nur an den Bedingungen hapert es etwas: »Der Rasen als Untergrund und dazu der Wind! Das ist zum Tanzen eigentlich nicht ganz optimal«, erklärt Raschkovskaja. Ihr Talent bewiesen die Kinder in der Woche zuvor bereits bei einem Turnier: Sie waren das erste Mal dabei und belegten prompt den ersten Platz. »Das sind natürlich die kleinen Bausteine, die sehr motivieren«, findet auch Isaak Lat und lächelt zufrieden.

spaß Auch beim Fußball gibt es erfreuliche Neuigkeiten: Seit diesem Sommer trainiert eine dritte Fußball-Herrenmannschaft. Gegründet hat sie Leonard Kaminski, der sie ab der kommenden Saison in der Kreisklasse C auch als Kapitän anführen wird. Die Idee kam ihm mit ein paar Freunden während der Champions League. Die meisten Mitglieder des Teams kennt er seit mehr als zehn Jahren. »Wir sehen uns eigentlich eher als Team für Leute, die einfach generell Lust haben, ein bisschen zu kicken und deshalb nicht unbedingt dreimal pro Woche trainieren müssen. Dementsprechend sind alle unterschiedlich fit«, sagt Kaminski und blickt dabei verschmitzt zu seinen Teamkameraden hinüber.

Das Turnier beim Sommerfest dient als Auftakt, verläuft aber noch ausbaufähig. So hapert es noch an der Abstimmung. »Aber, hey, wenigstens nehmen wir jüdischen Sport ernst«, sagt er und lächelt, während er sich nach dem dritten verlorenen Spiel in Folge erschöpft auf den Rasen fallen lässt. Es gibt eben Tage, da ist auch das Gewinnen im Sport nur Nebensache.

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