Frankfurt/Main

Vorsichtige Annäherung

Der mit insgesamt 20.000 Euro dotierte Hessische Integrationspreis 2019 ist am Dienstagabend an mehrere interreligiöse Initiativen verliehen worden. Foto: Thinkstock

Es war ein Paukenschlag, der weit über Frankfurt hinaus gehört wurde: Als mehrere muslimische Vertreter des Rats der Religionen sich während des Gaza-Krieges wiederholt antisemitisch äußerten, zog die Jüdische Gemeinde die Reißleine und trat aus dem Gremium bis auf Weiteres aus. »Dies sind nicht die Personen, mit denen wir weiter arbeiten können, dafür ist die Arbeit im Rat der Religionen zu wichtig«, erklärte damals Leo Latasch, Sozialdezernent der Jüdischen Gemeinde Frankfurt.

Im Nachgang zu diesem Eklat warf der damalige Zentralratspräsident Dieter Graumann muslimischen Verbänden vor, nicht genug gegen Antisemitismus zu tun. »Sie versprechen es, aber konkrete Schritte muss man mit der Lupe suchen«, sagte Graumann Anfang August der Jüdischen Allgemeinen. »In den letzten Wochen ist deshalb viel Vertrauen kaputt gemacht worden.«

erfreulich Jetzt ist in das angespannte Verhältnis beider Religionsgemeinschaften neue Bewegung gekommen. Vertreter der Jüdischen Gemeinde und des türkischen Moscheenverbands Ditib hätten sich in den vergangenen Wochen mehrmals getroffen, um die Gründe für die Eskalation des Streits und die fragwürdigen judenfeindlichen Aussagen von Vertretern der Islamischen Religionsgemeinschaft Hessen (IRH) aufzuarbeiten. In einer gemeinsamen Erklärung betonten beide Seiten, dass nach den zurückliegenden erfreulichen Gesprächen weitere gemeinsame Treffen vorgesehen seien.

Ebenjene Gespräche bewertete Leo Latasch von der Jüdischen Gemeinde Frankfurt als äußerst positiv. Mit großer Offenheit hätten beide Parteien über die Ursachen des Austritts der Jüdischen Gemeinde aus dem Rat der Religionen diskutiert. Noch sei allerdings unklar, ob die Jüdische Gemeinde dem 2009 gegründeten interreligiösen Gremium wieder beitreten werde.

Das direkte Gespräch in vertraulicher Atmosphäre sei für das gegenseitige Verständnis sehr wichtig, unterstrich auch Selçuk Dogruer, Landesbeauftragter von Ditib-Hessen. Da der Nahostkonflikt »für Missverständnisse besonders anfällig« sei, müsse die Diskussion über dieses Thema sachlich und differenziert geführt werden.

vorgeschichte Alles andere als sachlich und differenziert war indes im Sommer dieses Jahres die Kritik vieler muslimischer Vertreter des Rats der Religionen am Zentralrat der Juden in Deutschland sowie an der Rolle des jüdischen Staates während des Gaza-Krieges. Die IRH etwa warf dem Zentralrat vor, mit der Diskussion über Antisemitismus in Europa »ein Ablenkungsmanöver vom Kriegsverbrechen der israelischen Regierung« initiiert zu haben.

»Der Zentralrat der Juden, viele politische Kreise und Medien in Deutschland versuchen in den letzten Tagen zunehmend, das Kriegsverbrechen der israelischen Armee (...) zugunsten der Antisemitismus-Debatte in Deutschland zu verdrängen«, so die IRH in einer Pressemitteilung.

Ünal Kaymakci, stellvertretender IRH-Vorsitzender und Mitglied im Rat der Religionen, hatte zudem auf seiner Facebook-Seite Artikel verlinkt, in denen Israel Staatsterrorismus und Verbrechen gegen die Menschlichkeit vorgeworfen wurden. »Wir haben nicht vergessen, dass Israel bei seinem Angriff auf Gaza im Jahre 2009 Hunderte Kinder grausam ermordet hat«, heißt es in einem der von Kaymakci empfohlenen Beiträge.

Hassparolen Selçuk Dogruer, Vertreter der Muslime im Rat der Religionen, warf dem Zentralrat der Juden indirekt eine Mitschuld an den antisemitischen Protesten von arabischen Demonstranten vor. Er kritisierte den Frankfurter Polizeipräsidenten, weil dieser sich beim Zentralrat der Juden dafür entschuldigt hatte, antiisraelischen Demonstranten ein Megafon für das Verbreiten von antisemitischen Hassparolen überlassen zu haben.

Der Austritt der Gemeinde war einer von zahlreichen tief greifenden Einschnitten für Juden in Deutschland infolge der militärischen Auseinandersetzungen zwischen Israel und der radikal-islamischen Hamas im Juli und August dieses Jahres. Während des Krieges war es in ganz Deutschland verstärkt zu Angriffen auf jüdische Personen und Einrichtungen gekommen.

Auf zahlreichen pro-palästinensischen Demonstrationen riefen Teilnehmer zudem ungestraft antisemitische Parolen wie »Juden ins Gas!«, »Kindermörder Israel!« und »Jude, Jude, feiges Schwein, komm’ heraus und kämpf allein!«.

Meilenstein

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