Nun also Stuttgart. Endlich. »Es war schon lange ein Traum von mir, dass die Jewrovision einmal in meiner Heimat gefeiert wird«, sagt Igal Shamailov, Leiter des Jugendzentrums »Halev«. Als Teilnehmer tanzte und sang er schon mehrmals auf der Bühne, aber ohne mit einem Sieg nach Hause zu fahren. »Nun geht mein Traum in Erfüllung, aber nicht als Musiker, sondern als Rosch«, meint der 29-Jährige, der seit drei Jahren zusammen mit Boris Karasik das Jugendzentrum leitet.
Zum ersten Mal in ihrer Geschichte wird die Jewrovision in Stuttgart stattfinden – am selben Wochenende wie der Eurovision Song Contest in Wien. Am Donnerstagabend, 14. Mai, beginnt das Mini-Machane. Die Show startet am frühen Freitagnachmittag. »Das hatten wir bisher erst zweimal«, sagt Marat Schlafstein, Leiter der Abteilung Programme und Veranstaltungen des Zentralrats der Juden.
»Wir sind in einer tollen Location in Stuttgart. Alles wird sehr nah beieinander sein«
Normalerweise findet die Show immer nach dem Schabbat statt, diesmal aber davor. »Die ganze Anspannung wird also von den Teilnehmern schon abgefallen sein. Das schafft dann eine ganz besondere Schabbat-Atmosphäre, die wir alle genießen wollen.« Und weiter: »Wir sind in einer ganz tollen Location in Stuttgart. Alles wird sehr nah beieinander sein.«
Vor den Freunden, der Familie auf der Bühne zu stehen, locke noch mehr Jugendliche an.
An diesem Sonntagmorgen im Februar ist Igal Shamailov noch ein paar Hundert Kilometer von Stuttgart entfernt. Er sitzt im Zug von München, wo er übers Wochenende seine Freundin besucht hat, und ist unterwegs zum Juze Halev. »Das ist das jüdische Leben. Wir lernen Leute aus verschiedenen Städten kennen und sind dann viel auf Reisen«, sagt er mit einem Schmunzeln.
In der Stuttgarter Gemeinde ist er groß geworden, besuchte den jüdischen Kindergarten und engagierte sich später im Jugendzentrum. In den nächsten Wochen vor der Jewrovision wird er noch mehr um die Ohren haben als üblicherweise.
»Die letzte Jewro war sehr groß und bedeutungsvoll für uns«
Auch Simone Schneidmann nimmt oft den Zug und pendelt zwischen Münster und Dortmund. Sie stammt aus Duisburg, studiert in Münster und leitet in Dortmund das Juze »Emuna«. »Die letzte Jewro war sehr groß und bedeutungsvoll für uns, weil sie vor unserer Haustür in den Messehallen stattgefunden hat, und wir konnten Schabbat im BVB-Stadion feiern«, sagt die 22-Jährige. Das hätte allen noch einen extra Motivationsschub gegeben. »Dementsprechend wollten natürlich noch mehr Kinder und Jugendliche Teil dieser Jewro sein.« Mit ihrer Performance erreichten sie den neunten Platz. »Das war lustig – denn auf unseren Trikots, die wir vom BVB bekommen haben, stand die Zahl neun.«
Anfang Februar waren Simone Schneidmann und ihr Team noch mit der Planung beschäftigt. »Wir möchten alle anregen, jetzt doch noch einmal auf der Bühne zu stehen, auch wenn die Show nicht in der Heimatstadt gefeiert wird.« Bei einem Casting wurde geprüft, wer lieber singen und wer tanzen soll. Und ob es unentdeckte Talente gibt.
In Stuttgart ist Igal Shamailov kaum zu bremsen: »Es ist schön, dass die Jewro jetzt bei uns ist. Damals waren alle zufrieden mit dem Sieg – das ließ sich nicht toppen. Aber die Jewro zu Hause zu haben, als Heimspiel, macht uns hungrig, auf die Bühne zu gehen.« Vor zwei Jahren konnte das Jugendzentrum Halev mit einem Sieg nach Hause fahren.
»Es wird ein riesengroßes Fest«
Für das Stuttgarter Juze bedeutet die Austragung einen Aufschwung. Vor der Familie, den Freunden auf der Bühne zu stehen, locke noch mehr Kinder und Jugendliche an, sagt Shamailov. »Es wird ein riesengroßes Fest. Wir hoffen, wieder mit einer guten Platzierung abzuschließen.« Sein Wunsch sei es auch, bei dieser Gelegenheit Kinder und Jugendliche in die Gemeinde zu bringen – und vielleicht dauerhaft zu binden. 50 Kids und Jugendliche werden performen, das habe es in der Gemeinde noch nie gegeben.
Simone Schneidmann weiß, wovon Igal Shamailov spricht. »Im vergangenen Jahr hatten wir um die 80 Leute. Für eine Stadt wie Dortmund ist das wirklich stark. Dieses Jahr gehen wir von 60 Kindern und Jugendlichen aus«, sagt die Erziehungswissenschaftsstudentin. Unter ihnen sei auch die Hauptsängerin des vergangenen Jahres. »Tatsächlich haben wir einen kleinen Jackpot gezogen – denn sie wird einen Tag nach der Jewro 20 und wäre dann zu alt. Wir haben also noch einmal Glück gehabt, dass wir sie mitnehmen dürfen.«
Freunde waren der Grund, weshalb Simone seinerzeit als Schülerin nach Dortmund fuhr, um bei den Juze-Nachmittagen dabei sein zu können. Schließlich wurde auch sie Rosch. Ihre erste Jewro war allerdings noch mit dem Landesverband Nordrhein. »Das war damals sehr aufregend für mich, weil ich vorher noch nie – auch nicht als Zuschauerin – bei der Jewro war.« Daher sei das etwas sehr Neues gewesen.
Sie erinnere sich an ein Glücksgefühl und die große Aufregung. Der Landesverband Nordrhein fand sich bei der Platzierung eher in der unteren Hälfte wieder, was sie – nach all der harten Arbeit, Zeit und Kraft, die sie investiert hatte – dann doch ein wenig frustrierte. Aber es habe immer Leute gegeben, die sie wieder aufgemuntert hätten.
Motivation Man müsse die Jewro auch verstehen, sagt die 22-Jährige, denn es spielen viele Faktoren eine Rolle. Mal seien es die Sänger, mal das Bühnenbild, die kaum zu toppen sind. Es gebe Jugendzentren aus anderen Städten, die mehr auf der Bühne leisten können. »Das ist auch in Ordnung so, aber man muss es den Kindern erklären, damit sie nicht die Motivation verlieren.«
Das diesjährige Jewro-Motto »Voices of Hope« kommt gut an
Ohne ein gutes Team würde es nicht funktionieren, sagt die Studentin. Co-Rosch Maria Protopopova pflichtet ihr bei. So seien einige für die Outfits zuständig, andere fürs Bühnenbild oder für die Requisiten. Und jedes Komitee spreche dann mit der Juze-Leitung seine Ideen ab, die das Ganze schließlich wieder mit den Choreografen und Gesangscoaches diskutieren. Diese werden mithilfe der Juze-Leitung und der Gemeinde gemeinsam bereitgestellt. Die Dortmunder Gemeinde unterstütze Emuna. »Dafür sind wir sehr dankbar«, so Schneidmann. Das diesjährige Jewro-Motto »Voices of Hope« kommt gut an.
»Wir versuchen, das Motto immer – so gut es geht – in die Geschichte des Auftritts einzubauen. Die Kinder verstehen im Laufe der Proben, dass es das Zentrum des Auftritts ist und sie das ganz und gar verkörpern, sowohl mit der Stimme als auch tänzerisch.« Allerdings seien sie noch in der Ausarbeitungsphase.
In der Welt geschehe derzeit so viel, worauf man das Motto beziehen könne. Beispielsweise, dass kürzlich die letzte Geisel aus Gaza nach Israel zurückgebracht werden konnte. Oder die Frage, ob bald Frieden auf der Welt herrsche. »In der Zukunft steckt so viel Potenzial und Hoffnung, dass man das auf alles beziehen könnte.«
Bei einem Casting wurde geprüft, wer lieber singen und wer tanzen soll.
Gerade in Zeiten, wie wir sie jetzt erleben, in denen man hauptsächlich mit negativen Nachrichten konfrontiert ist, sei das Event Balsam für die Seele, sagt Marat Schlafstein vom Zentralrat der Juden. Dies betreffe natürlich in erster Linie die jungen Leute, die an dem Mini-Machane und der Show teilnehmen, aber eben auch alle, die kommen, um zuzuschauen. »Das ist super wichtig für die ganze Community.« Außerdem werden wieder »Workshops mit tollen Referenten und viele Ausflüge angeboten«, verspricht Schlafstein. Und: »Für Samstagabend, wenn das Finale des Eurovision Song Contest übertragen wird, haben wir vor, ein Public Viewing anzubieten. Das ist eine Besonderheit, die es so für uns noch nie gab.«
Der Schabbat wird wieder ein Highlight
Der Schabbat werde definitiv wieder ein Highlight. Die Leute freuen sich, wieder zusammenzukommen. »Viele Teilnehmer leben in kleineren Städten. Für sie ist ein Event wie die Jewro so, als ob Manna vom Himmel regne. Es ist der Moment, auf den sie warten, um ihre Batterien aufzuladen.«
Igal Shamailov widmet sich erst einmal den Vorbereitungen. »Seit Dezember wissen wir schon, welcher Song es wird, der Text ist fast fertig, das Video ist auf gutem Weg. Also, orgamäßig sind wir schon weit. Top vorbereitet würde ich sagen.« Allerdings komme auch etwas Wehmut auf. »Wir nennen diese Jewro ›The last dance‹, denn viele werden im nächsten Jahr zu alt sein, um noch einmal auf der Bühne zu performen.« In Stuttgart klaffe dann eine Alterslücke, sagt Shamailov – »die nächsten Kinder sind einige Jahre jünger«. Aber: The show must go on.