Hamburg

Altona war schon immer toleranter

Berlin hat eines, und Wien, München, Frankfurt am Main und sogar Rendsburg mitten in Schleswig-Holstein. Nur Hamburg nicht. Die Hansestadt verfügt über kein jüdisches Museum. Ihre jüdische Geschichte blieb jahrzehntelang in einer kleinen, ziemlich versteckten Abteilung des Museums für Hamburgische Geschichte verborgen.

Und das, obwohl die Hansestadt ihren Reichtum nicht zuletzt Jüdinnen und Juden wie Salomon Heine, Onkel des Dichters Heinrich Heine, dem Bankier Aby Warburg oder dem Reeder­könig Albert Ballin verdankt. Zudem ist auch diese Abteilung seit Januar 2024 selbst Geschichte, denn das Museum wurde für eine Grundsanierung komplett geräumt.

Inquisition der katholischen Machthaber in Portugal und Spanien

Hamburg ist also die einzige deutsche Großstadt, die ihre jüdische Geschichte noch nicht in einem eigenständigen Museum erforscht und zeigt. Dabei haben sich Jüdinnen und Juden bereits in der Frühen Neuzeit, um das Jahr 1500, in der damals dänischen Stadt Altona, heute ein Stadtteil Hamburgs, angesiedelt. Sie waren vor der Inquisition der katholischen Machthaber in Portugal und Spanien in den toleranteren Norden geflohen und konnten in Altona erstmals ihr Judentum offen leben.

Seit zwei Jahren gibt es gar keinen Ort mehr für die jüdische Geschichte Hamburgs – und im neu aufgestellten Museum ist eine jüdische Abteilung auch nicht wieder vorgesehen. Das Argument: Das Judentum sei Teil der Geschichte Hamburgs und werde als solches in den Gesamtkontext integriert.

Das brachte vor allem Sonja Lahnstein-Kandel auf den Plan. Die Initiatorin des Förderkreises Jüdisches Museum Hamburg stellt klar: »Es stimmt nicht, dass Jüdinnen und Juden immer ein Teil der Hamburger Geschichte gewesen sind, Juden hatten zum Beispiel lange Zeit keine Bürgerrechte.« Tatsächlich wurde Jüdinnen und Juden auch in der Freien Hansestadt das Bürgerrecht verweigert. Im Gegensatz zum benachbarten Altona, das ja zum Königreich Dänemark gehörte.

König Christian IV. erteilte den Juden durch das Altonaer Generalprivileg bereits 1641 den Status von »Schutzjuden« und somit Autonomie, Selbstverwaltung, das Recht auf Religionsausübung und Handel. Das volle Bürgerrecht folgte 1842. Im preußischen Hamburg mussten die Juden sehr lange Zeit um diese Bürgerrechte kämpfen.

In diesem Sommer ist eine Machbarkeitsstudie für ein Jüdisches Museum in Hamburg geplant.

Auf Initiative von Sonja Lahnstein-Kandel hat das Altonaer Museum unter dem Titel »Wegmarken jüdischer Geschichte« einen Projektraum eingerichtet und zeigt im zweiten Stock des Museums auf 100 Quadratmetern 400 Jahre jüdische Geschichte – chronologisch, klein und natürlich nur in Anrissen. Aber endlich hat Hamburg wieder einen Ort, an dem zumindest ein Stück jüdischer Stadtgeschichte präsentiert wird.

Der liberalere und tolerantere Teil des heutigen Hamburg

»Die jüdische Geschichte Hamburgs ist in großen Teilen eine Altonaer Geschichte«, sagt Museumsdirektorin Anja Dauschek und erinnert daran, dass Altona ja immer der liberalere und tolerantere Teil des heutigen Hamburg war. Daher stammen die ersten ausgestellten Exponate auch aus Altona, darunter der Löwe, der wie ein Solitär auf einem Brunnen des sefardisch-aschkenasischen Friedhofs an der Königsstraße steht. Sefardische Juden gründeten den Doppel-Friedhof 1611, nachdem ihnen Hamburg entsprechende Begräbnisstätten verweigert hatte.

»Wir zeigen komprimiert, warum die jüdische Geschichte Hamburgs auch im nationalen Vergleich so bedeutend ist«, erklärt Dauschek. Die Wegmarken im Projektraum seien dabei vor allem Anregungen zum selbstaktiven Weiterforschen. Sie streifen neben dem Doppel-Friedhof an der Königstraße unter anderem auch die Gründung des Neuen Israelitischen Tempelvereins im Jahr 1817, der das Reformjudentum von Hamburg in alle Welt trug, die bürgerliche Gleichstellung 1842 in Altona und 1849 im preußischen Hamburg bis 1933, bis zur Entrechtung, Verfolgung und Schoa.

»Viele der Objekte haben eine Enteignungsgeschichte«, sagt Dauschek. Um diese transparent zu machen, können sich Besucherinnen und Besucher an Hörstationen informieren und so in die Geschichte eintauchen.

Geplante Machbarkeitsstudie

Sonja Lahnstein-Kandel setzt sich als Initiatorin des Förderkreises seit Jahren unter dem Titel »Judentum ist Kultur, Tradition, Innovation, Humor, Humanität – Leben jenseits der Religion« für ein eigenes jüdisches Museum in Hamburg ein. In diesem Sommer ist dafür eine Machbarkeitsstudie geplant.

»Ich wünsche mir, dass der bedeutende Beitrag des Judentums zur Entwicklung Hamburgs mit einem Jüdischen Museum mehr Beachtung findet. Ich bin voller Respekt, dass sich nach einem Prozess des Diskurses viele Akteure und Hamburgs Kultursenator Carsten Brosda öffentlich zu diesem Vorhaben bekannt haben«, sagt Sonja Lahnstein-Kandel.

Sie ergänzt: »Mein Traum ist ein modernes, lichtdurchflutetes Museum. Die Stadt kann so ihren Bekenntnissen gerecht werden, sowohl aus Gründen des Respekts für jüdische Bürger damals und heute als auch als Antwort auf den explodierenden Antisemitismus.«

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